Die Eisenkirche von San Sebastian

Die erste Kirche von San Sebastian in Manila entstand bereits 1611, unter spanischer Ägide. Sie war offenbar ein Billigbau, denn ein Feuer raffte sie schon bald dahin. Ihre Nachfolgerin fiel nur wenige Jahre später einem Erdbeben zum Opfer. Die nächste wurde 1762 von britischen Plünderern überrannt. 1859 kollabierte der Neubau während eines Mini-Bebens, und als die Erde 1863 zum Crescendo ausholte, war auch das inzwischen fertiggestellte Gotteshaus am Ende, wie überhaupt große Teile Manilas. Unverzagt errichtete man eine neue, schönere und größere Kirche. 1867 wurde sie eröffnet, beim Erdbeben von 1880 ging sie zu Bruch.

Heute lässt sich diese unheimliche Sequenz, die im Oktober 2013 auf Bohol einen neuerlichen Höhepunkt fand, wissenschaftlich erklären. Denn die Philippinen liegen auf dem Rücken des Pazifischen Feuerrings, auf dem die Erde ständig in Bewegung ist. Zwischen 2011 und 2013 allein wurde der Archipel von 187 Beben von mehr als der Stärke 5 erschüttert; 21 davon waren stärker als 6, mindestens drei erreichten über 7.

Einen gewissen Überblick hatte man auch schon Ende des 19. Jahrhunderts – so konnte es nicht weitergehen. Als 1883 ein spanischer Ingenieur erklärte, er wolle eine erbebensichere, ganz aus Eisen bestehende Kirche bauen, gab die zuständige Hierarchie nach einigem Zögern ihre Einwilligung, obwohl das Projekt sehr teuer zu werden versprach. Sämtliche Bauteile, tausende von Tonnen schwer, wurden auf dem Seeweg aus Belgien herbeigeschafft und von belgischen Technikern montiert. Außerdem kamen Kronleuchter aus Frankreich, Buntglasfenster aus Deutschland und Granit (für den Boden) aus China – alles nur vom Feinsten.

1889 wurde der Eiffelturm fertig, ebenfalls aus Eisen und somit das Vorbild, und zwei Jahre später die Basilika von San Sebastian in Manilas altem Stadtteil Quiapo. Sie hat seither, man muss es den Architekten lassen, ihre Unverrückbarkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Weder Erdbeben, darunter ein besonders schweres 1990, noch die häufigen Taifune haben ihr etwas anhaben können. Sogar eine gewisse Eleganz geht dem Bauwerk nicht ab, wenn auch alles zusammengenietet und -geschweißt ist. Allerdings sind auch der San Sebastian wie allem Menschengemachten Grenzen gesetzt. Dass im feuchten Tropenklima der Rost an der Konstruktion nagt, weiß man schon seit Anbeginn und bemühte sich unablässig, dem Problem mit immer neuen Anstrichen zuvorzukommen. Neuerdings hat man jedoch auch in den tiefen Hohlräumen der zentralen Stützpfeiler Schwachstellen in Gestalt von Grundwassereinbrüchen entdeckt und begonnen, daran zu arbeiten. Das hat sich wegen der relativen Unzugänglichkeit als schwierig erwiesen; man rechnet damit, dass sich die Reparaturen über zehn Jahre hinziehen werden. Aber dass die San Sebastian kollabieren könnte wie ihre Vorgängerinnen oder die massiven Kathedralen auf Bohol, ist extrem unwahrscheinlich. Sie wird ihrer philippinischen Gemeinde noch sehr, sehr lange erhalten bleiben, die sie „unsere Kirche“ nennt, obwohl sie, Hand aufs Herz, ganz und gar nach „westlichen“ Maßstäben erbaut wurde.

Mit freundlicher Genehmigung: Text und Fotos von Roland Hanewald

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