Sipalay: Weit vom Schuss und umso schöner

Küste vor Sipalay: Noch Asien, schon Südsee

Küste vor Sipalay: Noch Asien, schon Südsee

Bis die Sporttaucherei Ende der 70er Jahre auf den Philippinen ernsthaft in Gang geriet, trat der Name Sipalay überhaupt noch nicht in Erscheinung. Der erste offizielle Tauchführer für das Land, der 1982 herauskam, ließ Sipalay unerwähnt, und auch spätere Literatur nahm keine Notiz von dem Städtchen. Denn mit seiner Lage an der Westküste der „Zuckerinsel“ Negros ist Sipalay so weit von Schuss wie man auf den Philippinen sein kann, ein typisches Provinznest. Die blitzweißen Strände vor seiner Tür und eine See so blau wie das Mittelmeer gerieten erst später ins Blickfeld von ausländischen Besuchern.

Das „Zeitalter der Entdeckungen“ bricht an

Getaucht wurde zwar schon immer vor Sipalay, wie es in der Südsee, die hier beginnt, halt üblich ist. Doch es handelte sich stets um einheimische Speerfischer, die nahe der Oberfläche auf die Jagd gingen, um den eigenen Bedarf zu decken. Atemgeräte waren natürlich für niemanden erschwinglich, noch hatte man überhaupt Kenntnis von ihrer Existenz.

Alles dies änderte sich ganz plötzlich, als Sipalay in den Neunzigern „entdeckt“ wurde. Unternehmungslustige Abenteurer, die dort Station gemacht hatten, erkannten Sipalays enormes Potential als touristische Destination. Die Strände waren fantastisch. „Sugar Beach“ zum Beispiel, nur per Boot erreichbar, war — und ist — weiß wie Gips und wird selten von menschlichen Füßen berührt. Und als die Ankömmlinge ihre Nasen unter Wasser steckten, sahen sie dort noch viel mehr Möglichkeiten. Heute besitzt Sipalay geschäftigen City-Status, doch der Ort hat sein rustikales Flair bewahrt und gibt sich nach wie vor provinziell:  friedvoll und alles andere als teuer, sozusagen „typisch philippinisch“. Was durch Tourismus generierten Trubel angeht, ist ganz Negros rückständig zu nennen, und Sipalay im Besonderen, weil die nächstgelegenen Flugplätze, Bacolod und Dumaguete, 4-6 Stunden per Bus entfernt sind, mit ziemlich holprigen Straßen dazwischen. (Die Tauchresorts holen ihre Gäste aber auch gern per Geländewagen ab). Doch es ist gerade diese Abgeschiedenheit, die Sipalay für viele Besucher so reizvoll macht. Manche von ihnen wollen gar nicht wieder weg und sind heute noch da.

Prächtige Szenerien

Alles dies gilt doppelt für die Unterwasserwelt, eine der schönsten der zentralen Philippinen. Man hat die Wahl unter mehreren Tauchbasen, auch unangemeldet. Alle sind vorzüglich ausgerüstet, und die einheimischen Guides hellwach und kompetent. Kaum ist man angelangt, kann die Fahrt ins Blaue auch schon losgehen. Dort, am Rande der Sulu-See, wird man mit einigen Szenerien konfrontiert, die man so schnell nicht wieder vergisst. Das Leben auf den vorgelagerten Riffen ist  überwältigend. Groß und Klein sind massenweise vertreten, und manchmal schiebt sich sogar ein riesiger Walhai ins Bild. Die Kolosse sind ziemlich häufig in der Region, wo sie ihren Schutzstatus genießen und sich um Taucher herzlich wenig kümmern. Hinzu kommt, dass die Sichtweiten während großer Teile des Jahres exzellent sind, obwohl Strömungen streckenweise erhebliche Stärken annehmen. Außerdem warten mehrere Wracks auf den erlebnisfreudigen Entdecker.

Spektakuläre Abbrüche

Sporttauchen ist seit Jahren fest etabliert in Sipalay. Das macht sich insofern bemerkbar, als manche Riffe mit neuen Namen belegt worden sind, und zwar zumeist mit recht unpassenden ausländischen anstelle der bedeutungsvollen einheimischen, mit denen die Fremden nichts anfangen können. Da gibt es A-Rock, einen farbenfrohen Korallenbuckel in 10-18 m, sehr beliebt bei Neuankömmlingen. Disneyland hat eine recht blödsinnige Benennung, bietet aber reizvolle nächtliche Tauchgänge. Der „Grand Canyon“ ist sehenswerter und weist zudem einen Bonus in Gestalt geringerer Tiefen von 6-15 m auf, und das sogar über mehrere Seitenarme hinweg. Kevin’s Reef hat einen großen Anker auf 9 m als Hauptattraktion und schöne Korallen bis zu 25 m. Gleiches, minus Anker, gilt für das Toscana Reef.

Die Abbrüche, alle spektakulär, weisen ein noch wilderes Durcheinander von Namen auf, unter denen gottlob einige native erhalten geblieben sind. Der Blue Wall steht in weltweitem Wettbewerb mit anderen blauen Löchern und reicht bis auf 47 m hinab — strikte für Erfahrene. Mystery Wall erstreckt sich von 35-70 m, ein Weideplatz für große Karettschildkröten. Die Landspitze Eva’s Point setzt sich unter Wasser als senkrechte Wand von 4-33 m fort und wird als „einfach fantastisch“ beschrieben. Habok Habok ist gleichermaßen attraktiv, nur ein wenig flacher. Manta Drop reicht von 15-35 m und ist die Heimat ausgedehnter Kolonien von Fächerkorallen. Und so weiter.

Großartiges Wracktauchen

Die tief eingeschnittene Campomanes-Bucht weist mehrere gut erhaltene Wracks auf, unter denen der Dampfer „Panay“ bestimmt das spannendste ist. Dieser Veteran, 1912 in Schottland erbaut und 1924 nach den Philippinen verholt, war im 2. Weltkrieg für die US-Streitkräfte als Versorger im Einsatz und transportierte vor allem Munition für die philippinische Guerilla. Im März 1942 löschte der Frachter seine Ladung in der Campomanes-Bucht, als vier japanische Flugzeuge ihn aufs Korn nahmen. Nach Volltreffern durch Torpedos und/oder Bomben versank die „Panay“ auf 35-42 m Tiefe. Das 90 m lange Wrack liegt auf ebenem Kiel und enthält noch diverse Munition sowie eine große Anzahl von Gasmasken.

Es sollte bis 2004 dauern, bis das sogenannte Coca Cola-Wrack in der Bucht entdeckt wurde. Der überdimensionierte Seeleichter sank 1980 im Sturm, mit einer Riesenladung Flaschenbier und Softdrinks. Auf 50 m liegt das Wrack an der Grenze der Sporttaucherei, aber lädt zu einer raschen Inspektion ein, um sich zu überzeugen, dass Coke-Flaschen damals nicht anders aussahen als heute. Wer es genau wissen möchte, kann mit Nitrox hinabsteigen, ohne zusätzliche Kosten.

Ein weiteres 1980er-Wrack ist das MS „Jojo“ auf 20-33 m und damit das populärste Tauchziel. Das Schiff sieht aus wie neu, außer dickem Bewuchs, der UW-Fotografen magisch anzieht. Die „Elco“ letztlich, ein kleineres Fahrzeug, liegt vor Oton Pt. und ist genauso üppig bewachsen wie die „Jojo“. Alle Wracks sind in nur geringem Maße den Strömungen ausgesetzt und somit erstklassige Tauchziele.

Weitere Destinationen liegen weiter draußen, so wie Turtle Island, 4 km nördlich von Sipalay Town, oder Danjugan, schon auf hoher See und großenteils naturgeschützt. Wer etwas länger bleiben kann, verzichte nicht auf Exkursionen zu diesen Stätten. Es lohnt sich.

Text von Roland Hanewald, Unterwasserbilder von Uwe Jacobs

Print Friendly, PDF & Email
Holiday Dream Home Angeles