Ein Armenhaus aus Marmorstein

Die philippinische Insel Romblon ist ein Marmorblock, den ihre Bewohner langsam abtragen – doch reich werden sie nicht damit.

Als sein Vater einen Schlaganfall erlitt, der ihn einseitig lähmte, musste der 29-jährige Jay R. Duroy als ältester Sohn die Schule abbrechen und für die Familie aufkommen. Auf Romblon, einer Insel der mittleren philippinischen Inselgruppe Visayas, gab es damals beruflich wenig Auswahl: Sein Grossvater arbeitete schon mit Marmor, sein Vater stand an den Schneidmaschinen, und auch sein Onkel, von dem er das Schleifen und Polieren des Steins lernte, arbeitete in der Marmorfabrik.

Bescheidene Tageslöhne

Jay ist in der Blüte seines Lebens und hat inzwischen bereits fünf Kinder. Die körperliche Schwerarbeit hat seinen Körper in den Jahren gezeichnet. Trotz seinem bescheidenen Tageslohn von 350 Pesos (P.) wirkt er aber zufrieden. Gewiss, umgerechnet 7 $ pro Tag sei wenig, räumt er ein. Aber dank den Marmorvorkommen auf Romblon gebe es hier immerhin Arbeit. Unzählige Filipinos in seinem Alter müssten ihr Auskommen getrennt von ihren Familien in fernen Ländern suchen.

Die Inselgruppe der Provinz Romblon liegt – eingebettet zwischen Panay und Mindoro – wohl im geografischen Zentrum des Archipels. Sie gehört zu den ärmsten Gegenden auf den Philippinen. Schroff fallen die Hügel ins türkisblaue Meer ab. Flächen, um Reis anzubauen, gibt es kaum. Alles ausser Holz, Fisch und ein paar Früchten muss per Schiff eingeführt werden.

Und erst dieser karge Untergrund: Kaum beginnt man zu graben, und schon stösst man auf harten, massiven Fels. Auf den ersten Blick sieht er aus wie Jurastein oder Gneis. Scharfe Kanten, äusserlich von der dunklen Erde unscheinbar bräunlich gefärbt. Erst in seinem Innern zeigt der Marmor von Romblon seine Pracht: glitzernde Kristalle, grossartige Mosaike, von farbigen Strängen geprägte Muster und harmonisch wirkende Schattierungen. Immer wieder entdecke man neue Farben und Strukturen, erklärt David Kershaw, ein Brite, der hier seit dreissig Jahren Geschäfte tätigt und auf der Insel jeden Steinbruch kennt, auch die illegalen.

Unter den Blechdächern der Firma 4J Marble Supply, wo sich Jay R. Duroy und zwei Dutzend Arbeitskollegen ins Zeug legen, kommen diese Schöpfungen der Natur auf dramatische Weise ans Tageslicht. Mit Seilsägen, deren wassergekühlte Stahlstränge sich langsam durch den Marmor fressen, werden die tonnenschweren Rohlinge zunächst in kleinere Brocken zerteilt. Dann werden die unförmigen Quader via Seilzüge und Ketten mannshohen, kreischenden Schneideblättern zugeführt. Das Kühlwasser kommt aus dem milchigweissen Freiluftbecken.

Kreischende Steinsägen

Der Lärm der Sägen ist ohrenbetäubend. Marmorstaub dringt in Augen und Lungen und überzieht alle Anlagen wie mit Puderzucker. Mit blossen Händen wird justiert, korrigiert, gestossen und die Wasserzufuhr geregelt. Dank jahrelanger Routine, mit Zigaretten in den Mundwinkeln, werden mit für Aussenstehende bedenklicher Lässigkeit tonnenschwere Blöcke und mörderisch scharfe Schneidewerkzeuge bewegt. Innert Minuten entstehen so aus klobigen Massen nass spiegelnde Marmorplatten. Umgehend werden sie weggetragen, mit kleineren Sägemaschinen weiter zugeschnitten und alsdann auf Hochglanz poliert.

Die Insel Romblon hat eine Ausdehnung von rund 15 km. Ihr Unterbau besteht faktisch, wie Kershaw erläutert, aus einem einzigen gigantischen Marmorblock, der an gewissen Orten bis 300 m über den Meeresspiegel ragt. Es ist ein Beispiel für den Rohstoffreichtum des südostasiatischen Inselstaats. Dazu gehören auch Gold, Kupfer, Nickel, Bauxit, Chrom, Tropenhölzer und viele unerforschte Gegenden. Bei Bodenschätzen gelten die Philippinen als fünftreichstes Land der Erde. Entsprechende Schätzungen belaufen sich auf gegen 1000 Mrd. $. Doch vor allem Mindanao im Süden ist bezüglich Rohstoffvorkommen wegen ewig schwelender Konflikte und aufgrund von Eigentumsfragen noch wenig erforscht.

Das Feigenblatt Wachstum

«Welcome to the Capital of Marble» ist dick auf die klobige Quaimauer gepinselt worden. Doch selbst in der Provinzkapitale zeigt sich Unterentwicklung, die geografische Randlage, Investitionsschwäche und die desolate Infrastruktur der Philippinen. Dieser Archipel ist in über 7000 Eilande aufgesplittert. Investitionen konzentrierten sich stets auf den Grossraum Manila. Hafenanlagen, Telekom-Einrichtungen und Transportmittel wirken derweil im ganzen Land wie aus einer anderen Epoche. Weltklasse sind hier nur die Strände.

Statistisch gesehen gehören die Philippinen mit einem BIP-Wachstum von 6% bis 7% in den vergangenen Jahren zu den am schnellsten expandierenden Volkswirtschaften in Asien. Die Zahlen schmeicheln zwar der 2016 zu Ende gegangenen Präsidentschaft von Benigno Aquino, doch die Armut haben sie nicht reduziert. Im Gegenteil: Die Philippinen bleiben bezüglich Einkommensverteilung und Chancen ein Land der grotesken Unterschiede: Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt in prekären Verhältnissen. Auch dem neuen Staats- und Regierungschef Rodrigo Duterte, der sich bis jetzt in keiner Weise um Wirtschaftsfragen gekümmert hat, dienen die Wachstumszahlen als Feigenblatt. Tatsächlich basiert die Wachstumsdynamik praktisch nur auf zwei Elementen: auf den Überweisungen (Rimessen) der etwa 11 Mio. Filipinos, die sich als Overseas Workers im Ausland verdingen, sowie auf dem Business-Process-Outsourcing-Sektor (BPO), einer Sonderform der Auslagerung von Geschäftsprozessen, die keinerlei Sachinvestition erfordert und möglicherweise schon in wenigen Jahren obsolet wird.

Zwar sind Romblons Häuserreihen, die Strassen, das Fort auf dem Hügel und natürlich die öffentlichen Plätze aus Marmorstein gebaut. Auch die 17 000 Kreuze auf dem amerikanischen Friedhof in Manila sind aus dem edlen schneeweissen Stein geschnitten. Der Marmor mag anderswo Paläste und Eingangshallen zieren. Doch hier an dessen Ursprungsort ziehen Bettler barfuss durch die Stadt, das Flüsschen staut sich im Abfall, die stickige Markthalle wirkt armselig. Und Arbeiter wie Jay R. Duroy rackern sich für ein paar Pesos ab, bis ihre Körper mit 50 geschunden und ausgelaugt sind.

Der Weg zum Steinbruch führt an einfachen Hütten und Unterständen vorbei, aus denen schrilles Fräsen und Meisseln klingt. Steinmetze sind am Werk, die aus Rohlingen Statuen, Kunst, Kitsch oder Güter des täglichen Gebrauchs herstellen. Darunter sind Meister, die ohne Vorlage in wochenlanger Arbeit Skulpturen in Auftragsfertigung schaffen. Viele aber sind Taglöhner, die mit simplen Kreationen ihren Lebensunterhalt verdienen. Nur Zentimeter trennen die nackten Füsse und Hände von den singenden Klingen.

Die Reifen der schwerbeladenen Lastwagen reissen die Naturstrasse auf, in Kurven verlieren sie lose Gesteinsbrocken, und das Geheul ihrer Dieselmotoren ist weithin hörbar. Wo sich der Wald lichtet, dröhnen und hämmern irgendwo aus der Tiefe Maschinen und Steinbrecher: Auf Terrassen, die serpentinenartig bis zum tiefblauen Meer hinunterführen, wird hier der Berg abgetragen. Der Ausblick ist grandios: In der Ferne ruhen paradiesisch wirkende, tiefgrün bewaldete Inseln, aber hier unter den Füssen vibrieren Wände und blenden gleissende Geröllhalden aus Marmor. Unten, am Fuss des Berges, wirken die Bagger und Lastwagen wie Spielzeuge.

Zahnpasta, Kosmetik, Plastic

Welche Tonnagen die Alad Mining & Development Corporation, die hier am Werk ist, abbaut, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Die Branche dieser Naturburschen ist verschwiegen und will keine Publizität. Man habe eine Konzession; aber bitte keine Aufnahmen von den grossen Maschinen. Dort drüben schon: Der Manager der Firma weist mit der Hand auf ein Gartenbeet. Man betreibe eine Aufzucht junger Bäume, um später die Gruben wieder zu begrünen.

Dutzende vermummter Arbeiter, die sich mit Mützen und Tüchern vor der Sonne schützen, klopfen den Marmor in Eigenregie ab. Sie sammeln die schneeweissen Brocken, aus denen sich Calciumcarbonat gewinnen lässt. Es ist ein wichtiger Industriewerkstoff, der unter anderem für die Herstellung von Zahnpasta, Tierfutter, Klebstoffen, Plastic und Kosmetik gebraucht wird. Der Berg gleicht einer Steinwüste, doch er bietet Arbeit für Familien, die selbst ihre kleinen Kinder hämmern lassen.

Zupackende Umweltministerin

Sie ist wohl das umstrittenste Mitglied im Kabinett, kann aber auf die Unterstützung von Präsident Rodrigo Duterte zählen: Die philippinische Umweltministerin Gina Lopez hat den Kampf gegen Rohstofffirmen aufgenommen, deren Aktivitäten gegen Umweltgesetze verstossen und Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung zerstören.

Die Branche, mit dem Dachverband Chamber of Mines of the Philippines an der Spitze, ist in Aufruhr. Sie setzt alle Hebel in Bewegung, um die unliebsame Dame aus dem Amt zu kippen. Das wird nicht einfach. Die 63-jährige Politikerin nutzt zum Beispiel auch Social Media, um auf Schäden in der Natur aufmerksam zu machen. Sie stammt aus einer der reichsten Familien des Landes und scheut die Auseinandersetzung mit der Industrie nicht. Alle Sektoren werden derzeit durchleuchtet, Konzessionen überprüft und Vorhaben gestoppt. Auch in Romblon, wo Marmor grossflächig abgebaut wird, ist man auf der Hut. Vorsorglich haben die dort tätigen grösseren Firmen mit der Anpflanzung von Bäumen begonnen.

Seit Lopez im Kabinett sitzt, sind bereits 28 Minen geschlossen und 75 Konzessionen sistiert worden. Prominentestes Opfer ist das bis 2015 auch von Glencore verfolgte Tampakan-Projekt auf Mindanao, wo gigantische Gold- und Kupferlager liegen sollen. Lopez fordert Umweltverträglichkeitsprüfungen sowie die Errichtung von Spezialfonds zur Beseitigung von Umweltschäden. Die Rohstoffbranche ihrerseits rechnet vor, dass dadurch bis zu 1 Mio. Arbeitsplätze gefährdet sind.

Quelle

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