Schweizer Pädophiler konsumierte Kinderpornografie — und wird trotz Geständnis freigesprochen

Über mehrere Monate konsumierte Hans K.* Kinderpornografie und bezahlte für die Schändung von Kindern in Live-Videos. Der Beschuldigte ist geständig – wegen eines Fehlers der Staatsanwaltschaft wird er trotzdem freigesprochen.

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Zwischen 10 und 30 Dollar überwies der Beschuldigte für die Übertragungen der sexuellen Handlungen.

Die Opfer befinden sich in Rumänien, England und auf den Philippinen. Der Täter im Solothurnischen, hinter einem Computerbildschirm. Hans K.* begann 2012 mit Teenagern und Kindern in London zu chatten. Dabei zog sich K. vor laufender Kamera aus, befriedigte sich selbst und forderte die Mädchen auf, dies ebenfalls zu tun. Er verlangte zudem pornografische Fotos der Mädchen.

Später, im Jahr 2013, führte der Anlageberater weitere Sex-Chats. Er hatte nun allerdings nicht direkt Kontakt mit seinen Opfern, sondern mit Mitgliedern eines Netzwerks auf den Philippinen und in Rumänien. Mit diesen vereinbarte er via Skype oder E-Mail sogenannte «Shows»: sexuelle Handlungen vor laufender Kamera, auch mit Kindern. Via Chat gab der Mann Mitte Vierzig Anweisungen an die Mitglieder des Netzwerks, bei denen es sich um Angehörige der Kinder und Teenager handelte.

Dafür überwies K. ihnen jeweils zwischen 10 und 30 Dollar. Die mehrfachen Vergehen, die grausigen Details dieser Chats sind der Anklageschrift der Solothurner Staatsanwaltschaft zu entnehmen. K. musste sich gestern vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten. Die Delikte wurden zwischen 2012 und 2014 am Arbeitsplatz oder bei K. zu Hause begangen. Er ist unter anderem angeklagt wegen mehrfacher sexueller Handlung mit Kindern und mehrfacher Schändung.

Teils in gemeinsamer Begehung, teils für die Anstiftung oder den Versuch dazu – wenn die Chatverbindung unterbrochen wurde, oder die Bezahlung via den Online-Dienst Paypal nicht funktionierte. Hinzu kommt die Anklage wegen Pornografie. Der Beschuldigte konsumierte damals auch pornografische Bilder von Kleinkindern und Tierpornografie.

Wegen Pornografie vorbestraft

K. ist geständig und vorbestraft. 2010 erhielt er einen Strafbefehl wegen harter Pornografie. «Er hat überhaupt nichts gelernt», so Staatsanwältin Claudia Scartazzini. Bereits einen Monat nach Beginn seiner Probezeit habe K. pornografisches Bildmaterial bestellt, eineinhalb Jahre später das Netzwerk für sexuelle Handlungen mit Kindern bezahlt.

Die ganze «Krux» in diesem Prozess ist laut Scartazzini: Ist es schlimmer, selbst Hand anzulegen – oder jemanden dafür zu bezahlen und zuzuschauen? Die Opfer könne man nicht befragen, so Scartazzini in ihrem Plädoyer. «Und trotzdem handelt es sich um Kinder. Kinder sind keine virtuellen Wesen.» Auf den Philippinen drohe Erwachsenen, welche Kinder der eigenen Familie sexuell missbrauchen, keine Strafe wie in der Schweiz. «Die Täter dort wissen, dass es ein Absatzmarkt für solches Bildmaterial gibt», dies habe K. ausgenutzt. Scartazzini forderte eine vierjährige Freiheitsstrafe.

«Keine psychische Störung»

K. besucht einmal alle drei Monate einen Psychiater in Solothurn. Laut diesem liegt keine psychische Störung vor, auch von Pädophilie sprach K.s Verteidiger Alexander Kunz kein einziges Mal. Es handle sich um «Suchtverhalten», schilderte Kunz. Der Beschuldigte selbst sprach von «Langeweile», die er aufgrund seiner damaligen Fernbeziehung und seines Routine-Jobs gehabt habe. Mittlerweile lebe er in fester Partnerschaft. Vor Gericht sagte K., es komme ihm vor, als habe ein anderer Mensch die Taten, von denen sich die letzten 2014 ereigneten, begangen.

Das Internet sei eine Scheinwelt, die die Ausmasse einer Straftat verzerrten. Zwischen dem Betrachter solcher Videos und den sexuellen Straftaten bestehe eine gewisse Distanz, für K. sei es nur wie das Abspulen eines Films gewesen. Die Entscheidung, die Straftaten auszuführen oder nicht, habe aber bei den Erwachsenen in den Videos gelegen. K. sei nur ein Internetkonsument, der auf ein öffentliches Angebot zugegriffen habe, auf Shows, die sich «x Leute auf der ganzen Welt anschauen».

Beweise «nicht verwertbar»

Kunz plädierte auf Freispruch: Sämtliches Beweismaterial in diesem Fall sei nicht verwertbar, so der Verteidiger. Auf die Schliche kamen die Behörden K. nämlich wegen Berichten über die Paypal-Zahlungen des Beschuldigten. Diese fand die Polizeibehörde Interpol in Manchester und übermittelte diese ans Fedpol, das Schweizer Bundesamt für Polizei. Dann gelangten die Daten zur Kantonspolizei Solothurn. Für Überwachungen würden aber Schweizer Gesetze gelten, so Kunz. Die Staatsanwaltschaft hätte eine Genehmigung dafür einholen müssen. Dies sei aber nicht geschehen. Deshalb sei sein Mandant freizusprechen.

Das Gericht, bestehend aus Gerichtspräsident Rolf von Felten und den beiden Amtsrichtern Christoph Geiser und Rosmarie Châtelain, sprach K. frei. Aber nicht etwa wegen fehlender Genehmigung für Überwachungsmassnahmen. Das Gericht beschäftigte sich im Urteil auch gar nicht damit, welche Schuld K. an der Schändung der Kinder in den Videos trage.

Es ging schliesslich nur um einen Fehler der Staatsanwaltschaft, der zu diesem Urteil führte: Bei der Erstbefragung durch die Kantonspolizei, so von Felten, habe der Beschuldigte keinen Verteidiger gehabt. Nach Schweizerischer Strafprozessordnung ist eine Verteidigung aber zwingend, wenn eine Strafe von über einem Jahr droht.

Die Staatsanwältin argumentierte im Plädoyer noch, zu diesem Zeitpunkt sei noch nicht absehbar gewesen, welche Ausmasse der Fall annehme. Laut dem Gericht war aufgrund der Berichte von Interpol und Fedpol aber klar: Wenn ein Vorbestrafter verdächtigt wird, während mehrerer Jahre Zahlungen für Videos mit sexuellen Handlungen von Kindern getätigt zu habe, droht eine Freiheitsstrafe von mehr als zwölf Monaten.

So sind alle Beweise der Hausdurchsuchung, die am selben Tag wie die Erstbefragung stattfand, nicht verwertbar. Und erst aufgrund dieser Beweise – nachdem ihm die Chat-Protokolle vorgelegt wurden – hat K. sein Geständnis gemacht. Dieses ist somit ebenfalls ungültig. «Die Geschichte ist nicht mehr zu retten», so Rolf von Felten. «Dem Gericht bleibt nichts anderes übrig, als den Beschuldigten freizusprechen.» K. erhält eine Entschädigung von rund 25 000 Franken, die Verfahrenskosten übernimmt der Staat.

Quelle

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Auswandern auf die Philippinen – Tablas Sunshine Village