Alle Versuche, eine Waffenruhe auszuhandeln, sind bislang gescheitert

Über dem Stadtkern der philippinischen Marawi weht die schwarze Flagge des IS. Die Armee setzt zur Offensive an. Doch noch immer befinden sich Zivilisten in der Kampfzone. Werden sie als Schutzschilde missbraucht?

Manila, Philippinen – Der Präsident hat Nachschub angefordert für die Offensive. Und hier, an einem Checkpoint im Westteil von Marawi, sind die neuen Truppen schon angekommen: Junge Männer mit kurz geschorenen Köpfen, sie tragen Camouflage, haben Schnellfeuergewehre und gekreuzte Patronengürtel auf der Brust. Einer ist so gut gebaut, dass er es vielleicht mit Manny Pacquiao aufnehmen könnte, der philippinischen Boxerlegende. Aber dies ist kein Boxring. Marawi ist eine Todeszone, eine zerschossene und zerbombte Stadt der Philippinen. Und die Soldaten wissen, dass der Einsatz gefährlicher sein wird als alles, was sie bisher mitgemacht haben.

Im Stadtkern, jenseits des Flusses, haben sich islamistische Terroristen mit Geiseln verschanzt. Ihre Anführer, die Brüder Omar und Abdullah Maute, lassen schwarze Fahnen des IS wehen. Das hat die Weltgemeinschaft aufgerüttelt und schürt Sorgen, dass die Extremisten auf der Insel Mindanao eine asiatische Provinz des sogenannten Islamischen Staates begründen könnten. Deshalb braucht das philippinische Militär nun jeden Mann.

Die Häuser rund um den Checkpoint sind verlassen, nur ein Hund humpelt über den Asphalt und stöbert im Graben nach Futter. Die Soldaten der Infanterie bewachen das, was die Armee ein „gesichertes Gebiet“ nennt. Aber was ist schon sicher in Marawi? „Hier schlagen schon mal verirrte Kugeln ein“, sagt einer der Soldaten, der sich unter ein rostiges Wellblechdach zurückzieht, weil es zu regnen beginnt.

Alle Versuche, eine Waffenruhe auszuhandeln, sind bislang gescheitert

Aus dem Osten hallen Gewehrsalven herüber. „600 Meter die Straße runter, da wird es bereits heikel,“ sagt er. „Bald gehen wir auch da rein.“ Aber der Soldat kommt von weit her und kennt Marawi nicht, das ist kein Vorteil im Häuserkampf, Block um Block, Straße um Straße. Die Gegner kennen hier jeden Winkel. So redet man noch eine Weile, dann sagt der Soldat plötzlich: „Ich wäre jetzt gerne bei meiner Familie.“

Ein Gedanke treibt ihn besonders um: „Die haben Scharfschützen. Und wir hören, dass sie gut sind.“ Wenn der Gegner so beweglich ist, wie Armeesprecher Joar Herrera sagt, dann können diese Heckenschützen überall und nirgends sein, sie bewegen sich wie tödliche Phantome, und das setzt der Truppe zu.

Anfangs erweckte die Armee den Eindruck, dass sie den Gegner rasch bezwingen könne, doch daraus wurde nichts. Je-den Tag fliegen Bomber Luftangriffe auf das Geschäftsviertel, man sieht den dicken Rauch aufsteigen, und es hallen dumpfe Salven der Kampfhubschrauber über die Hügel. Trotz des Bombardements und der Gefechte, die Marawi in ein Trümmerfeld verwandeln, sind die Milizen nicht bezwungen. Das könnte auch daran liegen, dass noch etwa 600 Zivilisten in der Kampfzone gefangen sind. Die Armee behauptet, der Gegner setzte einige von ihnen als menschliche Schutzschilde ein. Überprüfbar ist das nicht.

„Wir haben beide Seiten aufgerufen, das Leben der Zivilisten zu schonen und uns zu erlauben, sie möglichst schnell herauszuholen“, sagt Martin Thalmann vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Doch alle Versuche, eine Waffenruhe auszuhandeln, sind bislang gescheitert.

Das Militär versichert, es nehme auf die Eingeschlossenen Rücksicht. Wo die Aufklärung Zivilisten am Boden ausmache, werde nicht bombardiert, sagt Herrera. Doch ob das die Eingeschlossenen tatsächlich schont, weiß hier keiner.

Viele der Gesuchten tragen das Haar sehr lang. Das soll sie als tapfere Männer ausweisen

Mit wem es die Soldaten im Kampf zu tun haben, ist auf einen großen Steckbrief gedruckt: „Wanted Terrorists“. Darunter reihen sich Dutzende Fotos aneinander, Männer und Frauen, viele tragen den Namen Maute, die Clans der Gegend sind groß. Auch am Checkpoint im Westen hängt ein solches Poster. Viele der Gesuchten tragen das Haar sehr lang. „Das soll sie als tapfere Männer ausweisen,“ sagt der Soldat.

Geflohene berichten, die Maute-Miliz köpfe Christen, weil sie Christen seien.

Vier Wochen dauern die Kämpfe nun schon. Und es ist zu befürchten, dass die eingeschlossenen Zivilisten verhungern oder verdursten, wenn sie keine Hilfe er-reicht. Mehr als 300 000 Menschen sind geflohen, die meisten haben bei Verwand-ten Unterschlupf gefunden. Andere harren in überfüllten „Evakuierungszentren“ aus.

Oberstleutnant Herrera sagt, die Armee wolle nun, am Ende des Ramadan, zum entscheidenden Vorstoß ansetzen, die Truppe rücke auf die Kommandozentrale der Terroristen vor. Am Gouverneurssitz der Provinz, der von gelegentlichen Querschlägern getroffen wird, geht jedoch die Sorge um, dass nach Ende des Ramadans andere Dschihadisten den Maute-Brüdern zu Hilfe kommen könnten. Zwar sind die Kämpfer eingekesselt, doch in der Stadt gibt es womöglich geheime Tunnel. Und manche Bewohner glauben, die Mautes fänden schon einen Weg.

Unter den getöteten IS-Anhängern identifizierte die Armee einige Ausländer, sie sollen aus Indonesien, Malaysia und dem Nahen Osten stammen. Aber auch auf der Insel Mindanao selbst gibt es viele Milizen, die sich noch in den aufgeflammten Konflikt einschalten könnten. Die einen fordern mehr Eigenständigkeit für die muslimische Minderheit, andere sind kommunistische Rebellen, wieder andere Banditen, die Ausländer entführen und köpfen, wenn kein Lösegeld gezahlt wird. Eine ganze Reihe dieser Splittergruppen haben dem IS Gefolgschaft geschworen, so wie die Maute-Brüder, die aus einer wohlhabenden Familie stammen und längere Zeit im Nahen Osten verbrachten.

Wie lange werden sie Widerstand leisten? „Ihnen geht die Munition aus“, behauptet Oberstleutnant Herrera. Die Armee habe strategische Punkte besetzt, angeblich wird das Gebiet, das die IS-Anhänger kontrollieren, kleiner.

Der Regen wird nun stärker, die Kämpfe im Osten flauen ab. Am Checkpoint rollen zwei Mannschaftswagen mit Soldaten von der Front vorbei. Die Fahrer grüßen kurz, aber hinten auf den Bänken sieht man nur Männer mit starren Gesichtern. Keiner von ihnen spricht auch nur ein Wort.

Quelle

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