Kardinal Tagle: „Mission ist nicht nur ein Auftrag“

Manila, Philippinen – Manchen gilt er als eine Art asiatische Ausgabe von Papst Franziskus. Jedenfalls kann Kardinal Luis Antonio Tagle gut erklären, worum es dem jetzigen Papst geht. Tagle ist Erzbischof von Manila auf den Philippinen und Präsident von Caritas Internationalis – aber in den letzten Tagen war er wieder mal als Papst-Deuter gefragt. Auf einem Kongress in Florenz legte er Evangelii Gaudium aus, das programmatische Schreiben von Franziskus aus dem Jahr 2013

„Wir assoziieren Evangelii Gaudium meistens mit den berühmten Worten des Papstes, die Kirche sei im Aufbruch und solle an die Peripherien gehen. Aber als ich die Apostolische Exhortation jetzt wieder gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass Mission dort nicht nur als Aufgabe beschrieben wird, sondern als eine Spiritualität! Ohne diese Spiritualität gibt es gar keine missionarische „Kirche im Aufbruch“. Für Papst Franziskus besteht missionarische Spiritualität darin, offen zu sein für den Heiligen Geist und versuchen, den Willen des Heiligen Geistes herauszufinden (zu „unterscheiden“). Die Kirche gehorcht dem Heiligen Geist, sie tut lediglich das, was der Geist ihr eingibt. Also ist Mission nicht nur eine Arbeit, eine Aufgabe – sondern auch Betrachtung. Staunen über das Evangelium. Sie besteht nicht nur darin, zu geben – alles zu geben –, sondern auch darin, alles zu empfangen. Im Zentrum steht die Begegnung mit Jesus Christus, und von daher kommt dann die Öffnung für die anderen, für die Armen. Auf die muss man persönlich zugehen. Sonst gibt es keine Umkehr. Und ohne Umkehr gibt es keine Mission.“

„Das von den Armen gelebte Evangelium“

Das sind ganz schön viele Papst-Franziskus-Stichworte auf einmal. Eines fehlt hier aber noch: sein berühmtes „an-die-Peripherie-Gehen“. Was genau meint der Papst denn damit, Kardinal Tagle?

„Die Peripherie ist kein geographischer, sondern ein menschlicher Ort. Sie ist die verlassenste Zone. Da, wo Menschen sich in ihrer Würde nicht respektiert fühlen, weil die Gesellschaft und auch die Kultur sie im Stich lässt. Herausgehen an die Peripherie bedeutet, Gemeinschaft herzustellen. Solidarität zu zeigen. Die Würde jedes Menschen zu bekräftigen. Für uns Christen ist es auch ein Akt des Evangelisierens: unter den Armen die Anwesenheit Jesu Christi verkündigen. Das ist für Papst Franziskus ganz wichtig: Heraus an die Periphierie gehen, nicht nur um das Evangelium dort hinzutragen, sondern um dort das von den Armen gelebte Evangelium zu sehen! Die Armen haben eine Weisheit, eine Fähigkeit, die Werte des Evangeliums essentiell zu verstehen. Das von den Armen gelebte Evangelium ist für mich ein Wunder: diese Menschen haben nichts zu essen, kein Dach überm Kopf, keine Ausbildung, aber sie vestehen zu lieben, sie verstehen, was wahre Hoffnung ist, sie verstehen zu teilen. Das ist gelebtes Evangelium!“

Nähe zu den Armen

Papst Franziskus hat vom Beginn seines Pontifikats vor vier Jahren an immer wieder seine Nähe zu den Armen bekundet: Sie stünden, so formuliert er gern und so sagte er es auch vor zwei Jahren bei einem Besuch in Manila, „im Zentrum des Evangeliums“. Entwicklung ist für Franziskus nichts, was Experten am grünen Tisch aushecken können, sondern etwas, bei dem die Armen die Hauptpersonen und die eigentlich Handelnden sein müssen. Da liegt Franziskus auf einer Linie mit seinem Vorgänger Paul VI., den er bewundert und den er auch selig gesprochen hat. Franziskus bezieht sich gern auf die großen Enzykliken des Montini-Papstes, darunter die Entwicklungs-Enzyklika „Populorum Progressio“, die vor einem halben Jahrhundert veröffentlicht wurde.

„Bei einer Audienz hat Papst Franziskus mal gesagt, Paul VI. sei der wahre Reformer gewesen. Da ist eine deutliche Kontinuität. Paul sagt in einem berühmten Satz seiner Enyklika, der neue Name für Frieden sei ganzheitliche Entwicklung des Menschen: Entwicklung jedes Einzelnen, Entwicklung der ganzen Person… Das ist derselbe Geist, den wir dann auch in Evangelii Gaudium wiederfinden – vor allem in der Betonung der Verantwortung den anderen gegenüber. Andere nicht als Fremde sehen, sondern als Brüder und als Schwestern, und die Anwesenheit des Herrn in den anderen wahrnehmen. Das ist ein Impuls, um für menschlichen Fortschritt nicht nur aus wirtschaftlicher oder sozialer oder auch kultureller Motivation heraus zu arbeiten, sondern auch aus spiritueller Motivation heraus, im Angesicht des Herrn. Jeder Mensch ist ein Geschöpf, ein Geschenk des Herrn.“

Quelle

Print Friendly, PDF & Email