Calayan – Die Schöne im Dachgeschoss

Abwechselnd Strand und Fels kennzeichnen die Nordküste

Die Insel Calayan liegt im hohen Norden der Philippinen fast einhundert Kilometer vom Festland entfernt. Das ist eine Menge Wasser bis dorthin. Ich wollte das Eiland jahrelang gern mal besuchen, doch es sollte nicht sein — die Distanz ist einfach zu groß für die normalen Auslegerboote, und alles andere blieb nur dem Zufall überlassen. So lange konnte ich nicht warten. Bis vor Kurzem . . .

Nicht nur ein solides Schiff namens „Eagle Ferry“ gibt es seit einiger Zeit. 2017 wurde auch der lange geplante Flugplatz „Dadao“ auf der Insel fertig, und man kann ihn entweder von Tuguegarao oder direkt von Manila mit Zwischenstopp in der genannten Stadt anfliegen. Mir lächelte der Zufall jedoch auf ganz andere Art. Ich trieb mich am Strand von Claveria an der Nordküste von Luzon mit der Kamera herum. Ein Speedboat wiegte sich im flachen Wasser und gab zu Fragen Anlass. Es stellte sich als Transportgefährt des Bürgermeisters von Calayan heraus. Ob man mitfahren könnte, erkundigte ich mich unschuldig. Klar, wir sind doch auf den Philippinen, wo keine Bitte ausgeschlagen wird! Also los!

Für zwei muskulöse Außenborder mit zusammen 230 PS sind hundert Kilometer ein Klacks. Bald gerieten palmenbestandene Küsten und ein grünes Hinterland in Sicht und stellten unter Beweis, warum Calayan eine der schönsten Inseln der Philippinen genannt wird. Der Mayor besorgte auch einen privaten Homestay, und die Exploration der Terra incognita konnte beginnen.

Calayan eröffnet sich dem Besucher so ökologisch gesund, wie man’s sich nur vorstellen kann, wenn auch die Südküste ziemlich dicht besiedelt ist. Doch der Inselnorden sieht ganz anders aus. Steilküsten wechseln ab mit bewaldeten Strecken, die kein Taifun (von denen es viele gibt) plattzumachen vermochte. Dann wieder kommen Strände, die keinen internationalen Vergleich zu scheuen brauchen. Der von Silang Cove stellt alle anderen der Philippinen in den Schatten — und kein Mensch ist in Sicht! Glasklares Seewasser, der offene Ozean grenzt an den Strand. Außerhalb des philippinischen „Sommers“ im Frühjahr (beste Reisezeit) donnert eine gewaltige Brandung an diese Küste, aber für Surfer ist die Gegend bis auf ein fernes Weiteres eine unbekannte Größe. Auf dem Wasserweg dorthin umspielen Schwärme von Delphinen das Boot, und wenn man großes Glück hat, kann man Buckelwale beim Begattungsakt beobachten — da geht’s dann hoch her! Ansonsten kein Zeichen von Leben.

Es sei denn, der Bürgermeister hat gerade mal wieder einen Reinigungstrupp an die Strände geschickt. Die ganze Kommune macht da mit, und sie versieht ihre Arbeit gründlich. Egal wie weit auf hoher See sich eine Insel befindet, von jenseits der Horizonte treibt nämlich immer wieder Plastikmüll an und stapelt sich am Strand zu hässlichen Haufen. Doch wenn die Insulaner fertig sind, ist alles vergraben oder verbrannt, und die Strände sind wieder jungfräulich rein. Es gibt sogar ein „Naturschutzboot“, das Umweltsünden aufdecken soll. Leider ist es aber ständig ohne Treibstoff und leistet dieserart, wenn man’s recht bedenkt, eigentlich noch einen besseren ökologischen Beitrag. Doch Calayan, wie auch die anderen nördlichen Inseln, ist „grün“. Nicht nur, was die sichtbare Flora angeht, sondern auch das ideologische Bewusstsein und politische Tun werden von dieser Denke bestimmt. So etwas findet man nicht alle Tage, weder auf den Philippinen noch in anderen tropischen Ländern. Calayan könnte noch groß rauskommen als begehrenswerte Reisedestination. Solange dort keine Bettenburgen gebaut werden, versteht sich.

 

Text und Bilder Roland Hanewald

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