Marcos lebt! Man überzeuge sich

Solche gewaltigen Ölschinken waren ganz nach Marcos’ Geschmack

Die wohl wenigsten Menschen in unseren Breiten wissen, wo sich das größte Denkmal der Welt befindet. Die Cheops-Pyramide? Fehlanzeige. Die amerikanischen Präsidenten am Mt. Rushmore? Dito. Die einstige Nummer 1 der Philippinen, Ferdinand Marcos, hat auf eine Weise nach Unsterblickeit getrachtet, die auf Erden ihresgleichen sucht. Das Resultat ist, genau besehen, virtueller Natur, nicht aus kühlem Granit. Aber an seiner Existenz führt kein Weg vorbei . . .

Schon in den frühen Sechzigern wunderten sich Landvermesser und Kartografen, was den damaligen Senator Marcos bewogen haben mochte, die Grenzen der Bergprovinz Kalinga-Apayao im Norden der Insel Luzon ständig zu korrigieren. Es machte alles keinen rechten Sinn, und man ging davon aus, dass der immer mächtiger werdende Mann sich auf diese Weise Land aneignen wollte. Das Treiben setzte sich noch intensiver fort, nachdem der Grenzverrücker 1965 Präsident geworden war, und 1969 erneut. Mit weiterer Alleinherrschaft war jedoch im Februar 1986 Schluss, als ein Volksaufstand losbrach, in dessen Verlauf der Diktator außer Landes gejagt wurde. (Interessanterweise hielten ihm als einzige Staaten der Welt Nordkorea und die DDR bis zur letzten Stunde die Treue – beide wussten, dass ihnen jederzeit etwas Ähnliches drohte). Und jetzt fand sich auch eine Erklärung für sein rätselhaftes Tun. Er hatte die Provinzgrenzen so lange hin- und hergeschoben, bis sie ein riesiges Abbild seiner Büste ergaben. Selbst die präsidiale Schmalzlocke ist gut gelungen, an ihr war besonders lange herumfrisiert worden. Milde blickt der gütige Landesvater auf seine Geburtsprovinz Ilocos Norte, wo man ihn, Diktatur hin und her, immer noch heiß und innig verehrt.

Marcos segnete 1989 in seinem Exil auf Hawaii das Zeitliche. Schon zwei Jahre später kehrte Gattin Imelda auf die Philippinen zurück, wo sie durchaus nicht feindselig empfangen wurde und bis heute große Sympathien genießt. Aufgrund herber Erfahrungen mit den Nachfolgeregierungen ist man nämlich zu der Einsicht gelangt, dass unter Marcos „doch nicht alles so schlecht war“, ganz nach dem deutschen Motto: „Aber er hat doch die Autobahnen gebaut . . .“ (Das hatte „F.M.“ offenbar verinnerlicht; in seinem bunkerartigen Schlafzimmer fand man das Buch „Die letzten Tage Adolf Hitlers“). Hinzu kommt, dass es den heutigen Filipinos besser geht denn je. Da kann man es sich schon leisten, mit leichter Ironie auf das Marcos’sche Treiben zurückzublicken und die überlebende First Lady, inzwischen 88 Jahre alt aber immer noch vorzeigenswert, als glamouröse Verkörperung der philippinischen Frau wieder auf den Sockel zu heben. Über die 3000 Paar Luxusschuhe, die sie seinerzeit im Präsidentenpalast Malacañang hinterließ, äußert man sich eher verständnisvoll: Zu Glanz und Gloria eines solchen Vollblutweibs gehören halt ein paar Extravaganzen. Das ist philippinische Denke reinsten Wassers.

In Batac, unweit von Ferdinands Geburtsstätte Sarrat, befindet sich der eigentliche Wohnsitz des Marcos-Clans, bis vor Kurzem ein Mausoleum, heute ein Museum, das man unbedingt gesehen haben sollte, wenn man schon diese Ecke erreicht. Zahllose Besucher defilieren ehrfurchtsvoll durch das Anwesen. Nie hört man eine schnöde Bemerkung, etwa zu den zehn Milliarden Dollar, die beim Abgang des Chefs mirakulös verschwanden, oder zur Ermordung des Oppositionsführers Benigno Aquino, die 1983 das philippinische Volk politisch sensibilisierte und für Marcos den Anfang vom Ende einläutete. Für die Mehrheit der Filipinos, namentlich die jüngere Generation, gehört die Ära Marcos  bereits zur finstersten Vergangenheit. Zu neuen Gefühlsaufwallungen kam es im November 2016, als mit Rückhalt Dutertes die sterblichen Überreste des Diktators von Batac auf den Heldenfriedhof in Manila umgebettet wurden. Doch die Gemüter beruhigten sich wieder. Die Sache war nicht wert, sich darüber aufzuregen.

Nur im hohen Nordwesten Luzons rankt sich weiterhin ein bizarrer Kult um den verblichenen Usurpator. Im Gegensatz zum Rest der Philippinen zweifelt im verschlafenen Batac niemand daran, dass der große Sohn jener Provinz das Beste war, was dem Land je widerfahren durfte. Im Museum lockt eine Tour mit einer riesigen Bildergalerie, die den Mann anhand von Hunderten von Fotos als den Helden aller Helden darstellt, als den gottgleichen Heiligen, für den er sich selbst hielt. Marcos im Krieg – das tapfere Schneiderlein. Er und Imelda zur Visite bei allen VIPs der Welt, Päpsten und Präsidenten. Die Familie Marcos bei den Armen des Landes, Gutes tuend. Der Präsident, den Blick in die Ferne gerichtet, wo eine goldene Zukunft für die Philippinen heraufdämmert. (Hätte man ihn doch nur gewähren lassen!)

Vielleicht in neuer Auflage? Klammheimlich arbeitet der Marcos-Clan an einem politischen Comeback, auf dessen Gipfelpunkt die potenzielle Inthronisierung von Tochter Imee oder Sohn Bongbong steht. Das Glück war der Familie insofern hold, als die Witwe Cory Aquino, die 1986 Präsidentin wurde, als fromme Katholikin auf Vergeltung verzichtete. Aber Rachsucht ist den Filipinos nicht fremd. Auch Ferdinand Marcos nicht. Als er sich auf ein Techtelmechtel mit dem US-Starlet Dovie Beams einließ und sie anschließend propagierte, ihr Lover hätte „ein Ding von der Größe eines Dosenchampignons“, entsandte der Düpierte ein Killerteam in die USA, um der Geschwätzigen den Mund zu stopfen. Die Sache misslang, liefert aber tiefe Einblicke in zwei wenig anbetungswürdige Charaktere.

Text und Bilder Roland Hanewald

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