Ein Priester fordert Duterte heraus

Ein katholischer Geistlicher dokumentiert in Manila den Tod Tausender Opfer des Anti-Drogen-Feldzugs von Rodrigo Duterte – und riskiert dabei selbst Kopf und Kragen.

Manila, Philippinen – Die Leichenbestatter im Eusebio Funeral Parlor schnarchen in aller Seelenruhe auf ihren Bänken. Dabei platzt Besucher Bro Jun irgendwann gegen drei Uhr morgens zwischen den eingemotteten Cadillac-Leichenwagen und den improvisierten Schlafstätten vor der Totenkammer ziemlich hörbar die Hutschnur. „Das werden immer mehr“, fährt Bruder Ciriaco Santiago, so der Name des Priesters des Redemptoristen-Ordens an der Baclaran-Kirche im Zentrum von Manila, mit erboster Stimme lautstark den Manager des Bestattungsunternehmens in einem Elendsviertel der philippinischen Hauptstadt an. Bro Jun weiß selbst, dass der kleine, dürre Mann keine Schuld am Tod der jungen Frau trägt, die seit dem Nachmittag auf den kalten weißen Fliesen in der Leichenkammer liegt.

Ihr schmaler Körper wurde von sechs Kugeln zerfetzt. Aber sonst ist gerade niemand greifbar für den sonst erstaunlich gelassen wirkenden Geistlichen, um seinen ohnmächtigen Zorn loszuwerden. „Niemand kennt die Frau“, sagt Bro Jun, nachdem er sich beruhigt hat. „Sie wurde am Straßenrand gefunden. Wir haben immer mehr Fällen von Leuten, die entführt werden und dann tot auftauchen.“

Die jugendlichen Gesichtszüge des 42-jährigen Geistlichen wirken im fahlen Licht der Nacht eingefallen. Seit neun Monaten folgt er Nacht für Nacht der Blutspur, die die Polizei und von ihr geleitete Todesschwadrone in den Slums der Megametropole hinterlassen. Es ist eine nervenaufreibende Mühe, die Bro Jun zudem seine eigene Machtlosigkeit vor Augen führt. 9000 bis 10 000 Menschen fielen dem Anti-Drogen-Feldzug zum Opfer, seit Rodrigo Duterte, der Staatspräsident der Philippinen, im Sommer des vergangenen Jahres der Polizei grünes Licht für das Töten ohne Gerichtsbeschluss gab.

Fast ebenso lang schon schlägt Bro Jun sich die Nächte in Manila um die Ohren, um den Auftrag zu erfüllen, den die Gläubigen seiner Kirchengemeinde dem Priester erteilten. „Sie haben mich gebeten, möglichst viele Fälle der Opfer zu dokumentieren und zu helfen, wo es geht“, sagt er. Das gesammelte Material, so hofft der Redemptorist, wird irgendwann helfen, die Verantwortlichen des Massenmords zur Rechenschaft zu ziehen.

Seine nächtlichen Ausflüge brachten Santiago bereits eine Menge Ärger durch die Polizei und den Staatspräsidenten höchstpersönlich ein. Der Geistliche versteckt Freunde und Verwandte von Opfern des Duterte-Feldzugs, die um ihr Leben bangen. Angehörige der Todesschwadrone, die angeekelt von ihren gnadenlosen Aktionen aus der blutigen Kampagne aussteigen wollen, finden ebenfalls Unterschlupf in Baclaran oder einem anderen Versteck der philippinischen Redemptoristen. Der Orden wandelte sich seit Dutertes Amtsantritt zum Vorreiter des Widerstands gegen die EJK’s (Extrajudicial Killings), wie die außergerichtlichen Hinrichtungen von Juristen genannt werden.

Fotos von Opfern ausgestellt

Bro Jun provozierte die Regierung zudem mit einer Ausstellung auf dem Kirchengelände, die mit ihren schockierenden Fotos von Opfern des Duterte-Feldzugs den Mantel der Unkenntnis lüpfte. Denn viele Filipinos wissen wenig über die Anti-Drogen-Kampagne, der vorwiegend Slum-Bewohner zum Opfer fallen. Präsident Duterte wiederum inszenierte angesichts der Ausstellung einen Wutausbruch, der sich gewaschen hatte.

„Ich beachte Drohungen einfach nicht“, so sagt Bro Jun. Bei jedem Gottesdienst in seiner schmucken Kirche in Manilas Innenstadt lässt er den Klingelbeutel umherreichen, um Geld für seine Arbeit zu sammeln. Dank den Spenden hat der Geistliche, der seinen schwarzen Habitus gegen eine Kameraausrüstung austauschte, in der Nacht immer ein Scheckbuch dabei. Denn der Tod durch die Hand der Polizei stürzt meistens die Familien der getöteten angeblichen Drogenkriminellen ins finanzielle Verderben.

In Manilas Slums lautet die Regel für die Verwandten der Opfer: „Ohne Geld keine Beerdigung.“ Der dürre Manager des Eusebio-Begräbnisunternehmens rief Bro Jun an, weil er auf Geld aus dessen Klingelbeutel hoffte. Dank einem guten Draht zur Polizei wird der Leichenbestatter für den Abtransport der Leichen des Anti-Drogen-Kampfs gerufen. 35 000 philippinische Pesos (rund 630 Euro) – der Preis ist mit der Polizei vereinbart – muss er von Verwandten der Todesopfer verlangen, um die Toten freizugeben. Der Betrag wird anschließend brüderlich zwischen den Mördern aus den Reihen der Polizei und den Bestattern aufgeteilt.

Bei Manilas Begräbnisunternehmen hat sich herumgesprochen, dass Santiago einspringen kann, wenn Geld für das Begräbnis fehlt. Aber Bro Jun macht in dieser Nacht den Hoffnungen des Leichenbestatters auf Geld für die Beerdigung der jungen Frau zunichte. „Keine Begräbniskosten ohne Identifizierung“, sagt der Geistliche.

„In den Elendsvierteln Manilas kommt die Summe von 35 000 Pesos häufig dem Verdienst von einem halben Jahr gleich“, erklärt Bro Jun später, „ich versuche zu helfen, indem ich den Familien mit Spenden meiner Kirchengemeinde unter die Arme greife.“ Die meisten Opfer des Anti-Drogen-Kriegs waren bislang nicht die Hinterleute des Drogenhandels, sondern die kleinen, oft süchtigen Kriminellen, die für 100 Pesos die kleinen Päckchen mit Ice (Amphetamin) an anderen Süchtige vertickten. Ihre Namen erhalten die Mörder von der lokalen Verwaltung – oder Angehörigen der christlichen Sekte Iglesia Ni Christi. Das jedenfalls sagt ein Dokument, das von einem ehemaligen Polizisten verfasst wurde und jetzt bei Menschenrechtsgruppen kursiert.

Die tote junge Frau in der schäbigen Leichenhalle des Eusebio-Begräbnisunternehmens ist stumme Zeugin einer neuen Entwicklung im brutalen Anti-Drogen-Feldzug. Die Opfer werden nun am helllichten Tage entführt und Stunden oder Tage später zu Tode gefoltert oder von Kugeln durchsiebt auf Müllhalden, an Straßenecken oder neben Abwasserkanälen gefunden werden.

Duterte weiterhin populär

Doch Präsident Duterte lässt sich von Kritik an seiner Mordkampagne nicht beeindrucken. Die Meinungsumfragen des Landes sagen ihm, dass er weiter populär ist. International führt er die südostasiatischen Philippinen, die geografisch vom Westen weit entfernt liegen, gesellschaftlich dank kolonialem Erbe und überwiegend katholischer Bevölkerung dem Westen von allen asiatischen Staaten am ähnlichsten sind, in enge Partnerschaften mit China und Russland. Für Europa hatte Duterte nach einem Streit einen kurzen Satz übrig: „Wir brauchen euer Geld nicht. China hat mehr.“

In der Gegend um das Bestattungsinstitut Eusebio reicht das Einkommen nicht einmal, um die eingemotteten eleganten Schlitten in Schuss zu halten, mit denen die Toten früher zum Friedhof gebracht wurden. Von den Leuten in der Nachbarschaft scheint niemand Geld zu haben.

Bro Jun verabschiedet sich vom Eusebio-Manager. Müde Gäste einer kleinen Garküche weisen ihm den Weg zu einer kleinen Quergasse, in der gerade einmal zwei Leute aneinander vorbei passen. Nur ein schmaler Bau ist beleuchtet. Im Wohnzimmer steht ein offener Sarg mit blau weißen Seitenwänden. Ein paar schlichte weiße Rüschen schmücken den Sargdeckel. Mit dünner Tinte hat jemand die Namen der Angehörigen auf ein Herz aus Pappkarton geschrieben. Der Leichnam des 30-jährigen Alvin Valadora ist in einen schwarzen Anzug gepresst. Das wächserne Gesicht wirkt nichtssagend. Der Mann wurde zwei Tage zuvor auf offener Straße von zwei Tätern von einem Moped aus erschossen.

„Mein Sohn war mal zwei Jahre im Gefängnis. Aber seitdem hatte er sich gebessert“, erzählt seine 57-jährige Mutter Elvira, nachdem Bro Jun die Frau sanft wachgerüttelt hat. Sie war vor Erschöpfung während der Totenwache auf ihrem Blechstuhl eingeschlafen. Die Nachbarn lassen sich nicht blicken. Aus den Behausungen der  Gasse kommen junge Liebespaare und huschen schnell an der Trauerfamilie vorbei. Jeder weiß, dass der 30-Jährige erschossen wurde, weil ihm Drogenkriminalität nachgesagt wurde. Das ganze Viertel scheut nun jeden Kontakt mit der Familie.

Bro Jun lässt sich Zeit. Er redet mit der Mutter. Er tröstet die Geschwister. Dann lässt er sich den Scheck quittieren, mit der seine Kirchengemeinde der Familie des Toten das Begräbnis ermöglicht. Dankbar ergreift die Mutter die Hand des Geistlichen. Bro Jun spendet etwas Trost, greift nach seiner Kameraausrüstung und schaut auf sein Mobiltelefon. Über die Gruppe „Night Shift“ von WhatsApp gehen neue Nachrichten von weiteren Toten der Nacht ein. Santiago schaut auf die Uhr: vier Uhr morgens. „Noch eine Stunde, dann ist es für diese Nacht vorbei“, sagt der sichtlich erschöpfte Priester, „bis zum Mittag. Dann geht es weiter mit den Morden.“

Quelle

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