100-Jährige tätowierte früher Kopfjäger – heute sticht sie Touristen

Die Philippinin Whan Od (links) ist nach eigenen Angaben 100 Jahre alt - und damit die älteste sogenannte lebende Mambabatok-Künstlerin. Sie beherrscht traditionelle Stammestätowierungen, die früher für Kopfjäger und Krieger vorbehalten waren. Inzwischen sind es vor allem Touristen von weit her. Bild: Keystone

Whang Od lebt in einem nur schwer zugänglichen Gebiet auf den Philippinen. Und trotzdem bekommt die Greisin regelmässig Besuch aus der ganzen Welt: Als eine der letzten beherrscht die 100-Jährige das Kalinga-Tätowieren, mit denen früher die legendären Kopfjäger und Krieger in der Provinz Kalinga auf der Insel Luzon ausgezeichnet wurden.

 

Um in den «Genuss» einer Tätowierung von Whang Od zu kommen, mussten Männer sich in der Vergangenheit im Kampf beweisen und dabei einen Gegner töten. Heute geht es weniger martialisch, aber trotzdem nicht einfach ab: Zunächst muss man den beschwerlichen Fussmarsch zum 200-Seelen-Dorf Buscalan, rund 15 Autostunden nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila gelegen, hinter sich bringen. Hier wird dann womöglich erst mal ein Schwein geschlachtet, dessen Leber Auskunft darüber gibt, ob man überhaupt im Dorf bleiben darf.

Ist das Organ rundlich und gross und damit ein gutes Omen, wie Whang Od der ARD erklärte, steht der Tätowier-Aktion unter ihren bewährten Händen eigentlich nicht mehr viel entgegen – vorausgesetzt man hat den Betrag von umgerechnet rund 25 Franken dabei.

Sogar Krieger hielten die Schmerzen beim Tätowieren nicht aus

Dann hämmert die Philippinin, die das Handwerk bereits mit 15 Jahren von ihrem Vater lernte, mit der auf einem Bambusstab angebrachten Dorn eines Pomelobaumes die selbst angerührte Tinte aus Holzkohle, Wasser und Zuckerrohrsaft unter die Haut des Kunden, um die traditionell geometrischen Formen entstehen zu lassen. Etwa 100 leichte Schläge in der Minute treiben dabei die Pigmente in die Epidermis und zugleich Schweisstropfen auf die Stirn der mutigen Besucher.

Dass die Prozedur nicht für jedermann gemacht ist, beweist eine Beobachtung, von der Whang Od berichtet: Selbst unter alten Männern der Gegend laufen noch heute einige herum, deren Tattoos niemals beendet wurden, weil sie die Schmerzen beim Stechen einfach nicht ausgehalten haben. Selbst ein Krieger, der in einem Kampf drei Männer tötete, musste seine Sitzung deshalb abbrechen, wie sie erklärt.

Wer noch von Whang Od gestochen werden will, sollte sich allerdings schleunigst auf den Weg machen. Obwohl die Dame noch fit und rüstig ist, geht die Zeit natürlich auch nicht spurlos an der rund 100-Jährigen vorbei. Whang Od, die angibt, am 17. Februar 1917 geboren worden zu sein, will spätestens dann mit dem Tätowieren aufhören, wenn ihre Sehkraft nachlässt – und das ist dem Fall dann tatsächlich auch mal besser so.

Quelle

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