19-jährige Schweizerin erlebt die Philippinen – «Bayad Po» – Bezahlen bitte!

Die 19-jährige Braunwalderin Irina Kessler lebt für ein Jahr auf den Philippinen – Einblicke in ein völlig anderes Leben. In der aktuellen E-Mail erzählt sie von den abenteuerlichen Transportmitteln.

Jeepney in Legazpi City

Nicht nur an das Essen, das Wetter und die Leute muss man sich zuerst einmal gewöhnen, sondern zum Beispiel auch an die Transportmittel. Das Leben in einer Stadt wie Legazpi City könnte nicht unterschiedlicher sein als jenes in meinem Heimatdorf Braunwald.

Angefangen bei den Transportmöglichkeiten: Meine erste Fahrt in einem typisch philippinischen Jeepney werde ich wohl nie vergessen. Ich war zu Beginn schlicht und einfach überwältigt. Die Jeepneys sind das wichtigste Transportmittel überhaupt. Sie sehen aus wie ein kleiner Bus mit zwei Sitzbänken an den Seiten. Bis ich überhaupt verstanden habe, wie genau das ganze Transportsystem funktioniert, hat es eine Weile gedauert, denn Fahrpläne oder Ähnliches gibt es nicht. Die Jeepneys verkehren auf verschiedenen Linien durch die ganze Stadt Legazpi. Es reicht, kurz die Hand auszustrecken und schon wird angehalten. Fahrpläne gibt es auch darum nicht, weil die Jeepneys beinahe in Minutentakt erscheinen. So drängt man sich also in eine der beiden Sitzreihen. Zwischen 15 und 20 Personen passen in ein Jeepney. Man hat das Gefühl, man sitze in einer Sardinenbüchse und könne kaum atmen. Trotzdem hält das Jeepney nochmal an, damit sich ein weiterer Passagier hineinquetschen kann. Auch nach all der Zeit, die ich schon in Legazpi lebe, bin ich noch immer fasziniert und beeindruckt von den Jeepneyfahrern. Während sie steuern (und der Verkehr verläuft alles andere als geregelt und geordnet), halten sie Ausschau nach Passagieren, müssen jederzeit bereit sein, anzuhalten, um Passagiere aussteigen zu lassen und gleichzeitig nehmen sie auch noch Geld entgegen und geben Rückgeld. «Bayad po!» So sagt man, wenn man bezahlen möchte. Dann wird das Geld dem Nachbarn gegeben und bis zum Fahrer weitergereicht. Ein Beispiel für soziales Zusammenarbeiten und Vertrauen. Für eine Fahrt von 20 Minuten bezahlt man umgerechnet ungefähr 20 Rappen. Um auszusteigen, reicht ein Klopfen an die Decke des Fahrzeugs oder man ruft «Para po!»

So funktioniert das Transportwesen auf den Hauptstrassen. Um an Orte auf Nebenstrassen zu gelangen, steigt man um in Tricycles. Das sind Motorbikes oder Velos, an denen Seitenanhänger angebracht wurden. Eigentlich passen auch hier nur knapp zwei Personen in den Anhänger. Doch ich habe schon Tricycles mit zehn Passagieren gesehen.

Etwas anderes, das sehr gewöhnungsbedürftig war, ist die Aufmerksamkeit. Immer und überall ist man erst mal der Mittelpunkt und das bin ich mich alles andere als gewohnt. Mit blonden Haaren und blauen Augen steche ich überall sofort aus der Menge. «Hi Miss Beautiful! Where are you going?», wird mir zugerufen, sobald ich mich auf die Strasse begebe. Einige fangen an zu singen, die Autos hupen, die Kinder fangen nervös an zu lachen. Zuerst fühlt man sich geschmeichelt. Wer würde schon nicht so fühlen, wenn man von überall hört, wie schön man ist und ob man nicht Augen tauschen könne. Es kann aber auch sehr unangenehm sein. So glaubte ich zum Beispiel auf einer Bank sitzend, mein Mittagessen geniessen zu können, als sich wildfremde Menschen neben mich setzten und Selfies mit mir machten. Ich war sprachlos. Auch wurde mir bewusst, dass es oft nicht um mich als Person geht, sondern darum, mit einer Ausländerin, einer Weissen zu sprechen oder Selfies zu machen. Schon Minuten später erscheint das Bild auch schon im Facebook mit dem stolzen Post: «My new friend from Switzerland». Doch auch damit lernt man umzugehen und gewöhnt sich bis zu einem gewissen Grad daran.

Quelle

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