Jetzt im Visier der Polizei: die Polizei

Manila, Philippinen – Die Jagd auf Drogendealer wird ausgesetzt. Man fahndet plötzlich nach Kriminellen im Staatsdienst.

Glitzerwelt und Unterwelt machten sich am Montag in Manila heftig Konkurrenz, beide beherrschten im Wechsel die Topnachrichten. Einerseits begeisterten sich die Philippiner für die glamouröse Kür der neuen „Miss Universe“, die Iris Mittenaere heißt und aus Frankreich kommt. Andererseits verfolgten sie mit wachsendem Unbehagen die Meldungen über den Anti-Drogen-Krieg des Präsidenten Rodrigo Duterte, der eine bizarre Wen-de zu nehmen scheint. Denn nun sieht sich die Polizeitruppe des Staates auf einmal genötigt, mutmaßliche Verbrecher in den eigenen Reihen zu jagen.

Polizeichef Ronald dela Rosa gab vor Journalisten bekannt, dass er die Jagd auf Drogendealer erst einmal aussetzen müsse. Stattdessen kündigte er an, Kriminelle im eigenen Apparat zu verfolgen. „Schurkenpolizisten, passt auf“, drohte der kahlköpfige Polizeiboss, den sie auch „Bato“, den „Felsen“, nennen. „Es gibt vorübergehend keinen Anti-Drogen-Krieg mehr. Wir räumen zuerst in den eigenen Reihen auf.“

Polizisten stehen im Verdacht, Razzien als Vorwand zu nutzen, um gezielt zu töten

Die Verwirrung über den künftigen Kurs ist nun groß. Hatte Präsident Rodrigo Duterte doch erst wenige Stunden zuvor noch eine ganz andere Botschaft unters Volk gebracht. Der Staatschef redete davon, dass er den Kampf gegen Drogen und Dealer noch bis zum Jahr 2022 ausdehnen müsse, weil er viel länger dauere als erwartet. „Bis zum letzten Tag meiner Amtszeit“ lautete der Plan Dutertes.

Was nun geschehen wird, weiß man nicht genau, die Signale aus Manila sind widersprüchlich. In jedem Fall verstärken sie den Eindruck, dass das Team Dutertes immer größere Mühe hat, im ausufernden Chaos auf den Philippinen noch Herr der Lage zu bleiben.

Dass Angehörige des Polizeiapparats als Auftragskiller unterwegs sind, wird schon lange vermutet. Nun erhärtet der gruselige Fall eines im Oktober ermordeten koreanischen Geschäftsmannes den Verdacht und bringt den Staat unter wachsenden Druck. Nach Erkenntnissen der Justizbehörden war der Unternehmer Jee Ick Joo im Oktober aus seiner Wohnung entführt und später getötet worden. Die Täter erpressten offenbar Lösegeld von der Familie des Koreaners, sie ließen die Angehörigen dabei im Glauben, dass der Entführte zu jener Zeit noch am Leben war. Die Entführung soll unter dem Deckmantel einer Anti-Drogen-Razzia ausgeführt worden sein. Was den Polizeiboss jedoch am stärksten unter Druck setzt, ist der ermittelte Tatort. Demnach ist der Koreaner innerhalb der Mauern von Camp Crame gestorben, dem nationalen Polizeihauptquartier.

Als Mitte Januar Details der Untersuchung bekannt wurden, äußerte sich Präsident Duterte verärgert, beharrte aber darauf, dass es sich um einen Einzelfall handele, der mit der allgemeinen Anti-Drogen-Jagd seiner Regierung nichts zu tun habe. Den Skandal konnte er aber nicht unterdrücken, zumal nun Rafael Dumlao, bisheriger Chef der Anti-Drogen-Truppe, als mutmaßlicher Kopf der Entführerbande verhaftet wurde.

Ob Polizeichef dela Rosa unter diesen Umständen seinen Posten behalten wird, ist nicht gewiss. Er gibt den Entschlosse-nen und tritt die Vorwärtsverteidigung an, er verspricht, den Apparat nun von allen Schurken zu „säubern“. Die Justiz ordnete nach einem Bericht des Philippine Inquirer an, den Fall Jee Ick Joo noch einmal neu zu untersuchen. Dafür haben die Ermittler nun 60 Tage Zeit.

Weil viel Geld im Spiel ist, ist eine Verstrickung korrputer Beamter kaum zu vermeiden

Mehr als 6000 Tote hat der Anti-Drogen-Krieg Dutertes bisher schon gefordert, häufig sind die Umstände dubios, unter denen Verdächtige bei Einsätzen sterben. Meistens traf es arme Leute in den Slums. Polizisten stehen im Verdacht, Razzien nur als Vorwand zu nutzen, um gezielt zu töten. Außerdem machen sich maskierte Auftragskiller im Schutz der Nacht auf den Weg und morden offenbar unter dem Deckmantel des Anti-Drogen-Kampfes, was der Staat jetzt nur noch schwerlich leugnen kann.

Senatorin Leila De Lima, Dutertes schärfste Kritikerin, rief den Staatschef dazu auf, jetzt kategorisch das Ende aller Tötungen zu befehlen. Auch andere wagen Widerspruch. Der Ökonom Emmanuel Soriano de Dios argumentiert, dass der Anti-Drogen-Krieg Dutertes die Mafia im Untergrund nur mächtiger mache, wie es immer in Systemen der Prohibition zu beobachten sei. Weil große Summen Geld im Spiel sind, ist eine Verstrickung korrupter Polizeibeamter kaum zu vermeiden. Dadurch ruinierten die Strafverfolgungsbehörden ihren Ruf, wie jetzt im Fall des Koreaners Jee Ick Joo. Schon vorher misstrauten viele Philippiner ihren Polizisten. Nun dürfte deren Ansehen auf lange Zeit zerstört sein.

Quelle

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