Von den Philippinen in deutsche Kliniken

Manila, Philippinen – Der Personalmangel in der Krankenpflege sorgt für neue Geschäftsmodelle. Ein Berliner Unternehmen vermittelt neuerdings Pflegekräfte von den Philippinen und aus China nach Deutschland. Auch Ortenauer Kliniken sind unter den Auftraggebern. Die Vorbereitung der ausgebildeten Pflegekräfte auf die Aufgabe in Deutschland übernimmt das Ökumenische Institut für Pflegeberufe in der Ortenau. Die ersten Arbeitskräfte aus Manila sind in Offenburg eingetroffen.

30 Grad in Manila, 7 in Offenburg
In Manila, der philippinischen Hauptstadt, hatte es Freitagmittag feuchtheiße 30 Grad. In Offenburg dagegen nasskalte 7. Aber es ist nicht nur der deutsche Spätherbst, auf den sich die 25 jungen Frauen und Männer einstellen müssen. Für die Vorbereitung auf diese sehr anderen Verhältnisse sind Walter Anton und Norman Held zuständig. Die beiden arbeiten normalerweise an einem weniger exotischen Ort, am Ökumenischen Institut für Pflegeberufe in der Ortenau, das seinen Sitz an der Offenburger Moltkestraße hat. Es wird getragen von der evangelischen Diakonie und dem Ortenaukreis. Dort bilden die beiden Pflegerinnen und Pfleger aus.

Doch im Oktober 2017 reisten Anton und Held im Auftrag des Berliner Unternehmens Care.com Europe GmbH nach Manila, um an einem Krankenpflegeinstitut ausgebildete philippinische Krankenpfleger auf ihre Aufgabe in Deutschland vorzubereiten. Die von Care.com angeworbenen Bewerber müssen folgende Voraussetzungen erfüllen: Sie haben an einem philippinischen College einen „Bachelor of Nursing“ erworben und sie beherrschen die deutsche Sprache auf dem Niveau B 2. Das bedeutet laut Definition: „Auf der Stufe B 2 können sie sich klar und detailliert ausdrücken sowie erfolgreich argumentieren und verhandeln. Im eigenen Fachgebiet und zu den meisten allgemeinen Themen verfügen sie über einen großen Wortschatz. Sie beherrschen die Grammatik recht gut.“ Deshalb haben Walter Anton und Norman Held, wie sie berichten, ihre Schüler auch auf Deutsch unterrichtet. „Nur ausnahmsweise mussten wir zur Amtssprache Englisch wechseln“, erklärt Norman Held.

Chance, der Armut zu entfliehen
Die Philippinen und China seien von ihrem Auftraggeber zur Rekrutierung von Pflegekräften ausgewählt worden, berichtet Walter Anton, weil es dort einen Überschuss an jungen Arbeitskräften gebe. Man wolle dem Herkunftsland nicht wichtige Arbeitskräfte entziehen. Den gesellschaftlich und ökonomisch vielfach prekären Verhältnissen in ihrem Herkunftsland wollten viele junge Menschen entfliehen. Auch einige der jetzt für Deutschland Rekrutierten hätten schon als Krankenpfleger in den Vereinigten Arabischen Emiraten gearbeitet, berichtet Anton. Insofern habe zumindest ein Teil der neuen Arbeitskräfte auch Erfahrung mit anderen Kulturen.

Zwei Wochen Vorbereitung
Zwei Wochen lang habe man im Kurs die speziellen Anforderungen in der deutschen Krankenpflege theoretisch und praktisch unterrichtet: zum Beispiel „chronisch degenerative oder multimorbide“ Patienten, also etwa Leute mit Diabetes oder mit mehreren Krankheiten belastete Patienten. Die gebe es auf den Philippinen weniger, weil die Menschen zum einen nicht so alt würden und – weil sie in der Regel in den Familien gepflegt würden – sie nicht Gegenstand klinischer Pflege seien. Rechte und Pflichten in Deutschland seien auch anders. „Philippinische Pflegerkräfte dürfen mehr“, so Anton über deren Arbeit am Patienten. Auch die Dichte des Arbeitstakts sei geringer: „Die Kursteilnehmer haben über gute Besetzung der Stationen in einem philippinischen Krankenhaus berichtet“, so Anton. Allerdings führten private Kliniken wohl oft mehr Pflegepersonal als die öffentlichen Kliniken des Landes.

Was tun gegen November-Blues?
Ob der Unterricht in Vorbereitung auf den deutschen Alltag dazu ausreicht, um einen November-Blues der frisch hier Angekommenen sowie sprachliche und kulturelle Integrationsprobleme zu verhindern oder zu mindern? Der Unterricht in Offenburg gehe noch bis April blockweise weiter, dann erfolgten theoretische und praktische Prüfungen.

Was kostet wen was?
Bezahlt würden die Pflegekräfte nach Kliniktarif. Die arbeitgebenden Kliniken – in der Ortenau seien das zum Beispiel die Häuser des privaten Betreibers Mediclin – bezahlen pro Kopf eine Provision an die Care.com in Berlin und für den Vorbereitungslehrgang 1490 Euro pro Teilnehmer an das Ökumenische Institut für Pflegeberufe. Care.com stelle die Kontakte her und regle Bürokratisches wie die Anerkennung der Abschlüsse und die Aufenthaltsgenehmigung. Die Teilnehmer müssten sich lediglich um den Spracherwerb selbst kümmern. Das vom Landkreis betriebene Ortenauklinikum gehöre nicht zu den Auftraggebern von Care.com, wie Klinikumssprecher Christian Eggersglüß auf Anfrage erklärt. Man habe sich aber ausländische Pflegekräfte von den Philippinen, aus Ungarn und aus Spanien vom Unternehmen Advanda aus Teningen bei Freiburg vermitteln lassen. Der Pflegenotstand sei so groß, dass auch das Ortenauklinikum eine Provision von bis zu 2000 Euro an Mitarbeiter bezahlt, die eine Pflegekraft vermittelten. Dass der Notstand von Unternehmern als Geschäftsmodell entdeckt worden ist, sei nicht verwerflich, verbessere aber nicht die Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte, kritisiert die Gewerkschaft Verdi auf Anfrage, sondern zementiere sie.

Quelle

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