Kriseninsel Mindanao kommt nicht zur Ruhe

Mindanao, eine Insel im Süden der Philippinen, ist Schauplatz eines der ältesten Konflikte Südostasiens, der von einer Vielzahl von Gruppen ausgetragen wird. Derzeit liefern sich muslimische Extremisten und Soldaten blutige Gefechte. Leidtragende sind die Zivilisten.

Cotabato City, die größte Stadt im muslimischen Südwesten der philippinischen Insel Mindanao. Von den vier Minaretten der Goldenen Moschee ertönt der Ruf zum Gebet. Cotabato City wirkt friedlich, verschlafen auf den Besucher. Auch hier jedoch und im ganzen äußeren Süden der Philippinen herrsche bis heute Krieg, sagt in einem türkisfarben getünchten Büropavillon Fardju Indin, ein muslimischer Bürgerrechtler; Krieg zwischen der Armee des Präsidenten Rodrigo Duterte und Banditen, Piraten sowie islamistischen Extremisten, die sich Abu Sayyaf und Maute nennen. Gekämpft wird vor allem in der Umgebung der Stadt Marawi und auf den Inseln des Sulu-Archipels südwestlich von Mindanao.

Es gibt viele Soldaten auf der Insel Jolo. Jeden Abend hört man ihre Geschütze; und am Morgen sieht man Hubschrauber, die über dem Bergwald Bomben abwerfen. 70 Abu Sayyaf-Kämpfer seien allein in den letzten Tagen getötet worden; berichten unsere Beobachter. Vor der Insel patrouilliert die Marine; und inzwischen neun Bataillone durchkämmen die Insel auf der Suche nach Rebellen.

Schauplatz eines der ältesten Konflikte Südostasiens

Mindanao ist Schauplatz eines der ältesten Konflikte Südostasiens. Moscheen gibt es hier schon seit über 1.000 Jahren. Und 500 Jahre lang wehrten sich die Sultanate hier gegen spanische und später amerikanische Kolonialherren: Die Spannungen verschärften sich, als mit der Unabhängigkeit der Philippinen 1946 fruchtbares Land an christliche Siedler vergeben wurde. Ende der 60er-Jahre begann der bewaffnete Widerstand der Moros, wie sich die Muslime Mindanaos nennen; christliche Siedler wiederum mobilisierten, unterstützt von Manila, die Ilaga, berichtet Ghadzali Jaafar. 

Die Ilaga war eine von der Regierung unterstützte Organisation christlicher Siedler. Die brannten hier Häuser, Moscheen und Koranschulen der Muslime nieder. Und sie verübten Massaker. Das veranlasste uns, bewaffnet gegen die Siedler zu kämpfen. Und auf dem Höhepunkt des Kampfes, in den 1970er-Jahren, überrannten wir beinahe Cotabato City.“

Ghadzali Jaafar ist ein drahtiger Mann um die 70. Er ist Vizechef der Islamischen Befreiungsfront der Muslime, MILF, einer der größten Organisationen der Muslime Mindanaos. Einst Rebellengruppe, will die MILF zusammen mit Präsident Duterte endgültig Frieden schaffen in der Region der Bangsamoro, der Muslime Mindanaos. Am 7. November 2016 trafen sich im Präsidentenpalast in Manila christliche wie muslimische Würdenträger zum Friedensgebet. 

Es bleiben ungeregelte Streitfragen

Der katholische Präsident Duterte bat Allah um Frieden und unterschrieb, gemeinsam mit Vertretern der großen Muslimorganisationen, die Gründungsurkunde der Bangsamoro-Übergangskommission. Sie soll eine Verfassung ausarbeiten für die Autonome Region der Muslime im Süden.

„Die Verfassung der Bangsamoro ist ein rein weltliches Gesetz, das die Verwaltung unseres Gemeinwesens regelt. Es ist kein Gesetz, das irgendetwas mit der Scharia zu tun hat. Christen werden weiter Kirchen bauen dürfen; sie dürfen Weihnachten feiern, Schweinefleisch essen, Wein und Schnaps trinken. Aber natürlich gibt es Gesetze, die all das regeln.“

Es bleiben ungeregelte Streitfragen: Viele Christen zum Beispiel haben Angst, ihr Land zu verlieren; viele Muslime wollen völlige Unabhängigkeit von Manila; sie sympathisieren deshalb mit Rebellen, die zum Teil dem Islamischen Staat nahestehen. Der jüngste Überfall von Abu Sayyaf- und Maute-Kämpfern auf die Stadt Marawi war schon die zweite Attacke auf die Stadt binnen eines Jahres. Jetzt hat Präsident Duterte das Kriegsrecht über Mindanao verhängt. Und den Preis zahlt, heute wie seit 50 Jahren, die Zivilbevölkerung. Sie muss fliehen.

Allein in Cotabato City leben Zehntausende Vertriebene. Auf Stelzen in müllbedecktem Sumpf stehen wacklige Verschläge aus Brettern und Wellblech, von offenen Feuerstellen steigt beißender Qualm auf; dazwischen kriechen zahllose Kleinkinder umher. Die frühere Bäuerin Sohak Estman ist hier alt geworden.

„Wir alle hier sind Vertriebene aus der Provinz Cotabato Süd. Einige leben schon seit Jahrzehnten hier; ihre Kinder sind hier geboren. Warum wir nicht zurückgehen in unsere Dörfer? Weil wir Angst haben, dass es wieder zu Kämpfen kommt.“

Quelle

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