Nationalspieler auf den Philippinen – Berlins unbekannter Fußballstar

Patrick Reichelt ist Ende zwanzig und Berliner, ursprünglich aus Rudow. Und Fußballprofi. Auf den Philippinen. Im Interview spricht der 42-fache Nationalspieler über seine verrückte Karriere und wie alles mit „einer kleinen Juxentscheidung“ anfing.

Patrick Reichelt ist Stürmer und Rechtsfuß. Die Grundlagen für seinen Sport lernte er in Berlin, zunächst in Rudow, beim Nordberliner SC, dann bei den Reinickendorfer Füchsen und später in Cottbus. Er spielte in der Regionalliga und sah sich natürlich auch weiter auf dem Weg nach oben. Vor fünf Jahren aber hatte Patrick Reichelt eine Krise. Er war verletzt und kam nicht so richtig voran. In jenen Wochen wurde er angesprochen von einem deutschen Trainer, warum er nicht auf die Philippinen wechsle. Der Trainer blieb dran und Patrick Reichelt schlug ein: Er flog rüber, blieb, bis heute. Und hat es nie bereut.

Mittlerweile spielt er in Bacolod auf den Philippinen beim FC Ceres-Negros. Patrick Reichelts Mutter stammt von den Philippinen und seine Großmutter, ebenso wie viele Tanten und Cousinen, leben noch dort. „Als ich aus Deutschland hierher kam, hatte ich sozusagen direkt vier Verwandte, die sich um mich gekümmert haben.“ Ziemlich wichtig sei ihm das gewesen, erzählt er. „Jetzt besteht mein Freundeskreis natürlich fast nur aus Fußballern: Hamburg, Köln, Schweinfurt – wir haben hier viele aus Deutschland. Also mein Freundeskreis hier ist auch relativ deutsch.“

rbb|24: Wie kam es überhaupt, dass es dich auf die Philippinen verschlug?

Patrick Reichelt: Bevor ich wechselte, wusste ich nicht, dass es auf den Philippinen auch ein richtiges Ligasystem gibt und eine Nationalmannschaft. Es lief damals, also 2011, über den Nationaltrainer der Philippinen, einen Deutschen, Michael Weiß. Der hat mich kontaktiert, als ich bei Energie Cottbus in der U23 war. Eines Tages hatte ich da einen Brief in meinem Spint und ich nahm zu ihm Kontakt auf. Er hat mir dann alles erklärt. Wir mussten dafür sehr schnell für mich einen Pass besorgen. Und 2012 ging es los mit dem ersten Traininingslager, das dann sogar in Deutschland stattfand, in der Nähe von Köln.

Wusstest du, auf was du dich einlässt?

Ich kannte Stephan Schröck, der hatte damals schon bei Greuther Fürth und Hoffenheim in der Bundesliga gespielt. Und eben auch in der Nationalmannschaft der Philippinen. Und der hat mir erzählt, dass es dort ganz cool ist. Und um ehrlich zu sein: Es war für mich dann eine relativ leichte Entscheidung. Denn realistisch gesehen war ich damals eben auch schon 22. Ich hatte eine große Verletzung hinter mir und merkte, dass es in Deutschland erstmal wohl nichts wird. Und da waren die Philippinen definitiv die beste Wahl.

 

Wer hat Dir dazu geraten, Dir vielleicht die Entscheidung abgenommen?

Was soll ich sagen: Meine Mutter war damals ziemlich stolz. Sie hat mir zugeredet, ich soll das auf jeden Fall machen. Aber es war auch eine kleine Juxentscheidung, denn es gab keinen, der mich wirklich überzeugt hatte. Aber ja, Michael Weiß ist drangeblieben, hat mich immer wieder kontaktiert und gefragt, ob ich mir den Schritt vorstellen könnte. Und dann habe ich gesagt: Patrick, versuch’s!

Ein deutscher Trainer, der viele deutsche Spieler holt. Was erhoffen sich die Philippinen von den Deutschen?

Der Fußball auf den Philippinen ist noch nicht so gut entwickelt, dass es viele lokale Spieler gibt, die auch auf einem gewissen Level sind. Deswegen haben hier viele Teams angefangen, mit Scouts zu arbeiten – in England oder Deutschland. Die haben gezielt nach Halb-Philippinos geschaut, die die Nationalmannschaft oder die Liga verstärken konnten. Die Idee war: Die Leute, die in Europa ausgebildet wurden, sollten helfen. Wenn man sich dann das Nationalteam ansieht oder eben unser Team, den Ceres FC, sieht man: Wir haben einen Kader von 25 Mann – 20 Spieler davon mit deutschen, englischen oder australischen Wurzeln – also Spieler aus der ganzen Welt. Und die Leistungskurve ist auch klar nach oben gegangen. Wir als Team in der Liga und auch das Nationalteam  sind respektable Mannschaften hier in Südostasien.

Und die Fans – wie reagieren die auf all die neuen Spieler, die nicht von den Inseln kommen?

Zu Beginn war das noch ein sehr heikles Thema. Hier sagten manche: Das sind doch keine richtigen Philippinos. Wenn wir dann gegen Singapur gespielt haben oder gegen Thailand, also einfach hier bei uns in der Umgebung, hat die Presse oft gesagt: Das sind alles „neutralisierte“ Spieler, wie sie das nennen. Aber das stimmt natürlich nicht: „neutralisiert“. Das heißt hier ja so viel wie: „Ihr habt kein Blut.“ Aber das sagten sie nur am Anfang. Mit den Erfolgen, die dann kamen, hat die Presse dann auch verstanden, dass das eben weiterhilft, dass gerade durch uns ein kleiner Hype kam. Vor etwa fünf flachten diese Kommentare immer mehr ab. Und mittlerweile sieht man sogar, dass immer mehr Kinder auf den Straßen Fußball spielen.

Wie gehen die Fans mit Euch um?

Man muss sagen, dass wir, also die Fußballer, hier immer noch einen sehr schweren Stand haben. Basketball ist weiter die Spielsportart Nummer eins. In Manila geht für uns da kaum etwas. Da spielst Du vor zwei, dreitausend Zuschauern, während beim Basketball schon die Colleges die Hallen füllen mit ihren Spielen. Also die Fanunterstützung für Fußball ist in Manila nicht besonders groß. Aber hier, wo ich spiele, in Bacolod, ist Fußball die Nummer eins. Da hast Du unter den Fans so echte Ultras. Da laufen die Heimspiele vor 10.000 Fans.

10.000 Fans, die oft oder immer kommen – da hast Du sicher einen Spitznamen?

Hier kennt mich jeder als “Kicki“. Aber den Spitznamen habe ich schon aus Berlin mitgebracht. „Kicki“ bin ich, seit ich klein bin. Jeder nennt mich nur „Kicki“.

 

Besondere Fangesänge – gibt es die auch?

Unsere Ultras von Ceres Negros, die haben auch schon ihr eigenes Lied. Aber die Fangesänge – die sind noch nicht vergleichbar mit dem, was in Deutschland da auf den Rängen passiert. Es gibt auch Hooligans, also Fans, die sich „Hooligans“ nennen, aber das ist nicht vergleichbar mit Deutschland. Es sind noch nicht die Fans, die wir in Deutschland haben, aber Stück für Stück sammelt sich das.

Den typischen Fußball-Samstagnachmittag, also die Tage, wo – gefühlt – alle Fußball spielen oder zusehen, gibt es den auf den Philippinen?

Da die Liga hier noch relativ frisch ist, gibt es da organisatorisch noch viel nachzuholen. Du kannst sicher sein, dass der Spielplan augegeben wird, aber Du musst immer vorbereitet sein, dass da dann Veränderungen passieren. Der Saisonabschluss in diesem Jahr etwa – der war eigentlich für Ende November angekündigt. Jetzt ist er bereits auf Mitte Dezember verschoben. Meist wird hier Samstag und Sonntag gespielt, ja, aber Mittwoch sind immer mal wieder Nachholespiele.

Was vermisst Du an Berlin?

Besonders das Essen ist hier auf den Philippinen anders. Ich konnte mir hier nicht mehr einfach einen Döner holen oder in Bäckereien gehen. Und dann ist da noch das Verabreden: In Deutschland ist alles immer schon sehr gut organisiert und jeder ist pünktlich. Hier spielt Pünktlichkeit keine große Rolle. Da passiert es, dass Du ein Meeting hast um halb zwölf und der andere kommt um halb eins.

Und der Kontakt zu Deutschland – wie hältst Du den?

Mit den Social Media, via Whatsapp oder Facetime ist das relativ leicht. Ich habe noch sehr viele Freunde in Deutschland, besonders in Berlin. In Deutschland bin ich eigentlich nur einmal im Jahr, das ist über Weihnachten und Silvester. Aber dieses Jahr ist das anders.

Warum kommst Du in diesem Jahr nicht nach Berlin über den Jahreswechsel?

Ich werde im Januar heiraten. Und alle meine Freunde kommen hierher und fliegen über Silvester bis in den Januar auf die Philippinen. Auch Marvin Plattenhardt ist eingeladen, der ist mit einer guten Freundin zusammen, aber leider kann er nicht – die Saisonvorbereitung…

Und vertraglich, wie geht es da weiter?

Im Dezember, also hier zum Saisonende, läuft mein Vertrag aus. Wir sind gerade in einer Phase, wo wir reden, und ich denke: Der Verein ist weiter an mir interessiert und will verlängern. Ich war zwar auch schon in Thailand, da gibt es auch interessante Optionen. Priorität aber hat für mich: Ich möchte hier bleiben.

Du sprichst über Thailand, weil Du dort auch für ein Jahr warst. Da hast Du es in den wenigen Monaten, die Du da warst, auf die Werbeplakate geschafft, auf riesige Wände.

Genau. Thailand ist in Sachen Fußball nur schwer mit den Philippinen zu vergleichen. Du hast viel mehr Fans, viele Leute tragen das Trikot Deines Vereins. Und ja, das Plakat: Ich habe es leider nicht. Es war zu groß. Aber ab und zu machen einige Leute schon noch Witze darüber, schließ habe ich es noch als Bild bei Instagram.

Wie lautet Dein Rat an Leute, die mit dem Gedanken spielen zum Fußballspielen nach Thailand oder auf die Philippinen zu gehen?

Ich habe gerade einen Kumpel aus Berlin nach Vietnam gebracht, also zu einem Verein dort. Hier ist in Sachen „Fußball“ viel im Aufbau. Und es kommen immer mehr Sponsoren. Ich kenne viele Superkicker, die spielen in der dritten, vierten Liga für ein paar tausend Euro, aber die Konkurrenz ist super groß und Du musst immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Aber ich denke: Wenn man den Mut zusammennimmt und den Schritt hierher nach Asien macht, dann wird man das nicht bereuen.

Quelle

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