In der philippinischen Schweiz

Das mächtige Profil des Bulusan-Vulkans dominiert die gesamte Schweiz

Über die ganze Welt verstreut gibt es Länder, die eine „Schweiz“ ihr eigen nennen, allein in Deutschland fast ein Dutzend davon. Da wollen die Philippinen natürlich nicht zurückstehen, und schon findet man auch dort eine Schweiz. Bestimmt höchst unerwarteterweise. Und auch dort, wo man sie zuerst vermuten würde, nämlich im zentralen Bergland von Luzon, glänzt sie durch Abwesenheit.

Die Kriterien für den Ehrentitel Schweiz setzen nicht unbedingt das Vorhandensein von Bergen voraus. Eine allgemeine Hügeligkeit, siehe Deutschlands „Holsteinische Schweiz“, reicht schon aus. Wichtiger ist, dass sich das Ambiente grün und auch möglichst „kühl“ in Gestalt von Flüssen oder Seen darbietet. Vor allem muss es „malerisch“ aussehen, denn so stellt man sich die O-Schweiz vor. Was sicherlich nicht ganz unberechtigt ist.

Alles dies kommt am Südostzipfel von Luzon in der Provinz Sorsogon zusammen, und auch der Berg fehlt nicht. Es handelt sich um den 1559 Meter hohen Vulkan Bulusan, der in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder ins Grollen gerät, und mitunter sogar ins Spucken. Der deutsche Philippinenforscher Fedor Jagor war 1859 von diesem Landstrich sehr angetan und verglich den Bulusan mit dem Vesuv, und zwar nicht nur in bezug auf sein gelegentliches Feuerwerk, sondern auch auf seine reizvolle Umgebung. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert.

Zumeist reist man von Norden an, mit Ausgangspunkt Legaspi City. Über die ganze Fahrt hinweg begleiten einen endlose Palmenhaine und terrassiertes Reisland. Die Ausbrüche der Vulkane Mayon und Bulusan haben dafür gesorgt, dass der Boden hier sehr fruchtbar ist, und außerdem bringen viele Taifune immer wieder Regen. Aber die Philosophie der Sorsogeños besagt, dass der einzige Platz auf Erden, wo man sicher sein kann, dass ein Taifun wieder wegzieht, das Zentrum eines solchen ist. Damit können sie leben.

So auch in Barcelona, das direkt an der Pazifikküste liegt, an der sich ein gewaltiges Saumriff entlangzieht und eine riesige Lagune einschließt. Wer genau wissen möchte, wo sich Barcelona befindet, wird am Ortseingang aufgeklärt, nämlich 630,249 km von Manila. So pingelig ist man auf den Philippinen, aber nur hier. Ein Stückchen davor kommt man am Rizal Beach vorbei, einen der schönsten des Landes — wenn seine Infrastrukturen nicht alljährlich von Taifunen plattgemacht würden . . . Doch schon bald gelangt man von hier zum Mittelpunkt des herzigen Schweizleins und einem gleich dreifachen Bulusan: Ort (an der Küste), Vulkan, See. Letzterer ist ein wahres Naturjuwel, einsam und umwaldet auf ca. 600 Meter Höhe gelegen. Die Solitüde lässt sich mit allerlei seltenem Getier teilen, darunter der riesigen Stab- oder Gespenstheuschrecke, ein Superlativ der Insektenwelt.

Von den Mühen des Aufstiegs kann man sich anschließend in den heißen und kalten Quellen von San Roque und Irosin inmitten von rustikaler Atmosphäre erholen. Wen es nach „grüner“ Ernährung gelüstet, ist hier ebenfalls am richtigen Platz. Vieles entstammt der ursprünglichen Natur des Schweizerlands und ist schon vom Aussehen her appetitlich, und die große Lagune im Osten macht einen weiteren Beitrag. Schon mal „Beerentang“ probiert? Da schmeckt man richtig die Gesundheit heraus!

Überall sieht man Bauern mit Wasserbüffeln auf den Reisfeldern ackern. Reicht es nicht für Motorpflüge? Doch die Farmer wollen gar keine blitzende Maschinerie. Die Büffel sind viel verlässlicher, sagen sie, und ökonomischer sowieso. Sie kommen über die Runden. Mehr schlecht als recht vielleicht. Aber man braucht sich weder über einen Chef noch über Hartz IV zu ärgern. Was will man letzten Endes mehr, auch als Schweizer?

Text und Bilder: Roland Hanewald

 

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