Im Kielwasser des Ihotiki

„Was für eine Klappe! Wie ein Scheunentor!“

Was sich wie der Name einer polynesischen Gottheit anhört, ist in Wahrheit ein zusammengesetztes Hauptwort in der Visaya-Sprache der Philippinen: Iho heißt „Hai“ und tiki „Wal“. Ein Walhai also.

Die Beobachtung dieser Riesenbiester von bis zu 15 Meter Länge und zehn Tonnen Gewicht hat sich in jüngsten Jahren auf den Philippinen zu einem regelrechten Sport gemausert. Vor noch nicht langer Zeit wurde ihnen intensiv nachgestellt, und zwar nicht von Filipinos, die sich traditionell nichts aus Walhaifleisch machen, sondern von Fängern aus Hongkong und Taiwan, in deren Heimat der „Tofu-Fisch“ als Delikatesse gilt. In philippinische Hoheitsgewässer einzudringen war für ein kleines Handgeld durchaus möglich, und man machte gute Beute unter den arglosen Planktonfressern. Doch damit ist längst Schluss. Der Walhai wurde sogar unter strengsten Naturschutz gestellt, und überall wo er in Erscheinung tritt, sind scharfäugige Wächter sofort zur Stelle, wenn ein Taucher ins Wasser steigt. Sie achten darauf, dass beim Kontakt mit den Tieren kein Atemgerät zur Anwendung kommt und dass kein Kamerablitz die scheuen Riesen womöglich vertreiben könnte. Dies sind ganz vernünftige Vorschriften, und sie werden durchweg auch eingehalten.

An drei Stellen sind Walhaie besonders häufig vertreten. Sie lieben offenbar strömungsreiche Gewässer, und dort, wo sich die Inlandseen des weitläufigen Archipels mit dem offenen Pazifik verbinden und Gezeitenströme von bis zu sechs Knoten durchrauschen, ist am ehesten mit ihnen zu rechnen. Ein Reich des Ihotiki ist zwischen Leyte und Mindanao, namentlich an der Westküste der Insel Panaon. Auch bei dem Inselchen Sumilon im Osten von Cebu sind sie häufig, am meisten aber nahe der Kleinstadt Donsol im Süden von Luzon, in der westlichen Ansteuerung der San Bernadino-Straße. Dort heißen die Riesen „Butanding“, was schon mal unterstreicht, wie verschiedenartig die philippinischen Regionalsprachen sind. Anderswo wird der Tigerhai so genannt.

Sie sind nicht immer da, und am wenigsten, wenn man auf sie wartet. Doch vor Donsol treten sie am verlässlichsten auf den Plan, und deshalb hat sich eine ganze Industrie etabliert, die ausgezeichnet organisiert ist und sogar von knarrenbewaffneten Sicherheitsleuten beschützt wird. Auf geht’s per Auslegerboot, mit Kurs auf den fernen Mayon-Vulkan. Ein scharfer Ausguck meldet schon bald Bewegung. „Thar she blows!“, ruft er aufgeregt aus, biologisch inkorrekt, denn Walhaie „blasen“ nicht. Sie sind Kiemenatmer, und was man allenfalls an der Oberfläche sieht, ist ihre gewaltige Rückenflosse. Auf in den Teich! Wir gehen auf die Jagd. Mit der Kamera natürlich.

Auch das Wissen, dass es sich beim Walhai um einen milden Planktonmampfer handelt, lindert den ersten Schreck nicht, wenn solch ein Koloss auf einen zurudert. Das Maul allein! Ein ganzes Auto könnte darin verschwinden, von einem Taucher ganz zu schweigen. Handelte es sich um einen richtigen Hai, würde einen wohl ganz schön das Entsetzen packen. Doch die Ihotikis in der Nähe kümmern sich herzlich wenig um die prustenden Zwerge. Sie driften mit der Strömung dahin und lassen sich auch bereitwillig fotografieren. Zumal wir vorschriftsmäßig keine Blitze benutzten. Die Bilder sind entsprechend, denn das Wasser ist etwas trübe. Aber es lässt sich etwas auf ihnen erkennen, das uns ganz zufrieden stimmt. Außerdem gibt es anschließend als Trostpreis ein Superbild von der Forschungsstation Donsol. Es ist zwar ein Menschlein mit Atemgerät darauf zu sehen, aber das ist ein Fachmann, und der darf das.

Walhaie lassen sich das ganze Jahr über auf den Philippinen beobachten, aber die Monate April bis Juni sind am geeignetsten. Dann ist auch das Wetter ideal – jede Menge Sonne, ruhige See. Und in Donsol gibt es Anfang Mai sogar ein Walhai-Fest. Dann ist dort der Bär los; ein richtiger Karneval findet statt, und selbst ein lebensgroßer Butanding aus Papiermaché wird durch die Straßen gerollt. Wer bis dahin noch keinen in der Wildnis gesehen hat, kann sich an dem schadlos halten.

Text und Fotos von Roland Hanewald

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