Was die Insel Palawan so attraktiv macht

Mit ihren weißen sandigen Buchten, den bizarren Felsformationen und viel Natur hat sich die Region Palawan seit 20 Jahren konsequent einen Ruf als ökotouristisches Ziel erarbeitet.

Zählappell! Männer aller Altersstufen in kniekurzen Hosen und hellbraunen T-Shirts strömen am Ende des weiten Platzes zusammen. Die Fahne wird eingeholt, und die Männer tragen sich in Listen ein. Vermutlich sind sie alle da – auch wenn sie Gefangene sind. Und auch wenn kein Stacheldraht und keine Mauer das „Iwahig Prison“ auf Palawan umgrenzen.

Ein Mann, der sich als Ver vorstellt, begrüßt die Besucher. Er ist fünfzig, an der Rechten fehlt ihm der Ringfinger. In einer Mischung aus ruhiger Vorsicht und Resignation erzählt er aus seinem Leben.

„Ich wurde wegen Drogen verurteilt und habe lebenslänglich. Seit 29 Jahren bin ich hier, noch zwei Jahre, dann komme ich heraus. Ich werde nach Hause gehen, nach Nord-Luzon. Im Vergleich zu anderen Gefängnissen ist das Leben hier ganz okay. Es gibt ein Krankenhaus, eine Kirche, wir können Sport machen.“

2.600 Gefangene sind in vier verschiedenen Dörfern untergebracht. Es gibt drei Kategorien von Häftlingen: Die mit höchster, die mit mittlerer und die mit leichter Sicherheitsstufe. Die ganz schweren Jungs sind nach wie vor eingeschlossen. Die anderen, in braunen und orangen T-Shirts, führen ein weniger überwachtes Leben.

„Wir können auf den Reisfeldern arbeiten, bei den Fischteichen oder im Krankenhaus. Morgens um fünf stehen wir auf, gehen an die Arbeit, abends um sieben müssen wir wieder in den Schlafsälen sein. Viele von uns stellen auch Souvenirs her. Das Geld dürfen wir behalten, 15 Prozent gehen allerdings in den Topf für Sport und Freizeit.“

Von Mörderhand geflochtene Flaschenhalter?

Souvenirs? Im Knast? Tatsächlich schlendert eine Handvoll Touristen durch die heruntergekommene, luftige Sporthalle und sieht sich an, was die Gefangenen gebastelt haben: Buddelschiffe, Essstäbchen aus Bambus, geflochtene Flaschenhalter, bunte Holzschmetterlinge und Sonnen mit eingebrannten Ornamenten. Und wann bringt man schon einen Schlüsselanhänger in Krokodilform nach Hause, der aus alten Plastiktassen gegossen wurde – möglicherweise von Mörderhand?

Für die Gefangenen ist der Verkauf eine Chance, etwas Geld zu machen und ihren Speiseplan zu bereichern, sagt Ver, der auch recht gut Englisch spricht.

„Wir kochen selbst. Pro Woche bekommen wir viereinhalb Kilo Reis, sechs Dosen Sardinen, zwei Eier, zwei Pakete Reisnudeln und sechs Stücke Trockenfisch. Da muss man dazuverdienen, wenn man ein bisschen Abwechslung haben will.“

Dann erklingt aus einer kleinen Anlage Musik, sechs junge Männer in Schwarz formieren sich zu einem einfachen Tanz, und am Ende segeln immerhin ein paar Peso-Scheine in die Trinkgeld-Box.

Das sogenannte „Weiße Gefängnis“ ist die wohl ungewöhnlichste „Attraktion“ von Palawan. 425 Kilomer lang und bis zu 40 Kilometer breit bildet die Insel, zu der 1700 weitere Inselchen gehören, sozusagen den westlichen Vorposten der Philippinen im Meer. Eine knappe Million Einwohner teilen sich die 14.600 Quadratkilometer – so spärlich besiedelt ist keine andere Provinz.

In der Gunst der Besucher steht Palawan ganz weit oben. Denn seit 20 Jahren erarbeitet sich die Region konsequent einen Ruf als ökotouristisches Ziel. Begonnen damit hatte Edward Hagedorn, der einstige Bürgermeister der Hauptstadt Puerto Princesa. Das Rauhbein, das früher illegal Holz geschlagen und sich einen Dreck um Gesetze geschert hatte, ging nach seiner Wahl 1992 konsequent gegen dubiose Holzfirmen vor und schloss nicht genehmigte Minen.

Und um die Stadt endlich sauberzukriegen, ging er darüber hinaus höchst ungewöhnliche Wege, erzählt Reiseführer Allan Luneta.

„Es gab ein Gesetz, das es verbot, Abfall auf die Straße zu werfen. Und dann wurde die Bürgerpolizei eingeführt. Jeder, der einen anderen dabei erwischte, wie er etwas wegwarf, konnte ihn verhaften oder die Polizei holen. Der musste dann eine Strafe von 200 Pesos, umgerechnet drei Euro 50 bezahlen – und von der bekam der, der aufgepasst hatte, etwas ab. Als die Leute sich schließlich daran gewöhnt hatten, die Straßen sauber zu halten, wurde das wieder abgeschafft.“

Und das Ergebnis des Experiments war nicht etwa ein Volk von Denunzianten. Es war und ist der nachhaltige Stolz, mit dem die Bewohner jeden Besucher auf die grünen Mülltonnen hinweisen, die überall in der Stadt zu finden sind.

Mangroven, Buchten, Korallenriffe formen Landschaftsensemble

Allan Luneta zog erst vor vier Jahren von Manila nach Palawan. Und er hat es nie bereut.

„Als ich endgültig hierher zog, merkte ich erst, wie schön die Insel ist. Die wunderbare Natur, die Ruhe, die Sauberkeit, die Ordnung. Wir haben nur wenig Kriminalität und man lebt hier viel billiger als anderswo. Alle, die hier wohnen, lieben ihre Stadt.“

Fast die Hälfte der Insel ist noch von Regenwald bedeckt. Dichte Mangrovensümpfe, weiß-sandige Buchten und belebte Korallenriffe formen ein großartiges Landschaftsensemble.

Und dann sind da die bizarren Karstfelsen. Wie ein erstarrter Schwamm voller Löcher, Schründe und Spalten ragt Ugung Rock, der klingende Fels, aus dem Grün. Mit Hilfe einer Stiftung haben die Mitglieder der Gemeinde Tagabinet darin eine Kletterstrecke angelegt. Eine Führerin begrüßt die Gäste.

Carlos Daquer ist der Manager des ungewöhnlichen Projekts.

In der Vergangenheit, erzählt er, haben die Bewohner des Dorfes sich so durchgeschlagen, wie viele andere auch.

„Wir haben Slash and Burn praktiziert. Das heißt, wir haben ein Stück Wald gerodet, die Bäume abgebrannt und darauf Reis gepflanzt. Wir haben gar nicht verstanden, wie schnell der Wald abgeholzt sein wird, wenn alle 45 Familien des Dorfes das praktizieren. Ein paar Jahre, und vom Regenwald wäre nichts mehr übriggeblieben.“

Dann kam die Stiftung, und versuchte, sie zu überzeugen, dass es auch andere Möglichkeiten des Lebensunterhalts gäbe.

„Wir haben angefangen, Baianihán zu organisieren, das ist freiwillige, unbezahlte Arbeit. Wir haben das gemacht, weil wir erkannt haben, dass die Sache mit den Touristen eine große Chance für uns sein könnte.“

Sie verbanden Höhlengänge, legten Klettersteige an, zogen Sicherungen ein und bauten auf den Gipfel zwei schnelle Seilbahnen.

Heute sind jeden Tag 90 Männer und Frauen im Berg im Einsatz. Sie sichern, schieben, halten und ziehen Koreaner, Briten, Japaner, Holländer und ein paar Deutsche durch das scharfkantige Labyrinth.

Sie schlagen auf Kalkplatten, bis sie zu klingen beginnen und haben jede Menge Spaß dabei.

Eine Familie als lebende Ausstellungsstücke

Oben auf dem Gipfel hat es ordentlich aufgefrischt. Der Wind wirbelt und pfeift und klatscht nasse Böen waagrecht gegen den tuffigen Fels. Die Jungs helfen dem Besucher ins Geschirr der Seilbahn. Und dann…

Nicht alle Attraktionen Palawans freilich entsprechen den strengen – westlichen – Standards eines aufgeklärten Ökotourismus.

Leicht gewöhnungsbedürftig ist etwa der Schmetterlingsgarten, zumindest was die menschliche Besatzung angeht. Denn in zwei traditionellen Hütten ist hier eine Familie vom Stamm der Palawan angesiedelt – lebendes Kulturgut sozusagen, Hagenbecks Völkerschau in der philippinischen Variante.

Zu Hause, sagt Rabiásch, der schmächtige, sehnige Vater, seien sie in den Bergen, über 100 Kilometer von hier. Zwei-, dreimal im Monat machten sie sich auf die Dreitagestour – zu Fuß. Dann zeigt er routiniert seine Speere, sein Sohn Ronél führt vor, wie man mit Steinen Feuer macht, und dessen Bruder Binbin greift zur Gutschapé, der Gitarre der Ureinwohner.

Wenn sie 20 mal am Tag die gleiche Show abziehen, 20 mal am Tag die gleichen Erklärungen geben – kommen sie sich da nicht manchmal wie Ausstellungsstücke vor? Rabiasch versteht die Frage nicht.

Es sei doch prima, meint er, wenn sie sich so etwas Geld verdienen könnten. Und es sei doch schön, wenn sich auf diesem Weg jemand für ihre Kultur interessiere. Denn auf die seien sie sehr stolz.

Abends klart es auf. Am Hafen von Puerto Princesa leuchten bunte Neonfische. Liebespaare sitzen am Kai, vor den Imbissständen duftet es nach gegrilltem Fisch und Schweinefleischspießen. Junge Männer lassen sich „Towers“, hohe Plastikzylinder, mit drei Flaschen Bier füllen. Sehr junge Kinder sind mit Tüten voller Süßigkeiten und Erdnüssen unterwegs, ihre Eltern bieten „Balut“ an, angebrütete Enteneier, hochgeschätzt auf den Philippinen.

Einige der Verkäufer kommen aus den wilden Siedlungen um die Stadt. Der Tourismus mit seinen Jobs zieht viele Menschen an. Slums entstehen und werden abgerissen, wenn der Grund anders genutzt werden soll. Wer Glück hat, wird umgesiedelt in Neubauten, der Rest schlägt seine Hütten anderswo auf.

Am schwarzen Himmel leuchtet das Kreuz des Südens, umgeben von funkelndem Gewimmel. Eine Stimmung fröhlicher Gelassenheit liegt über den Tischen. Das schrille Manila mit seinen 15 Millionen Einwohnern, den glitzernden Einkaufspalästen und den nie endenden Verkehrsstaus scheint jetzt nicht 500 Kilometer, sondern eine ganze Welt weit entfernt.

Einen gewaltigen Sprung nach oben machten die Touristenzahlen 2011. Da wählte die weltweite Internetgemeinde  in einer Abstimmung den Unterirdischen Fluss von Palawan zu einem der sieben „Weltwunder der Natur“, gleichberechtigt neben dem Amazonas oder der Halong Bucht in Vietnam.

8,2 Kilometer lang erstreckt er sich unter dem Mountain Saint Paul und gilt als der längste, schiffbare Untertagefluss der Welt. Wer ihn befahren will, muss vorab buchen: Nur 900 Besucher werden pro Tag zugelassen.

Jeweils zu acht steigen sie in Paddelboote. Der Bootsmann legt ab, schon bald schneidet nur noch seine Lampe Lichtschneisen ins Dunkel.

Dann kommt bereits Licht in Sicht. Licht am Ende des Tunnels – des ungewöhnlichsten Tunnels der Welt.

Quelle

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