Sechs Monate auf einem Kreuzfahrtschiff – Schockierender Umgang mit philippinischen Crew-Mitgliedern

Kreuzfahrtschiff

Manila, Philippinen – 3200 Euro im Monat auf die Hand, Verpflegung und Unterkunft inklusive – das klingt nach einem ziemlich guten Deal für einen Job während des Bachelor-Studiums. Erst mal. Privatsphäre? Fehlanzeige. Wochenenden? Gibt es nicht für die Crew.

Was Dennis während seiner Zeit auf einem Kreuzfahrtschiff erlebte, hat ihn mehr geprägt als das Studium an der Heidelberger Hotelfachschule. Wie die südostasiatische Crew an Bord ausgebeutet wird und warum Arbeitnehmerschutz nicht existiert, erzählt der 26-Jährige im Interview. Da er trotzdem noch einmal auf dem Schiff anheuern möchte, will er seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Das Klischeebild von Kreuzfahrern sind pensionierte Lehrer. Du hast den Altersschnitt wahrscheinlich gesenkt, oder?

Auf dem Schiff waren die 2500 Gäste durchschnittlich 64 Jahre alt. Da habe ich mich manchmal fehl am Platz gefühlt. Aber das kommt ganz auf das Schiff an. Es gibt auch Reisen für Familien.

Braucht man eine besondere Ausbildung, um auf dem Schiff zu arbeiten?

Im Prinzip nicht, es werden alle möglichen Leute gebraucht. Es gibt Techniker, Ingenieure, aber auch Friseure oder Tänzer. Und dann natürlich alles im Bereich Hotellerie, da hat es also schon geholfen, dass ich Hotelmanagement studiere. Ich kenne aber auch Sportstudenten, die auf dem Schiff Workouts anbieten oder Lehrerinnen, die im Kinderclub arbeiten.

Wie sah Dein Tag an Bord aus?

Es gibt verschiedene Schichten. Ich habe zwischen 6 und 9 Uhr morgens angefangen zu arbeiten, im Schnitt zehn Stunden pro Tag. Als einziger Deutscher war ich zuständig für alle Probleme der deutschen Passagiere. Einmal musste ich in Mexiko einen kranken Mann mit dem Taxi ins Krankenhaus begleiten. Dabei spreche ich selbst kaum Spanisch. Aber der Gast fühlte sich gut aufgehoben, weil ich dabei war. Nervig ist, dass man den Gästen auch nach Feierabend begegnet mit ihren Anfragen und Reklamationen.

Sechs Monate mit denselben Leuten auf engstem Raum – das stelle ich mir anstrengend vor…

Anstrengend sind vor allem die langen Schichten ohne Aussicht auf einen freien Tag. Das ist schon krass ganz ohne Pausen. Wochenenden gibt es nämlich für die Besatzung nicht.

Geht das arbeitsrechtlich überhaupt?

Nach deutschem Recht natürlich nicht, deshalb fährt auch kein Kreuzfahrtschiff unter europäischer Flagge. Die amerikanische Reederei, für die ich sechs Monate gearbeitet habe, stand unter der Flagge der Bahamas. Dann gilt das Recht der Karibik: Arbeitnehmerschutz gibt es dort nicht, deshalb kann die Reederei ihre eigenen Regeln aufstellen.

Von welchen Regeln sprechen wir?

Zum Beispiel von einem strengen Alkoholverbot. Wenn du nach einem Abend an der Crew-Bar mit mehr als den 0,4 Promille erwischt wirst, musst du beim Kapitän vorsprechen. Er entscheidet, ob das zur Kündigung führt oder ob er eine Ausnahme macht. Man muss sich schon gefallen lassen, dass auf dem Schiff andere Leute über einen bestimmen.

Werden denn nicht alle gleich behandelt in dieser „Diktatur des Kapitäns“?

Auf keinen Fall! Unter den Angestellten gibt es eine Dreiklassengesellschaft: Die Offiziere dürfen etwa den Fitnessbereich der Gäste nutzen. Aber alle, die im Housekeeping oder in der Küche arbeiten, müssen längere Schichten machen. Das sind oft Leute von den Philippinen. Wenn einer von denen betrunken erwischt wird, wird er gekündigt. Aber wie hätten sie meinen Posten ersetzen sollen? Da würde der Kapitän schon eher ein Auge zudrücken.

Wie unterscheidet sich die Arbeit der philippinischen Besatzung von Deiner?

Meistens schlafen sie in Achter-Kajüten, wir waren nur zu zweit. Nach einer 14-Stunden Schicht haben sie keinen Raum, um zur Ruhe zu kommen, geschweige denn Privatsphäre. Wir haben sie aber nicht oft getroffen, weil sie auch eine eigene Kantine haben, in der es jeden Tag nur Reis und Fischsuppe gibt. Ich habe diese Suppe auch probiert und fand sie ekelhaft. Es muss besonders hart sein, wenn man gleichzeitig als Schiffskoch für die Gäste nur Gourmet-Menüs zubereitet.

Wird dieser Teil der Crew auch anders bezahlt?

Sie haben deutlich weniger als ich verdient, obwohl sie länger arbeiten mussten. Um genug Geld an ihre Familien schicken zu können, verdienen sich viele nach Feierabend noch etwas dazu. Es gibt eine informelle Dienstleistungsbörse der Mitarbeiter. Da kann man seine Fähigkeiten anbieten, um zum Beispiel durch Haareschneiden oder Massagen ein extra Gehalt zu bekommen.

Hast Du die Börse auch in Anspruch genommen?

Angeboten habe ich nichts, ich wäre auch abends zu platt gewesen. Aber ich habe mir mit meinem Mitbewohner für 20 Euro pro Woche eine Putzkraft geleistet, damit wir unsere Kajüte nicht selbst sauber machen müssen. Manche Frauen bieten sogar Sex an. Für sie ist der Lohn nicht hoch genug, wenn sie zu Hause die ganze Großfamilie finanzieren müssen.

Oben Prunk, unten Stunk – so könnte man die Situation zusammenfassen.

Könnte man so sagen: Die Gäste bekommen gar nicht mit, was hinter dem Luxus an Deck steckt. Ohne diese Ungleichheit könnte sich niemand so einen Urlaub leisten. Das ist natürlich auf dem Schiff krass, weil alle so nah zusammen sind. Die schlechten Arbeitsbedingungen sind nicht so weit weg von einer Fabrik in China oder Bangladesch. Auf dem Schiff sind die Angestellten buchstäblich ganz unten, die Kajüten sind unter der Wasserlinie.

3200 Euro pro Monat – von dem Gehalt können andere Studenten nur träumen. Wofür gibst Du das Geld aus?

Ja, das ist echt viel Geld. Auf dem Schiff gebe ich ja auch so gut wie nichts aus, außer wenn ich mir an Land mal eine Sonnenbrille kaufe. Unterkunft und Verpflegung sind inklusive. Mit dem Geld will ich nach dem Studium eine Weltreise machen.

Du bist doch jetzt schon einmal um die Welt geschippert.

Ja, aber sind wir ehrlich: Was die Passagiere beim Landgang sehen, ist echt oberflächlich. Ich würde gerne noch mal nach Südamerika, weil ich nur die Hafenstädte in Mexiko und Argentinien kennengelernt habe, nichts vom Landesinneren. Es war für mich trotz Stress eine tolle Erfahrung: Man sieht unheimlich viel, lernt interessante Leute kennen, und die Mitarbeiter unterstützen sich gegenseitig, egal wie alt man ist oder aus welcher Kultur man kommt.

Quelle

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Auswandern auf die Philippinen – Tablas Sunshine Village