Urlaub nur am Strand konnten wir uns noch nie vorstellen

Seit 25 Jahren helfen Aurora und Reinhold Kugel dort, wo es am nötigsten ist: Auf den Philippinen, wo der Großteil der Menschen in großer Armut lebt. Was im Kleinen begonnen hat, ist inzwischen zu einem großen Projekt herangewachsen – allein 112 000 Menschen werden Dank des KTEP Projekts mit frischem Wasser versorgt. SZ-Redakteurin Britta Baier hat sich mit den beiden Initiatoren über die Anfänge, ihre Motivation und das Heimweh unterhalten.

25 Jahre KTEP-Projekt – wie wird das besondere Jubiläum bei Kugels (intern) gefeiert?

Aurora: Ehrlich gesagt, das feiern wir intern in der Familie nicht, sondern freuen uns einfach, dass das Projekt so groß gewachsen ist, und wir schon so vielen Leuten helfen konnten.

Reinhold: Wir feiern das Jubiläum lieber mit unseren Freunden und Unterstützern aus Kressbronn und Umgebung.

Können Sie sich noch an die „erste Stunde“ von KTEP erinnern?

Aurora: Ja. Das war 1992 bei unserem ersten Urlaub mit unserem zweijährigen Sohn Mark. Wir haben gemerkt, wie extrem der Unterschied in den Lebensverhältnissen zwischen Kressbronn und Toril ist.

Reinhold: Wir haben uns dann entschieden, Kinder zu unterstützen, die gerne zur Schule gehen wollen, es sich aber nicht leisten können. Mit Hilfe von Verwandten und Freunden konnten wir dann die ersten elf Kinder zur Schule schicken.

Lässt sich sagen, wie viele Helfer sich insgesamt regelmäßig für ein besseres Leben in Toril einsetzen? Und wie vielen Menschen KTEP schon geholfen hat?

Aurora: Das Kernteam vor Ort besteht aus rund 20 Leuten. Dann haben wir außerdem über 200 Sponsoren aus (hauptsächlich) Deutschland, die unsere Schüler monatlich unterstützen. Fast ununterbrochen haben wir immer mindestens einen Jugendlichen, der ehrenamtlich im Projekt mitarbeitet. Außerdem haben wir neun Gruppenleiter, die unsere Schüler jeden Sonntag betreuen und mit denen sie beispielsweise auch über Probleme sprechen können.

Reinhold: Der zweite Teil der Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ein Brunnen allein versorgt im Schnitt rund 500 Menschen mit Trinkwasser. Das Projekt konnte schon 223 Brunnen bauen. Über 650 Schüler sind in der Schule beziehungsweise haben die Ausbildung abgeschlossen, mehr als 1000 Kinder haben schon unsere KTEP-Kindergärten besucht. Wie vielen Menschen durch die weiteren Projekte (Zahnarztpraxis, Biogemüse, Kleiderverteilung, etc) geholfen werden konnte, ist schwierig einzuschätzen.

Inzwischen kümmern Sie sich um unzählige Themen – können Sie einen Überblick geben?

Reinhold: Die wichtigsten Projekte bei KTEP sind Bildung (Kindergarten, Schule), Wasserversorgung, Arbeitsbeschaffung (Bio-Gemüseanbau, Perlen- und Taschenproduktion, Bäckerei) und Zahngesundheit.

Aurora: Das wichtigste Thema in solch einem armen Land ist die Bildung. Nur so können die Menschen der Armut entkommen. Wenn die Leute gebildet sind und Arbeit im Land finden, gibt es auch weniger Streit und die Menschen bleiben meistens im Land, wo ihre Familien sind und flüchten weniger ins Ausland.

Findet man da noch Zeit, sich um alles persönlich zu kümmern?

Aurora: Das ist eine Frage des Organisierens. Mit unseren vielen Helfern vor Ort können wir das Projekt zum Glück gut strukturieren. Ich bin täglich per E-Mail und Skype in Kontakt mit dem Team vor Ort. Das Schöne ist auch, dass viele Mitarbeiter ehemalige KTEP-Schüler sind, die also das Projekt und uns schon gut kennen. Es braucht allerdings schon den engen persönlichen Kontakt, um das Projekt gut am Laufen zu halten und dass die Leute vor Ort wissen, dass wir immer da sind und ihnen Rückhalt geben, wenn es Probleme gibt.

Reinhold: Und in Deutschland haben wir zum Glück viele Unterstützer in der Familie, im Freundeskreis, im Musikverein und im Rotary Club Friedrichshafen-Tettnang, die uns bei Veranstaltungen und auch bei sonstigen Tätigkeiten sehr unter die Arme greifen.

Woher nehmen Sie die Motivation neben Familie, Beruf und den anderen Aufgaben des Alltags?

Aurora: Ich komme ja selber aus einer sehr armen Familie und bin immer noch sehr froh, dass ich damals trotzdem meine Schule abschließen konnte. Es freut mich immer sehr, die jungen Leute in Schuluniform zu sehen, denn dann weiß ich, dass sie ein paar Jahre später ihren Familien helfen können.

Reinhold: Die Projektarbeit harmoniert eigentlich sehr gut mit unserem Familienurlaub. Einen Urlaub nur mit Erholung, Strand und Sonne konnten wir uns noch nie vorstellen. Und wenn man einen Beruf hat, der einen zeitlich und nervlich sehr in Anspruch nimmt, dann ist es notwendig, zum Ausgleich etwas ganz anderes zu machen. Und es gibt nichts Schöneres, als in die dankbaren Augen der Menschen in Toril zu schauen, die es oft gar nicht fassen können, dass sich jemand aus dem fernen Deutschland um ihre Sorgen kümmert.

Aurora, haben Sie oft Heimweh?

Im Winter schon (lächelt). Und es fängt ja schon im August hier an mit der Kälte!

Können Sie sich vorstellen, eines Tages wieder zurückzukehren?

Ich habe jetzt hier eine zweite Heimat gefunden, obwohl dort auf den Philippinen meine Wurzeln sind. Es ist verrückt: Wenn ich hier bin, vermisse ich mein Heimatland, aber wenn ich dort bin, vermisse ich meine Kinder und meinen Mann. Ich lebe jetzt in zwei Welten und das wird wohl auch so bleiben.

Was war für Sie das bewegendste Ereignis in all den Jahren?

Aurora: Da gibt es eigentlich sehr viele: Als meine eigenen Geschwister dank KTEP einen Schulabschluss bekommen haben, die Entstehung des Projektgebäudes, der Besuch des Musikvereins in Toril, die vielen Gäste und Volunteers – ich habe nie gedacht, dass sich so viele für mein Heimatland interessieren würden, …. Und natürlich ist jedes Kind, das seinen Abschluss schafft, ein bewegendes Ereignis. Es bewegt mich auch, wenn meine eigenen Kinder mit den KTEP-Schülern dort reden und sie motivieren.

Reinhold: Für mich sind die bewegendsten Momente immer, wenn unsere Schüler ihren Abschluss geschafft und sich eine eigene bessere Zukunft aufgebaut haben. Ganz persönlich waren für mich die zwei Konzertreisen meiner Freunde aus dem Musikverein Kressbronn in 2010 und 2017 die Highlights der letzten 25 Jahre. Es ist unglaublich, welche Begeisterung diese Besuche auf beiden Seiten ausgelöst haben.

Hat es in den 25 Jahren auch Probleme gegeben?

Aurora: Ja, die gab es immer wieder, und wird es immer geben. Zum Glück bin ich dort aufgewachsen und weiß, wie die Leute dort ticken. Das hilft mir sehr, Konflikte zu lösen. Was mir am meisten weh tut, ist, wenn eine Schülerin ihre Schule abbrechen muss, weil sie schwanger geworden ist, weil ich genau weiß, dass sie wieder dort anfangen muss, wo sie vor der Schule aufgehört hat und es jetzt viel schwieriger für sie ist, wieder voranzukommen.

Und der Dank geht an…

Aurora: Als erstes an meinen lieben Mann. Ohne sein Verständnis wäre das Projekt wirklich nicht möglich gewesen. Wir sind ein sehr gutes Team, hier und dort (lächelt). Und nicht zuletzt könnten wir uns ohne seine Großzügigkeit die regelmäßigen Besuche in meiner Heimat nicht leisten.

Und bei meinen Kindern, die uns immer helfen, wo immer sie können. Auch für ihr Verständnis, wenn ich öfters für das Projekt auf die Philippinen fliege.

Reinhold: Und schließlich an all unsere Sponsoren und Unterstützer, die uns in den all den Jahren finanziell sowie moralisch geholfen und uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Es ist für uns schon eine große Ehre, dass sie uns dieses Vertrauen geben.

Die Jubiläumsfeier findet am 28. April ab 18 Uhr in der Festhalle Kressbronn statt. Dort wird auch der Musikverein in Wort, Bildern und mit Musik über die Konzertreise berichten.

Quelle

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Auswandern auf die Philippinen – Tablas Sunshine Village