Drogenkrieg auf den Philippinen – Er muss tanzen, sonst wird er erschossen

Der philippinische Präsident lässt Drogensüchtige töten. Wer überleben will, macht eine Therapie: Entzug unter Todesangst. Doch was, wenn einer rückfällig wird?

Manila, Philippinen – Anoy Santos hat sich neue Turnschuhe gekauft, weil er nicht sterben will. Weiße Nikes mit einem roten Streifen, sie glänzen an seinen Füßen, als er das Therapiezentrum betritt, den stickigen Saal, in dem gleich der Zumba-Kurs für Drogensüchtige beginnt. Santos beeilt sich. Er muss pünktlich kommen, darf keinen Fehler machen, den Kurs nicht verpassen. Nur dann hat er eine Chance, die Jagd zu überleben, die der philippinische Präsident auf Menschen wie ihn macht.

Es ist angenehm still auf dem Gelände des Therapiezentrums, in der Mitte liegt eine Kirche, deren Tore weit offen stehen. Die Besucher, die vorüberhuschen, lächeln und sprechen nur leise. Santos kommt jeden Tag zu seiner Therapie, und er kommt gern. Um seine Sucht loszuwerden. Und um nicht erschossen zu werden.

Caloocan ist ein Moloch mit 1,6 Millionen Einwohnern, im Norden von Manila gelegen. Blickte man von oben hinab, sähe man ein Gewirr aus verstopften Straßen, Rikschas, Imbissen, Müllsammlern mit ihren Karren. Die Bewohner leben in Hütten aus Blech, viele haben weder Strom noch Wasser, nachts kommen die Menschen unter der Glühlampe eines Kioskes zusammen und spielen Karten. Ansonsten gibt es in Caloocan wenig, erst recht keine Arbeit, und so verkaufen viele hier Drogen. Selbst Einheimische meiden die Stadt, weil es ihnen hier zu gefährlich ist.

Caloocan ist ein Knotenpunkt auf der Drogenroute, hier kommt der Stoff aus dem Norden an und wird in die Hauptstadt weitertransportiert. Orte wie diesen hatte Präsident Rodrigo Duterte vor Augen, als er die Wahl mit dem Versprechen gewann, die Philippinen drogenfrei zu machen. Seit Juli 2016 haben Polizisten und Auftragskiller im ganzen Land schätzungsweise mehr als 10.000 vermeintliche Dealer und Süchtige getötet.

Doch an kaum einem zweiten Ort wird der Drogenkrieg so erbarmungslos geführt wie hier. Jede Nacht sterben im Schnitt sechs Menschen.

Hier also macht Anoy Santos seine Therapie, im Zentrum des philippinischen Drogenkriegs. Es ist ein extrem gewagtes Experiment. Lassen sich Menschen unter Druck therapieren, unter Todesangst?

Seit einem Jahr existiert das Zentrum, seither kommen jeden Tag 25 Süchtige zusammen. Gerade läuft der zweite Kurs, er dauert fünf Monate, von morgens bis nachmittags. Die Patienten haben einen Stundenplan: Zumba, Gesprächskreise, Wertekurse, Bibellesen, Bonsaibaum-Pflege, Rechenunterricht, Kerzenziehen.

Rund 50 stationäre Einrichtungen gibt es auf den Philippinen, mit Betten für 5000 Patienten. Sie sind in ehemaligen Kasernen oder einem Hauptquartier der Nationalpolizei untergebracht, sind eher Gefängnisse als Orte, an denen den Menschen wirklich geholfen wird. Wer hineinmöchte, braucht einen Gerichtsbeschluss, eine Zwangseinweisung. Santos‘ offenes Therapieprojekt hat etwas von einem engagierten Jugendtreff. Die Patienten verbringen Zeit miteinander, zum Schlafen gehen sie nach Hause.


Im Video: „Früher gab es nur Gefängnis oder Tod“
Der Projektleiter Sikini Labastilla über die Bedeutung von Therapieeinrichtungen im philippinischen Drogenkrieg.

Santos ist zwar arbeitslos, aber gerade geht es ihm ganz gut. „Ich will ein neues Leben führen, näher an Gott und ohne Drogen“, sagt er. „Zum ersten Mal fühle ich mich nicht mehr aggressiv, und ich liebe meine Familie.“ Er lächelt, und es gibt keinen Grund, ihm das nicht zu glauben. Aber Santos sagt diese Sätze gern und wird sie immer wieder sagen, es klingt ein wenig wie aus einem Handbuch für geläuterte Süchtige. Aber es sind Sätze, die sein Überleben sichern.

Anoy Santos, 54, braune Augen, Bürstenschnitt, das Gesicht blass und ernsthaft, rauchte 20 Jahre lang Shabu, so nennen sie hier Crystal Meth. Er verkaufte es, verdiente damit Geld für seine Familie. Dann begann Dutertes Kampagne gegen Drogen. Polizisten klopften an Santos‘ Tür, eine Warnung: Wir haben dich im Blick.

Er wusste, er steht auf der Abschussliste. Seitdem versucht er, in der Therapie der beste Patient zu sein.

„Ich möchte, dass mein Name aus der Überwachungsliste verschwindet“, sagt er. Drei Möglichkeiten gibt es dafür im Land des Duterte: Tod durch Erschießen. Gefängnis. Oder eben eine Drogentherapie.

Wenn Santos die fünf Monate durchhält, stellt ihm die Stadt eine Urkunde aus. Sein Name wird dann von der Liste gelöscht. Die Polizei wird ihn trotzdem weiter überwachen und beobachten, ob er nach der Therapie rückfällig wird, so wie viele. Dann beginnt der Kreislauf von vorn.

Ein Jahr nach Dutertes Amtsantritt herrscht eine Kultur der Willkür und Straflosigkeit im Land; der Präsident hat eine Art Massenmord entfesselt, getötet werden vermeintliche Drogensüchtige und Dealer, Kleinkriminelle, Unschuldige. Polizisten oder Auftragskiller strecken sie nieder, in ihren Wohnzimmern, in ihren Betten, beim Essen. Das Signal ist: Es kann jeden treffen, überall. Kein Ort ist sicher. Es trifft jedes Mal die Ärmsten der Armen.

„Verrichtet euren Dienst. Und wenn ihr tausend Menschen tötet, weil ihr euren Dienst getan habt, werde ich euch schützen.“ So redet Duterte. Jetzt, in den schwülen Monsunwochen, hat die Gewalt noch einmal zugenommen. Mitte August wurden in nur einer Woche mehr als 90 Menschen getötet, es waren die bislang blutigsten Tage in Dutertes Krieg gegen die Drogen.

Auch der 17-jährige Kian Loyd delos Santos, eines der jüngsten Opfer, starb in Caloocan. Drei Polizisten hatten den Schüler am 16. August auf der Straße aufgegriffen. Erst verprügelten sie den Jungen, dann erschossen sie ihn in einer Gasse. Sie drückten ihm eine Waffe in die Hand und behaupteten, Kian habe auf sie gefeuert. Bilder einer Überwachungskamera zeigen aber, wie die Polizisten ihn im Schwitzkasten abführen. Eindeutig ist das Vorgehen der Polizei durch Videomaterial dokumentiert: ein Mord an einem Jugendlichen, der nicht die Chance hatte, sich zu verteidigen.

5000 Menschen gingen nach dem Tod des Jungen auf die Straße – der erste größere Protest im Land. Folgen wird er kaum haben. Duterte versprach zwar unabhängige Ermittlungen, aber schon kurz darauf ermunterte er die Polizei, weiter zu töten.

Es gibt also gute Gründe für eine Drogentherapie in Caloocan.

Vor der Sporthalle wartet an diesem Morgen ein Dutzend Männer und Frauen, mit neuen Sportschuhen, frisch gewaschene Kleider an ausgemergelten Körpern. Als sich die Tür zur Halle öffnet, drängen sie sich um eine Mitarbeiterin, die die Anwesenheitsliste führt. Santos unterschreibt, konzentriert und säuberlich.

Dann dreht die Zumba-Lehrerin „Despacito“ von Luis Fonsi auf. Und Santos singt mit, ohne den Text zu kennen, seine Arme rudern durch die Luft, die Beine federn. Er dehnt seine Waden mehr als nötig, bückt sich tiefer, als seine Wirbel es eigentlich erlauben. Nach wenigen Minuten glänzt sein Körper schweißnass. Am Ende der Stunde reckt Santos den Daumen nach oben und schaut sich unauffällig um, ob sein Einsatz auch registriert wird.

Vor wenigen Monaten hat Niño, einer aus der Gruppe, die Therapie geschmissen. Drei Wochen später wurde er hingerichtet. Seitdem wissen alle Patienten hier, dass die Polizei ihre Therapie überwacht.

Santos und die anderen sprechen nicht gern über Niño. Sie wissen: Sein Tod war auch als Warnung gedacht. Panisch baten einige den Direktor danach, sie in geschlossene Unterkünfte zu schicken.

Sikini Labastilla öffnet die Tür zu seinem Büro in der Nähe der Sporthalle, drinnen stehen ein Stuhl, ein Tisch, ein Regal, ein Ventilator. Gerade hatte er Besuch von der Polizei, diesmal ging es um Todesdrohungen von Dealern gegen Labastilla, denen er mit seinem Therapiezentrum angeblich die Kunden wegnimmt.

Labastilla ist 47 Jahre alt, ein Mann in Jeans und Shirt, er hat Jura studiert und war Personalbeauftragter bei der Stadtverwaltung; kein schlechtes Leben, wie er sagt. Früher war er im Priesterseminar. Nun leitet er das Therapieprojekt.

Es war im vergangenen Sommer, als Labastilla beschloss, sich dem Präsidenten entgegenzustellen, den er gewählt, für den er sogar Wahlkampf gemacht hatte. Er saß damals in der Stadtverwaltung, als das Telefon klingelte. Ein befreundeter Priester war dran, seine Stimme zitterte. Vor seiner Kirche war ein fünfjähriges Mädchen von einem Querschläger getroffen worden. Männer seien auf Motorrädern vorbeigerast, hätten auf einen Mann gezielt und dabei das Kind getötet.

Danach schlief Labastilla nicht mehr gut. Er dachte jetzt oft an den Film „Schindlers Liste“ und daran, wie Oskar Schindler während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet hatte. Er fragte sich: Was macht einen Helden aus?

Sarg des Mordopfers Niño: Vier Schüsse in der Dunkelheit, er starb im Wohnzimmer

Bis dahin hielt Labastilla Drogensüchtige für ein Übel, das man ausrotten müsse, er unterstützte Duterte, als dieser versprach, gegen die mächtigen Syndikate vorzugehen. „Todesschwadronen würden in jedem Winkel des Landes aufräumen“, so habe er das damals gesehen, sagt Labastilla. Er lacht. „Ich war naiv.“

Was dann geschah, war anders als das, was Labastilla sich erhofft hatte. Der neue Polizeichef von Caloocan kam von Dutertes Heimatinsel Mindanao, und „er ließ alle Süchtigen ermorden“. Labastillas Chef, der Bürgermeister, unterstützte Dutertes Kampagne. Beiläufig sprach er davon, in Caloocan auch Therapiemöglichkeiten anzubieten.

Im Herbst 2016 gründeten der Bürgermeister, der Priester und Labastilla das Zentrum für Drogensüchtige. Labastilla wollte der Regierung zeigen, dass man sie auch retten kann, dass es Alternativen gibt. „Nicht alle sind Verbrecher“, sagt er. Mit dieser Ansicht ist er ziemlich allein im Land.

Seit Beginn des Drogenkriegs im Juli 2016 haben sich rund 1,3 Millionen Süchtige den Behörden gestellt, 19.000 davon allein in Caloocan. Wer sich ergibt, hat die Hoffnung, mit dem Leben davonzukommen.

Doch um von den Todeslisten gestrichen zu werden, müssten alle eine Therapie machen; einen solchen unvorhergesehenen Bedarf an Plätzen gab es weltweit noch nie. Dabei ist nicht jeder, der sich gestellt hat, schwer abhängig, neun von zehn konsumierten nur gelegentlich, so das Gesundheitsministerium. Therapieeinrichtungen sind vor allem aus einem Grund so begehrt: weil sie Schutz bieten.

Labastilla informierte sich über Therapien, er sprach mit Spezialisten, zumindest nannten sie sich so. Einer schlug ihm den flächendeckenden Gebrauch von Saunen vor, um die Sucht auszuschwitzen. Er traf den Direktor einer Heilanstalt, der die Lösung darin sah, Süchtige auf Inseln zu bringen. Er traf Ortsvorsteher, die sie zu Tanzkursen zwangen. Labastilla merkte, dass er seine Therapie selbst erfinden muss.

Er stellte zwei Psychologen und fünf Sozialarbeiter an. Er findet, es ist am besten, den Süchtigen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Sport soll ihnen helfen, positiver zu denken. Sie sollen lernen, Kerzen herzustellen, um Geld zu verdienen. Sie sollen über ihre Probleme sprechen können, ohne dass ihnen gleich die Polizei droht.

„Morde sind nicht die Lösung“, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: „Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.“ Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Will man mehr über die staatliche Drogenpolitik erfahren, muss man ins nahe Quezon City fahren, zum Dangerous Drugs Board, zur Regierungsbehörde für Drogenbekämpfung. In einem Hochhaus empfängt der neue Chef Dionisio Santiago, ein Ex-General, der kaum zu wissen scheint, was seine Aufgabe ist. Zwei Helfer flüstern ihm Zahlen ins Ohr und halten ihm Folien zum Ablesen hin. Santiago sagt, es gebe vier Millionen Drogensüchtige im Land. Seinen Vorgänger hat Duterte gefeuert, weil er behauptet hatte, es seien 1,8 Millionen.

Dionisio Santiago spricht über zwei Varianten staatlicher Drogenpolitik. Die offizielle setzt auf Aufklärung, Prävention, Rehabilitation, es ist die harmlose Variante. Die andere sind Morde. Santiago erzählt wirre Geschichten über die gestörte Mutterbindung von Süchtigen, dann kichert er über Gebete in Therapiezentren.

Schließlich demonstriert er, wie schwierig es beim Schießen ist, sein Ziel zu treffen. Die Polizisten würden ständig von Süchtigen angegriffen. Wehrten sie sich, könne es passieren, dass es „Kollateralschäden“ gebe. „Sie dürfen von einem armen Land in der Drogenpolitik nicht so viel erwarten.“

In Caloocan sitzen Anoy Santos und seine Kollegen im Stuhlkreis zusammen. Sie sollen erzählen, was sie gelernt haben, was sie sich für die Zukunft wünschen.

Dan spricht als Erster, er war einmal Tänzer in Japan, zehn Jahre auf Shabu. „Alle in meinem Umfeld begannen, mich zu hassen“, sagt er leise. „Ich bestahl meine Familie, ich kannte Gott nicht. Ich habe Angst, dass jemand Drogen in meinem Haus deponiert und ich sterbe.“

Dann spricht Hedi, sie weint: „Ich habe mich prostituiert, meine Kinder wuchsen ohne mich auf“, sagt sie. „Ich bin clean. Aber wie soll ich jetzt Geld verdienen?“

Ron ist dran: „Nach der Therapie werde ich nicht sicher sein, denn Freunde spitzeln für die Polizei. Ohne Duterte hätte ich keine Therapie gemacht. Aber er darf uns nicht töten. Er ist nicht unser Erschaffer.“

Santos will seine Geschichte zu Hause erzählen, in seiner Hütte. Am Eingang der dunklen Gasse hängt ein Poster von Duterte, als ob die Bewohner sich so schützen könnten. In Santos‘ Wohnzimmer läuft ein Fernseher, seine Frau sitzt still davor. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Platz, kaum Luft zum Atmen.

Die meiste Zeit seines Lebens war Santos, zweimal verheiratet, Vater eines Sohnes, arbeitslos. Ein paar Jahre jobbte er als Kellner, nahm Shabu, um wach zu bleiben. „Wir haben hier nur überlebt, weil wir Drogen verkauften“, sagt er.

Am 1. April 2017 durchsuchte die Polizei seine Hütte. Seine Schwiegermutter landete im Gefängnis, wegen Drogenhandels. Drei seiner Nachbarn starben bei Polizeioperationen; Santos versteckte sich.

Wenig später kamen die Polizisten wieder zu seiner Hütte, sie brachten drei Männer aus dem Viertel mit. Diesmal war Santos da. „Du gehörst zu denen, die Duterte ausrotten will“, hätten sie ihm gesagt.

So gehen sie immer vor. Polizisten klopfen an der Tür vermeintlich Süchtiger, die Namen bekommen sie von den Ortsvorstehern. Diese stellen ihre Listen oft willkürlich zusammen; eine Mischung aus Denunziation und Hörensagen. In einigen Slums gibt es Briefkästen, in die man Zettel mit den Namen vermeintlicher Dealer oder Süchtiger einwerfen kann. Die Polizei überprüfe den Verdacht und „erschießt jene, die sich einer Verhaftung widersetzen“, sagt der Ortsvorsteher. Danach legen Polizisten einen Beutel Shabu und eine Waffe neben das Opfer.

Duterte hat ein Klima geschaffen, in dem ein Gerücht zum Tod führen kann.

Spielender Junge im Slum von Caloocan: Duterte hat ein Klima geschaffen, in dem ein Gerücht zum Tod führen kann.

Santos überlegte also nicht lange und stellte sich den Behörden. Er unterschrieb, dass er keine Drogen mehr nehmen werde.

Vor seinem Büro in Caloocan registriert Sikini Labastilla, der Direktor, an diesem Tag neue Süchtige. Dutzende sind gekommen. Sie lassen sich testen und füllen Formulare aus, um die Schwere ihrer Sucht zu ermitteln. Doch am Ende wird Labastilla sie alle wegschicken müssen. Seine Plätze sind belegt.

Er hofft, dass sie nicht sterben wie Niño.

Die Ermordung seines Patienten, von dem alle nur den Vornamen nennen, liegt wenige Wochen zurück. Niño war ein stiller Mann, 36 Jahre alt, er hat jede Menge Shabu verkauft und genommen, das sagen sogar seine Verwandten. Seine Mutter hatte ihn in die Therapie geschleppt. Zehnmal sei er bei den Sitzungen gewesen, erinnert sich Labastilla. Seine Teilnehmerkarte habe er mit Stolz getragen. Am Abend ging er nach Hause, zu seiner Mutter und seinen acht Geschwistern. Geld hatten sie nicht, seit Niño aufgehört hatte zu dealen.

Eines Tages kam Niño dann nicht mehr zur Therapie. Er habe Arbeit gefunden, hatte er dem Direktor vorher gesagt. Drei Wochen später war er tot. Die Polizei teilte Labastilla mit, Niño habe Drogen verkauft. Man habe drei erfolgreiche Testkäufe gemacht und daraufhin von der Drogenbehörde die Freigabe bekommen, „eine Operation gegen ihn durchzuführen“.

„Niños Tod war das Unglück, das wir verhindern wollten. Aber es motiviert die Patienten auch weiterzumachen“, sagt Labastilla.

Der Projektleiter hat einen festen Ansprechpartner bei der Polizei. „Es ist meine Pflicht, ihn zu informieren, wenn ein Patient nicht mehr kommt.“ Die Polizei sei auch nach der Therapie bei den Nachsorgeterminen dabei. Der Grat vom Helden zum Verräter ist schmal für ihn.

Labastilla verabscheut die Morde. Aber er ist auch Angestellter der Stadt. Er kann es sich nicht leisten, sein Verhältnis zur Polizei zu beschädigen. In der Regel verhandelt Labastilla mit den Beamten darüber, wen er aufnehmen darf. Die Polizei sortiere jene aus, die „zu tötende Elemente“ seien. Während der Therapie seien die Patienten geschützt. Aber solange es so viel mehr Süchtige als Therapieplätze gebe, könne man eben nicht alle protegieren.

Labastilla will das System von innen heraus verändern, aber das ist schwer. „Die Morde werden weitergehen“, sagt er. Die Opfer in den Slums können sich nicht wehren, es kommt kaum zu Prozessen, und die Rufe nach internationaler Gerichtsbarkeit sind bisher verhallt.

An einem Abend im August hat Niños Mutter im Slum zu einer Gedenkfeier für ihren ermordeten Sohn eingeladen. In der Küche flackern Kerzen. Die Stimmung ist angespannt. Die Mutter, eine ausgezehrte Frau, traut niemandem mehr. „Wer weiß, wer meinen Sohn verraten hat“, sagt sie.

Es war Nacht, als Niño starb, wie immer; Polizisten in Zivil hätten die Gasse abgesperrt, es war dunkel, es fielen vier Schüsse. Ein Beerdigungsunternehmer habe die Polizisten begleitet. Als die Mutter herbeieilte, schreiend vor Schmerz, transportierten sie Niño, den Stillen, schon aus dem Wohnzimmer ab.

Bei der Feier an diesem Tag sitzen nur einige ältere Frauen zusammen. Niños Freunde und Mitpatienten sind nicht gekommen. Keiner wagt es, öffentlich um einen Süchtigen zu trauern.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr erscheinen die Überlebenden der Therapie aus Caloocan pünktlich zum Zumba. Alle sind hoch motiviert.

Quelle

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