Vertriebene Filipinos voll Trauer und Wut auf die Jihadisten

Manila, Philippinen – Zehntausende Menschen mussten in den vergangenen Tagen wegen des Kampfes gegen Islamisten ihr Zuhause in der südphilippinischen Stadt Marawi verlassen. Wann sie zurückkehren können, ist ungewiss.

Sie sammeln Regenwasser, um trinken zu können. Ob und wo sie etwas zu essen finden, ist jeden Tag aufs Neue ungewiss. Ihre Unterkunft ist dreckig, zu Hunderten teilen sie sich ein Bad. Die Lage der vor den Kämpfen zwischen Militär und Islamisten geflohenen Einwohner der südphilippinischen Region Mindanao ist elend. Ihre Hoffnung und ihren Kampfgeist geben sie trotzdem nicht auf.

„Heute haben wir 25 Kilo Reis zu essen, aber wie teile ich das unter 1000 Menschen auf?“, fragt Norayma Tauruk. „Ich weiß es nicht, aber wir werden das schon schaffen.“ Die 49-Jährige ist die Vorsteherin des Dorfes, in das mehr als 1000 Menschen vor den Islamisten in Sicherheit gebracht worden waren, bevor die Jihad-Kämpfer die nahegelegene Stadt Marawi 800 Kilometer südlich von Manila unter ihre Gewalt brachten.

Nun sind die Menschen in einem Militärlager untergebracht, zusammengepfercht auf einem engen Platz. Strohmatten und Decken dienen als Schlafplatz, der Betonboden ist feucht vom Regen und voller Dreck, die Luft drückend heiß. Herumliegender Müll zieht unzählige Fliegen an.

Trotz des Elends sind die Geflüchteten schlicht dankbar, dass sie vor den Kämpfen der Rebellen mit den Soldaten des Präsidenten Rodrigo Duterte sicher sind. Duterte hat als Reaktion auf den Angriff von mindestens 100 Islamisten das Kriegsrecht über die Region Mindanao verhängt.

Die Islamisten hatten Marawi am Dienstag angegriffen. Sie brannten Häuser und eine Kirche nieder, köpften den Polizeichef und nahmen unzählige Geiseln, darunter einen Priester. In verschiedenen Gegenden der Stadt hissten sie die schwarze Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Ihre verwundeten Kämpfer brachten die Rebellen in das staatliche Krankenhaus Amai Pakpak. Eine Mitarbeiterin der Klinik berichtet von Todesangst. „Wir haben wirklich gedacht, das sei unser Ende“, erzählt Gertrudes Orcelino mit zitterndem Körper. Sie und ihre Kollegen hätten sich im Vorratsraum des Krankenhauses versteckt. „Ich hatte solche Angst, dass ich nachts noch immer kaum schlafen kann.“

Die meisten Klinikmitarbeiter hätten fliehen können, als die Jihadkämpfer das Gebäude mit ihren Verwundeten nach Stunden wieder verließen. Orcelino lief nach Hause, musste die Stadt aber kurz darauf mit ihren Kindern verlassen – wegen der Kämpfe.

Nach Angaben der Behörden sind rund 90 Prozent der etwa 200.000 Einwohner Marawis geflüchtet, seit Regierungstruppen das Feuer auf die Islamisten eröffneten. Heute sind die Geschäfte der Stadt geschlossen, viele Büros verwaist. In Gegenden, in denen Terroristen vermutet wurden, sind Bomben gefallen.

Die Behörden gehen davon aus, dass die Rebellen mit Jihadisten aus dem Ausland zusammen ein Kalifat in Marawi errichten wollen. Dieses sei der letzte Schritt, um vom IS als Teil anerkannt zu werden und Gelder zu erhalten. Der IS hat in Teilen des Iraks und Syriens ein Kalifat ausgerufen, mit „Provinzen“ in anderen Staaten.

Unter den Geflüchteten ist die Wut auf die Islamisten groß: „Wir wissen nicht einmal, wofür sie kämpfen“, sagt Tauruk. „Wir werden sie bekämpfen.“ Die Militäroffensive gegen die Rebellen stört die Einwohner bei der Einhaltung der Regeln des islamischen Fastenmonats Ramadan, der am Samstag begann.

Jenny Tamano gehört zu den wenigen, die Marawi noch nicht verlassen haben. Die Informationsbeauftragte der Provinz Lanao del Sur kann ihre Emotionen nicht zurückhalten. „Wir sind sehr traurig über das Schicksal der Stadt, der Provinz und vor allem unserer Leute“, sagt sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Es hat in den vergangenen Jahren so viele Reformen und Verbesserungen gegeben und jetzt wird diese Stadt dem Erdboden gleichgemacht.“

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