Der philippinische Präsident Duterte hat sein Volk aufgefordert, alle Süchtigen zu töten

Der philippinische Präsident Duterte hat sein Volk aufgefordert, alle Süchtigen zu töten. Nun fliehen die Abhängigen vor den Killern in Entzugskliniken. Besuch bei denen, die um ihr Leben fürchten.

Vor dem hohen weißen Tor umrundet ein bewaffneter Wächter das Auto, man könnte glauben, dass er den Eingang zu einer Militärkaserne oder Polizeizentrale kontrolliert. Tatsächlich aber führt der Weg auf ein Gelände, das ganz anderen Zwecken dient. Im „Bicutan Rehabilitation Center“ kümmern sich Ärzte um drogensüchtige Philippiner. Hinter der Adresse in Manila verbirgt sich allerdings viel mehr als nur ein Zentrum medizinischer Hilfe und psychologischer Betreuung. Hier suchen jene Zuflucht, die Angst davor haben, dass sie draußen in den Straßen als Süchtige gejagt und erschossen werden.

Sie fürchten die nächtlichen Razzien der Polizei. Und noch mehr die maskierten Todesschwadronen, die auf Motorrädern heranbrausen, ihre Opfer exekutieren und sich dann wieder davon machen. Spurlos. Straflos. Schon ein Gerücht reicht aus, um ins Visier der Menschenjäger zu geraten. So ist das in Zeiten des Anti-Drogen-Krieges, den der populäre Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, 72, im Sommer vor einem Jahr begonnen hat. „Tötet sie alle“, rief er im Wahlkampf. Und sein Feldzug hat nun schon mehr als 7000 Philippiner das Leben gekostet. Fast alle Opfer lebten in den Slums.

Zwar gab es jüngst auch größere Demonstrationen gegen Dutertes Politik, doch sieht es nicht so aus, als sei seine Macht im Land gefährdet, viele Philippiner stehen immer noch hinter ihm.

Was also tun, um dem Tod zu entrinnen, wenn du immer mal wieder ein Päckchen Shabu gekauft und den Rauch inhaliert hast? Metamphetamin, auch Crystal Meth genannt, ist die Droge der armen Leute auf den Philippinen. Für den Preis eines Kaffees in der Shoppingmall kann man sie kaufen und sich aufputschen. Das zersetzt die Gesundheit, aber nun kommt noch eine Gefahr hinzu. Man kann sehr schnell in die Fänge der Menschenjäger geraten, die Duterte entfesselt hat. Sie nennen ihn „den Vollstrecker“. Und das hat auch Folgen für das Reha-Zentrum von Bicutan. Denn plötzlich können sich die Ärzte gar nicht mehr retten vor lauter Therapieanwärtern. „Wir wurden vom Zulauf überwältigt“, sagt Direktor Bien Leabres, der zum Gespräch in sein kleines Büro führt. Ausgelegt ist das Zentrum für 550 Patienten, nach Dutertes Wahlsieg 2016haben sie hier zeitweise dreimal so viele Süchtige unterbringen müssen. Inzwischen ist die Zahl wieder zurückgegangen, sie schwankt um die 1000, aber es bleibt eng. Und es gibt nur zwölf Ärzte, die sich um die Patienten kümmern. Neue Mittel sind beantragt, doch das dauert.

Der Suchtspezialist Leabres ist ein nachdenklicher Herr im weißen Kittel, schütteres Haar, Schnurrbart, Brille, lebhafte Augen. Er sieht in einem Süchtigen nicht den Kriminellen, sondern einen Menschen, der krank ist und Hilfe braucht. Natürlich lasse sich nicht bestreiten, dass sich manche in kriminelle Aktivitäten verstrickten. Und dafür müssten sie auch vor dem Gesetz geradestehen, sagt Leabres. Doch seine Aufgabe sei es, Süchtigen zurück in ein würdiges Leben zu helfen. „Menschen zu töten ist niemals hilfreich.“

Staatschef Duterte scheint dies anders zu sehen. Einmal drohte er, er werde mit all den toten Dealern und Süchtigen die Fische in der Bucht von Manila füttern. Sein Weg ist die erbarmungslose Jagd. Doch scheint Dutertes Strategie auch einen – von ihm kaum gewollten – Nebeneffekt zu haben. In Bicutan zumindest fällt auf, dass Menschen, die früher kaum an eine Therapie gedacht hätten, nun plötzlich zu Doktor Leabres und seinen Ärzten laufen. Es ist die blanke Angst, die sie in das Therapiezentrum treibt. „Sie suchen einen sicheren Ort“, sagt Leabres. „Ganz einfach.“

Duterte treibt also Leute in die Behandlung, die er längst den Fischen zum Fraß vorwerfen wollte? So sieht es aus, und die Ironie in diesem Drama lässt sich kaum verkennen. Die Ärzte allerdings stellt das alles vor große Probleme. Erstens gibt es viel zu wenige Therapieplätze. Und zweitens haben es Helfer mit solchen Patienten schwer. Angst vor Verfolgung macht es noch komplizierter, sie zu therapieren, wie der Suchtspezialist Leabres erklärt.

Wobei man hier nicht einfach so aufkreuzen und anklopfen kann, um sich mal eben zu verstecken. Für die Einweisung muss man einen Gerichtsbeschluss vorweisen. Und wer das Papier hat, kommt aus dem Zentrum auch nicht jederzeit wieder heraus. Gewöhnlich bleiben die Patienten sechs bis zwölf Monate. Wer es nicht aushält und wieder fort will, braucht einen neuen Gerichtsbeschluss. Und der ist schwer zu bekommen. Sind die Patienten hier also gefangen? Leabres würde es so nicht formulieren. „Aber sie können hier nicht einfach wieder hinausspazieren, wie es ihnen gefällt“, sagt er. Das Gelände mit den weißen Bungalows und dem überdachten Sportplatz in der Mitte ist von hohen Mauern umgeben und streng bewacht.

„Das Wichtigste war immer, für den Freier maximal gut drauf zu sein“, sagt Antonio

Neben dem Waschplatz zwischen zwei Baracken wartet ein schmächtiger junger Mann mit schwarzer Igelfrisur. Er hat sich bereit erklärt, von seiner Sucht und der Therapie zu erzählen, sein Name aber darf in der Zeitung nicht erscheinen. Patientenschutz. Für diese Geschichte will der junge Mann Antonio heißen.

Antonio, 29, schlappt mit seinen Sandalen, weiße Shorts und T-Shirt den Weg zur Kapelle entlang, er holt ein paar weiße Stühle und trägt sie in den Garten unter einen hohen Baum, der Schatten spendet. Antonio erzählt, dass er jetzt nur noch ein paar Wochen habe, bis er entlassen wird. Doch ob er froh darüber ist oder nicht, könne er gar nicht so leicht sagen. Er weiß nicht, was ihn alles erwartet, „da draußen.“ Wird er die Kraft haben, clean zu bleiben? Oder wird alles von vorne beginnen? „Ich bin zumindest fest entschlossen“, sagt Antonio. Shabu soll keinen Platz mehr haben in seinem künftigen Leben.

Antonio stammt aus Manila, er ist der älteste von vier Geschwistern und hat lange für einen Escort-Service gearbeitet. „Ich bin als Mann geboren, aber ich lebe wie eine Frau“, sagt er. In seinem Job ist er weit herumgekommen, hat in Hongkong und Malaysia gearbeitet. „Das Wichtigste war dabei immer, für den Freier maximal gut drauf zu sein“. Und so kam er schon früh in Berührung mit Drogen: Kokain und vor allem Crystal Meth. Auf den Philippinen heißt es Shabu. Und er hat es noch nicht vergessen. „Oh Shabu“, sagt er. „Du fühlst dich an wie der Schönste, es gibt keinen Größeren und Besseren als dich, du bist der absolute Star auf der Bühne.“

Und wenn er mal verzichten musste? „Dann hatte ich schreckliches Kopfweh, war schlecht gelaunt, wurde schnell zornig. Ehrlich, ich konnte gar nicht mehr arbeiten ohne Shabu.“ Dann, im Jahr 2015, starb plötzlich Antonios jüngerer Bruder. Der Schmerz über den Verlust trieb ihn noch stärker in die Sucht. Aber Antonio hatte auch Glück, weil seine Familie zu ihm stand. „Ohne meine Mutter wäre ich jetzt nicht hier.“ Schon lange habe sie ihn gedrängt, eine Therapie zu machen. Und als Duterte an die Macht kam, drängelte sie noch mehr. „Sie hatte so große Angst um mich. Jeden Tag las sie in den Nachrichten, wie viele wieder nachts erschossen wurden.“ Also hat sich Antonio, dem das auch nicht geheuer war, zur Therapie gemeldet.

Suchtspezialist Leabres sagt, dass es viel zu wenige Therapieplätze gibt

„Ich liebe es hier“, sagt er und es klingt, als wollte er noch eine Weile bleiben. „Mama, hab ich damals gesagt, ich kann schon sechs Monate da reingehen. Wenn das alles Frauen sind, ist das okay für mich.“ So hat er mit seiner Mutter herumgealbert. Aber dann waren es doch vor allem Jungs. Antonio kichert. „Ich dachte schon, ich werde verrückt, als ich das erste Mal in der Dusche stand. Aber diese Prüfung hab ich dann auch bestanden.“ Als Schwuler sei er hier nie angefeindet worden.

Antonio witzelt viel herum, vielleicht, weil er so seine Nervosität überspielen will. Es fällt ihm schwer, ruhig auf dem Stuhl zu sitzen. Er erzählt von Gruppensitzungen mit Therapeuten, Gebetskreisen, Sport, Tanz, Gymnastik. „Es ist für mich wichtig, beschäftigt zu sein“, sagt Antonio. Und so sieht das auch der Spezialist Leabres. „Wir versuchen in der Therapie, natürliche Glücksmomente zu schaffen, etwa durch Erlebnisse im Sport oder beim Tanz.“ Damit sich das Gehirn wieder an normale Zeiten gewöhnt, ohne den künstlichen Kick der Drogen.

Leabres erklärt, dass die Entzugserscheinungen bei Shabu weniger schwer ausfielen als etwa beim Heroin. Dennoch benötigten sechs Prozent seiner Patienten Medikamente gegen Psychosen. Die Jüngsten Patienten sind 13 Jahre alt, die ältesten über 60. Die ersten Wochen sind für alle hart. „Schwäche, Kopfweh, Rastlosigkeit, Depressionen, Angstzustände, damit haben die Leute hier zu kämpfen.“

Wer mit dem Suchtexperten spricht, versteht auch bald, warum Shabu so teuflisch wirkt, was abläuft im Gehirn, wenn man die Dämpfe der synthetischen Kristalle einsaugt. Der Körper schüttet dann massenhaft den Botenstoff Dopamin aus. Das ist es, was die Leute aufputscht und ihnen vorübergehend Glücksgefühle vermittelt, außerdem unterdrückt die Droge Hunger und Müdigkeit. Für Tagelöhner in den Slums, die schwer schuften und doch kaum über die Runden kommen, ist ein Päckchen Shabu die ersehnte Flucht aus dem Elend. Es hält sie wach, sie fühlen sich stark. Außerdem steigert die Droge das sexuelle Verlangen. „Nach dem ersten Mal denken alle: Das ist fantastisch“, sagt Leabres. Noch spüren sie keine negativen Nebenwirkungen. Und so nehmen sie es weiter und weiter. Und irgendwann ist es ganz schwer, wieder loszukommen.

Die Folgen sind grausam, weil der Körper ständig gezwungen wird, auf Hochtouren zu laufen. So magern die Süchtigen rapide ab, sie bekommen Hautentzündungen, Mundfäule, Zahnausfall. Sie spüren immer noch den Kick, fühlen sich wie Superhelden, aber in Wahrheit sind sie Wracks. Bluthochdruck, Schäden an Nerven, Nieren, Lunge, Herzrasen, Magenprobleme, Paranoia, Schlaflosigkeit, Wahnvorstellungen – die Liste der Leiden ist lang.

Seine Mutter fand ihn in einer Zelle mit einer Plastiktüte über dem Kopf, mehr tot als lebendig

Ein Mann, der sich Edgar nennt, erzählt, dass er den Juckreiz anfangs kaum ausgehalten habe, zu Beginn der Therapie fiel er außerdem in eine tiefe Depression und glaubte, er werde das nie überstehen. Doch mit der Zeit hat sich der Mann mit der Halbglatze wieder aufgerappelt. Edgar, 37, verheiratet, Vater von sechs Kindern, erzählt, wie alles angefangen hat mit den Drogen. Und wie sie ihn dann eines Tages erwischten. Er wusste nicht, wer ihn überfiel, sie umwickelten seinen Oberkörper mit Klebeband, pressten ihm einen Revolver in die Hüfte und stülpten ihm eine Plastiktüte über den Kopf, so dass er kaum noch Luft bekam. Dann schleppten sie ihn fort.

„Ich dachte: Jetzt bist du ein toter Mann.“ Edgar beginnt zu zittern, als er das erzählt. Er will aber auch nicht aufhören, von seiner Entführung zu berichten. Seine Rettung verdanke er seiner Mutter, die ihn gesucht und schließlich in einer Zelle der Polizeistation gefunden habe, mit der Plastiktüte auf dem Kopf. Edgar behauptet, sie habe Lösegeld an einen Beamten zahlen müssen, so sei er frei gekommen.

Weil er Angst hatte, dass sie ihn noch einmal fangen, habe er sich dann in die Therapie geflüchtet. Überprüfbar sind seine Erzählungen vorerst nicht, die Polizei erteilt keine Auskunft und es heißt, der angeblich korrupte Beamte sei inzwischen gestorben. Doch ist nicht zu übersehen, dass Edgar noch immer eine panische Angst vor der Polizei hat. Wann immer er kann, betet er zur Jungfrau Maria. „Ohne meinen Glauben hätte ich es gar nicht durchgehalten“, sagt er.

Am Tag, als Edgar und Antonio von ihrer Therapie erzählen, berichten die Zeitungen, wie Präsident Duterte den Grundstein für ein neues Reha-Zentrum im Süden des Landes legt. Nicht, dass den Staatschef das Konzept einer Drogentherapie überzeugen würde. In seiner Rede verhöhnt er wie immer die Süchtigen und droht: „Ich hoffe, sie erreichen dieses Gebäude, bevor ich sie töte, diese Idioten.“

Suchtspezialist Leabres macht deutlich, dass es viel zu wenige Therapieplätze gibt. Er zitiert eine Studie von 2015, wonach es 1,8 Millionen Drogenkonsumenten auf den Philippinen gibt. Duterte behauptet, es seien vier Millionen, doch wie er darauf kommt, hat er nie erklärt. Nicht alle, die Shabu nehmen, müssten stationär in ein Entzugszentrum, sagt Leabres. Aber selbst wenn man nur ein Prozent aller Fälle einweisen würde, gäbe es nur für jeden Dritten einen Platz. Die Suchtkliniken des Landes haben nur 5000 Betten, es sollen, vor allem durch chinesische Investitionen, immerhin bald 10 000 werden.

Allerdings sieht Leabres noch mehr Probleme. Erstens werden bis zu 20 Prozent der Abhängigen rückfällig, zweitens wage es niemand mehr, sich für ambulante Drogenberatungen einzuschreiben – aus Angst vor den Killern. So ist es schwierig, Patienten nach der Entlassung weiter zu betreuen, was dringend nötig wäre, damit sie nicht wieder abgleiten in den Drogensumpf.

Und wie hält der Arzt das alles aus? Zermürbt einen in Zeiten des Drogenkrieges nicht irgendwann der Frust? „Ach“, sagt Leabres. „Manchmal treffe ich meine früheren Patienten beim Einkaufen. Die einen gehen wieder zur Schule, manche haben ein Geschäft eröffnet und erzählen, dass es ihnen jetzt gut geht. Das sind die Momente, die mich aufbauen.“

Für Antonio wird es bald Zeit, seine Tasche zu packen und vorne durch das große weiße Tor zu gehen. Falls er Angst hat, lässt er sich das nicht anmerken. „Ich versuche, draußen neue Freunde zu finden.“ Das sei wichtig, damit er nicht wieder in Versuchung gerate. Und dann will er sich eine neue Arbeit suchen. Beim Callcenter, weil er ja so gerne redet. Aber das Wichtigste ist für Antonio noch etwas anderes: „Ich gehe jetzt nach Hause zu meiner Mama. Ich war verloren, aber sie hat mich nie aufgegeben.“

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