Billard – Der Magier aus Manila

Efren Reyes

Im Auge des Magiers: Efren Reyes hat einen exakten Plan, wie die Kugeln jetzt rollen sollen. (FR)

Manila, Philippinen – Es gibt da einen Spruch. Er geht ungefähr so: Wenn man auf die klügsten aller Menschen schauen will, sollte man die Billardspieler nicht vergessen. Es gibt dazu auch ein Zitat eines sehr klugen Menschen. Albert Einstein, selbst ein Billardspieler, sagte einst: „Billard ist die hohe Kunst des Vorausdenkens.“ Es vereine physische Kondition, das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten. Und nun tritt, an diesem Mittwochabend, der Einstein des Billards, in Bremen auf. Jedenfalls nennt Earl Strickland, der ebenfalls am Mittwoch in Bremen auftritt, aus Amerika kommt und in der Szene Earl the pearl genannt wird, den Philippiner Efren Reyes so. Earl the pearl nennt Reyes aber nicht nur Einstein. Sondern auch so, wie viele in der Szene den 62-jährigen Mann aus Manila nennen, in Asien übrigens mehrere hundert Millionen Anhänger: Magier.

Magier Reyes und Perle Strickland sind mehrfache Weltmeister. Billard-Legenden. Wenn man so will, Messi und Ronaldo – oder Federer und Nadal – des Poolbillard-Sports. Seit drei Jahrzehnten stehen sie in den großen Finals rund um die Welt. Und jetzt touren sie, zum Abschluss von Reyes’ großer Karriere, durch Deutschland. Acht Stopps, letzter Halt: Bremer Billard-Galerie in der Thedinghauser Straße. Rund 200 Interessenten werden das Event, bei dem Reyes und Strickland nicht nur gegeneinander, sondern als Duo gegen zwei Bremer Spieler antreten, vor Ort verfolgen – und rund 250 000 online im Livestream. Nils Johanning sorgt mit seiner Firma Reelive für die digitale Verbreitung in mehr als 20 Ländern.

Johanning gehört zu den Leuten, die Billard auch in Deutschland unter die Leute bringen wollen. Reichweiten wie in Asien braucht er nicht anzupeilen, das wäre illusorisch. Wenn in China eine Snooker-WM läuft, schauen sich das rund 300 Millionen Menschen an. Auf den Philippinen gilt Reyes als Ikone. 1999 wurde er erstmals Weltmeister. Spätestens seitdem kennt ihn in seiner Heimat jeder. Er wurde der Sportheld, den die Philippinen bis dahin nicht hatten. Er löste nicht nur in seinem Land, sondern auch in Vietnam, Singapur oder Thailand einen Boom aus. Vorher wurde dort kein Poolbillard gespielt, seitdem sehr wohl.

„Du denkst, du hast ihn jetzt“

Kneipen-Vergnügen Poolbillard: Was ist so magisch, so anspruchsvoll daran als Profisport? „Es hat ganz viel mit Taktik zu tun“, sagt Johanning. Strickland beschreibt das Einsteinsche an seinem ewigen Rivalen. Eigentlich könne er, Strickland, die besseren Stöße, die komplizierteren. Er hat mehr Power. Aber dieser Reyes, der sehe Lösungen, die andere nicht sehen. Über drei, vier Vorbanden, mit intelligenten Positionen für den nächsten Zug. Hohe Spielintelligenz würde man das im Fußball nennen. „Du denkst, du hast ihn jetzt“, sagt Strickland, „aber dann zieht er seinen Kopf doch noch irgendwie aus der Schlinge.“ Einmal, 1996 in Hongkong war das, da hatten sie drei Tage lang gespielt, wer zuerst 120 Spiele gewonnen hat. Ein Sponsor hatte ein Preisgeld von 100 000 Dollar ausgelobt. Am dritten Tag führte Strickland schon mit 104:87. Ein Vorsprung, der im Fußball etwa ein 4:0 in der 85. Minute wäre. Reyes holte Strickland dennoch ein und besiegte ihn 120:117. „Das größte Comeback aller Zeiten“, sagt der.

Reyes hat auch eine Biografie mit dem Touch des Spektakulären zu bieten. Sie beginnt in den 60er-Jahren, in einer Billardhalle seines Onkels in Manila. Efren Reyes war acht, als er anfing zu üben. Heimlich. Früh morgens, bevor die Halle geöffnet wurde, oder spät abends, nachdem sie geschlossen war. Nachts schlief er auf einem Billardtisch, die Abdeckung war sein Kopfkissen. Er schaute nicht bei den guten Spielern zu. Sondern bei den schlechten. Da lernte er zu erkennen, was jetzt der bessere Stoß gewesen wäre. Reyes spielte bei Money-Games, bei privaten Duellen um Geld. Dass es auch Sportturniere gab, wusste er gar nicht.

Als er 30 war, schickte ein Sponsor, ein sogenannter Stakehorse, ihn in die USA. Er spielte Money-Games, das Geld, das er dabei verdiente, behielt der Stakehorse: Die Kosten für Flug und Unterbringung wären noch nicht abgedeckt. Ein zweiter Stakehorse vermittelte Reyes zu einem richtigen Turnier. 10 500 Dollar für den Sieger. Reyes, der aus Vorsicht unter dem Namen seines Kumpels Cesar Morales angetreten war, siegte. Vom Geld sah er nichts, er flog ohne Gewinn zurück nach Manila. Tja, die Kosten, soll der Stakehorse gesagt haben. Ein Jahr später, wieder in Amerika, lief es noch übler mit den vermeintlichen Förderern.

Als Reyes auf den vertraglich zugesicherten 50 Prozent der Turnier-Einnahmen bestand, zeigte ein Stakehorse ihn bei den Einwanderungsbehörden in New York an. Den Pass hatten die Manager Reyes zuvor abgenommen. Der saß dann drei Tage lang als Illegaler im Gefängnis. Die grandiose Karriere eines grandiosen Billardspielers konnte das alles aber nicht verhindern. Noch im selben Jahr landete Reyes auf dem Cover eines amerikanischen Billardmagazins. Man hatte ihn dort als Zauberer kostümiert, mit dem Queue als Zauberstab. Seitdem ist er der Magier, seitdem gibt es die großen Duelle der Rivalen Reyes und Strickland. Dabei ist Reyes der smarte Entfesselungskünstler und Strickland, der Power-Spieler mit aggressivem Habitus, bei dem auch schon mal ein Queue zu Bruch gehen kann. Zu beobachten: am Mittwoch in Bremen.

Quelle

Print Friendly, PDF & Email
Holiday Dream Home Angeles