Gibraltar auf den Philippinen

gibraltar

Gibraltar erscheint nur auf kleinstformatigen Gemeindekarten

Ein winziges Dorf, eine grüne Erhebung im Hintergrund, blendend weißer Sand und eine paradiesische Atmosphäre — absolut nichts hat alles das mit Gibraltar zu tun. Zumindest nicht mit dem am spanischen Unterleib. Und doch trägt dieses nahezu unberührte Fleckchen Erde an der Südspitze des philippinischen Inselchens Ticao den gleichen Namen wie die britische Kronkolonie. Das hat einen handfesten Grund. Spanische Argonauten ließen sich vor einigen hundert Jahren von diesem Panorama inspirieren und gaben ihm den Namen Gibraltar. Ein Pünktchen, das kaum auf einer Philippinenkarte verzeichnet ist.

Wer dort hinreisen möchte, hat es nicht ganz leicht. Von Luzon aus kommt man noch recht problemlos mit einem klapprigen Fährboot nach Ticao und findet im Hafen San Fernando sogar ein paar Pensiönchen — etwas billiger als in Gibraltar/GB. Nach dem Endziel fährt nichts. Man muss sich schon ein Boot mieten (auch sehr preiswert) und schnurrt dann entlang einer Kokosküste mit schönen Stränden. Nach einer Stunde ist man vor Ort und inmitten sofortiger Wohlfühle. Ein paar strohgedeckte Hüttchen, fast verborgen hinter einem raschelnden Palmengürtel. Überall Blumen: Hibiskus, Oleander, Frangipani, Bougainvilleen, Orchideen. Schwer mit Früchten behangene Mangobäume. Am Strand Flechtmatten mit in der Sonne trocknenden Tintenfischen und seltsamen, blauledern erscheinenden Lappen, die sich bei näherer Betrachtung als Rochenfleisch erweisen. Schon fand ich mich von einer Ratsfrau, der einzigen anwesenden Vertreterin der Lokalpolitik, zu einem Mittagessen feinster Meeresfrüchte eingeladen, eine Selbstverständlichkeit auf den Philippinen.

Ein Rundgang dauert nicht lange. Ein paar Sandpfade durchkreuzen die kleine Siedlung, es gibt ein Kirchlein und, wie selbst im abgelegensten philippinischen Kaff, eine Schule. Wasser gluckert auf beiden Seiten des Dörfchens und bewegt sich rasch mit den Gezeiten; die strömungsreiche Straße von San Bernardino ist nahebei. Ein Felsen überschattet das Dorf schon am frühen Nachmittag. Er ist immerhin so massiv, dass sich frühere Seefahrer veranlasst fühlten, ihn „Gibraltar“ zu nennen. Vom 16. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts segelten nämlich zwischen den Philippinen und Mexiko fast jährlich spanische Schatzgaleonen unmittelbar an Ticao vorbei und legten dort mitunter auch einen Halt ein. Das Panorama der Spitze muss unter den Mannschaften Erinnerungen an heimische Gefilde erweckt haben, denn schon früh — ein genaues Datum ist nicht bekannt — hieß die Stätte Gibraltar. Der Name ist bis heute beibehalten worden.

Nicht überall auf den Philippinen sieht es trotz der Lage im tropischen Westpazifik wie in der Südsee aus. Aber in und um Gibraltar schon. Glasklares Wasser umspült den kleinen Ort, Auslegerboote wiegen sich am Strand. Jegliche Aktivität hat mit Fisch und anderen Meeresprodukten zu tun, und entsprechend „fischig“, aber exzellent sind auch die Mahlzeiten, der sonnengetrocknete Rochen eingeschlossen. Sind dies die „wahren“ Philippinen, mit lauter Geo und null Metrie? Jaaaa, aber immer!

Text und Fotos von Roland Hanewald

Print Friendly, PDF & Email