Der Kult um den Schwarzen Nazarener

Am 9. Januar ist es wieder soweit: In der philippinischen Hauptstadt Manila kommen Millionen Gläubige aus dem ganzen Land zusammen. Grund dafür ist der geheimnisvolle Schwarze Nazarener, dem man Wunder nachsagt. Um ihn zu berühren, nehmen viele körperliche Strapazen und sogar Verletzungen in Kauf.

Es ist ein buntes und fröhliches, aber auch gefährliches Spektakel, das sich jedes Jahr am 9. Januar in der philippinischen Hauptstadt Manila abspielt: Millionen Gläubige aus dem ganzen Land füllen die Straßen, sie jubeln, blasen in Trillerpfeifen, schwenken Fahnen und wedeln mit Tüchern. Die meisten von ihnen haben nur ein Ziel: Den Schwarzen Nazarener berühren oder ihm wenigstens nahe sein. Dafür nehmen sie körperliche Strapazen und sogar Verletzungen in Kauf. Denn der Jahrhunderte alten Jesusstatue, die bei dem „Translacion“ genannten Umzug durch die Stadt gezogen wird, sagt man nach, sie könne Wunder bewirken.

Dieses Jahr erwarten Kirche und Regierung sogar bis zu 18 Millionen Teilnehmer in der gesamten Festwoche, berichtet die Nachrichtenseite „UCAnews“. 2016 hätten nach Schätzungen etwa 15 Millionen teilgenommen, davon rund 1,5 Millionen an der Prozession. Jedes Jahr würde die Zahl der Teilnehmer steigen, zitiert die Seite den Polizeipräsidenten von Manila. Straßenfestivals mit religiösem Hintergrund haben auf den Philippinen Tradition und sind bei den Philippinos, von denen mehr als 80 Prozent katholisch sind, beliebt. Vor allem die Umzüge während der Karwoche und das Sinulog-Festival mit rituellen Tänzen zu Ehren des Santo Niño, einer Statue des Heiligen Kindes, sind auch international bekannt. Die Prozession des Schwarzen Nazareners ist jedoch die größte in dem Staat mit den rund 7.500 Inseln.

Fast nicht mehr zu sehen ist der Schwarze Nazarener, so viele Gläubige wollen ihm nahe sein.

Anfang des 17. Jahrhunderts ist die Holzfigur wohl von spanischen Augustinerbrüdern mit einem Schiff aus Mexiko auf die Philippinen gebracht worden. Die lebensgroße Statue, die Jesus in einer Samtrobe mit einem Kreuz auf der Schulter darstellt, steht das Jahr über in der „Basilika minor vom Schwarzen Nazarener“ im Stadtteil Qiapo. Ihre schwarze Farbe bekam sie, so erzählen sich die Philippinos, weil ein Feuer auf dem Schiff ausbrach und sie sich dadurch verfärbte. Über die Jahrhunderte überlebte die Statue verschiedene Katastrophen, darunter einige Brände und die verheerende Bombardierung der philippinischen Hauptstadt zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Die anscheinende Unzerstörbarkeit und Wunder, die ihren Verehrern widerfahren sein sollen, trugen stark zu ihrer Beliebtheit bei. Sie – oder aus Sicherheitsgründen eine Kopie – wird mehrmals im Jahr in einer Prozession auf einem Wagen durch die Straßen gezogen und getragen, unter anderem am Karfreitag. Diese Tradition geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Der Umzug am 9. Januar, der ein Feiertag in Manila ist, soll an die „Translacion“ erinnern, den Umzug vom ursprünglichen Standort der Statue zum jetzigen.

Stofftücher mit Heilkraft

Die Menschen, die sich an diesem Tag in den Straßen drängen, tragen meist gelbe oder weinrote T-Shirts, wie die Farben der Samttunika, die die Statue trägt. Auf ihnen ist oft das Konterfei des Schwarzen Nazareners abgebildet. Um die Statue herum herrscht ein beständiger Tumult, Unzählige versuchen, sich am Podest hochzuziehen und den Schwarzen Nazarener anzufassen. Viele Gläubige wollen sie außerdem mit Stofftüchern berühren oder werfen diese Tücher den Trägern der Statue zu, damit sie diese an dem Holz reiben. Davon erhoffen sich die Gläubigen heilende Kräfte der Tücher, manche glauben auch, dass ihnen nach der Berührung der Statue ein Wunsch erfüllt wird.

Wieder andere bemühen sich, das Prozessionspodest ein Stück zu tragen oder zu ziehen, und viele sind dabei barfuß unterwegs. Für sie ist das wie die Strapazen der Prozession einerseits Buße, andererseits eine Nachahmung von Jesu Weg nach Golgatha. „Die Verehrer haben verschiedene Gründe, warum sie an der Prozession teilnehmen“, erklärte Jayeel Serrano Cornelio, ein Soziologe an der Jesuiten-Universität Ateneo de Manila, dem Sender Aljazeera. „In der volkstümlichen Religiosität der Philippinos ist die Vergebung der Sünden nicht die größte Sorge. Viele Menschen kommen, um ihrer Dankbarkeit Gott gegenüber Ausdruck zu verleihen und um Hilfe oder Erkenntnis für sich selbst zu bitten.“

Wegen der Millionen Teilnehmer dauert die Prozession lange, oft bis zu zwanzig Stunden. Dabei erleiden jedes Jahr Tausende Verletzungen oder Kreislaufzusammenbrüche, auch Tote sind nicht selten – erst vergangenes Jahr starben zwei Männer. Rund 5.000 Polizisten und weitere Sanitäter, Feuerwehrleute und Verkehrshelfer sollen dieses Jahr für Ordnung sorgen, berichtet „UCAnews“. Dieses Jahr soll die Prozession überdies auf den sozialen Netzwerken live übertragen werden – für alle, die nicht vor Ort dabei sein können. „Es gibt wirklich diesen Hunger und Durst unter den Menschen, bei der Prozession dabei zu sein“, sagte der Rektor der Basilika, Hernando Colonel, der Nachrichtenseite.

Quelle

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