Hängende Särge, windiger Vulkan

Vor etwas mehr als 25 Jahren brach der Vulkan Pina Tubo auf den Philippinen zum letzten Mal aus – nach einer 550-jährigen Ruhezeit. Hans-Peter Schmutz erlebte den Ausbruch damals mit. Vor Kurzem kehrte er auf die Philippinen zurück und erlebte eine erlebnisreiche Reise voller Gegensätze.

Reise zum Pina Tuba mit der Cessna

Reise zum Pina Tuba mit der Cessna (Deutschlandfunk/Thomas Wagner)

Bange Blicke zum Himmel: Gute Sicht oder nicht? Clark’s Air-Base, ein ehemals US-amerikanischer Militärflughafen, gut 90 Meilen nordwestlich von Manila entfernt: Hans-Peter Schmutz ist nach über einem Vierteljahrhundert wieder hierher zurückgekehrt – und erinnert sich in diesem Augenblick an das Jahr 1991: Damals war er als Urlauber auf den Philippinen, ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend der Pina Tubo ausbrach, jener mächtige Vulkan auf Luzon, der Hauptinsel der Philippinen.

„Ich bin 1991 auf den Philippinen gewesen, hab das dann erlebt auf einer Insel, dass da plötzlich ein Riesen-Getöse war. Und ich habe nicht gewusst, was passiert. Und dann hat sich eine Stunde später herausgestellt, dass der Pina Tubo explodiert ist: Als ich aus meinem Bungalow raus bin, war alles grau: Der Strand war grau. Die Palmen waren grau. Ich fühlte Staub, ich fühlte mich dreckig. Die Folge war: Wir sind zwei Tage dann noch auf der Insel geblieben und dann nach Manila, mussten zehn Tage dort bleiben, bis die ersten Maschinen kamen, um uns auszufliegen.“

Höllengetöse in der Cessna 182

Kaum ist die kleine, 30 Jahre alte Cessna 182 herangerollt, geht es auch schon los. Höllengetöse – von dem, was Pilot Ranni Kim-Sharia erzählt, versteht man in der Kabine allenfalls Wortfetzen. Keine 20 Minuten vergehen, und er ragt vor uns auf: Der Pina Tubo, der aussieht wie ein Riesen-Kegel, dem man die Spitze abgeschnitten hat. Damals, am 15. Juni 1991, hat er bei seinem letzten großen Ausbruch die ganze Gegend mit einem düsteren Gemisch aus Lava und Asche regelrecht bespuckt. Heute erweckt er, mit viel Grün drum herum und nur wenigen Wölkchen am Himmel, einen eher friedlichen Eindruck. Naja, der Vulkan, er ist ja damals auch geschrumpft…

Vor dem Ausbruch war der Vulkan um die 5000 Fuß hoch, erklärt der Pilot. Das macht bis zum oberen Rand genau 1745 Meter. Und danach? Heute bringt es der Pina Tubo nur noch auf 1486 Meter. Das heißt: Über 250 Meter Berg wurden seinerzeit durch die gewaltige Explosion des Ausbruchs einfach weggesprengt.

Wir fliegen direkt über den Krater, blicken nach unten, auf eine grünlich dunkle Fläche: Regenwasser, dass sich dort angesammelt hat.

Unkalkulierbare Winde aus allen Richtungen

Das Wasser enthalte neben einer großen Menge Sulfat auch noch zahlreiche andere Mineralien: Während der Pilot dies alles erzählt, hält er das Steuer fest umklammert: heftige Turbulenzen schütteln das kleine Flugzeug mächtig durch; unkalkulierbare Winde aus allen Richtungen – so ganz friedlich scheint der Pina Tubo also doch nicht zu sein.

Und das ist das erkaltete Magma – der Pilot zeigt auf dunkle Kanäle, die sich durch die grüne Vegetation ziehen – stumme Zeugen des Vulkanausbruchs vor mehr als einem Vierteljahrhundert.

Gut eine Dreiviertelstunde später – und der Pilot fliegt die alte, ein wenig klapprig erscheinende Cessna wieder zurück. Wir alle sind mächtig durchgeschüttelt – kein Grund zur Sorge, heißt es nach der Landung: Gut 90 Mal sei er mit der Maschine schon zum Pina Tubo und wieder zurück geflogen – seine Lieblingsstrecke, erklärt Ranni Kim Sharia.

Horizont, in Orange getaucht

„So lernst Du die Natur kennen, wenn Du über den Pina Tubo fliegst: Du denkst an das, was geschehen ist. Dann denkst Du an die Gegenwart und überlegst: Was wird in Zukunft sein? Also konkret: Du erinnerst Dich nochmals an den letzten Ausbruch und an das Ausmaß der Zerstörungen damals. Und dann blickst Du runter und erkennst, wie die Zeit alles heilt. Jetzt ist ja alles wieder so schön grün da unten. Also: Die Zeit heilt alles. Und, natürlich: Das ist eine der schönsten Szenen, die ich kenne in meinem Leben. Morgens, wenn ich aufwache und Richtung Pina Tubo schaue, dann sehe ich hinten, den Horizont, ganz in Orange getaucht. Aber ganz faszinierend wird es gegen Abend, wenn das dämmrige Licht durch die Wolken kommt und dann in sehr unterschiedlichen Farben erscheint. Für mich ist das ein Zeichen von Hoffnung.“

Auf den Philippinen darf der Pilot auch mal Philosoph sein. Wechsel des Verkehrsmittels: Mit einem Linienbus fahren wir Richtung Norden der Hauptinsel Luzon. Bergauf geht es über sich unendlich hintereinander windende Serpentinen; mehr als 20, 30 Stundenkilomeer sind nicht drin. Im Bus viele Einheimische – ein munteres, fröhliches Völkchen, dass immer mal wieder auf den Fernseher ganz vorne blickt, der meistens aber mehr Störung als Bild zeigt. Der deutsche Tourist kommt sich hier vor wie ein Exot – macht aber nichts, meint Hans-Peter Schmutz aus dem baden-württembergischen Villingen-Schwenningen.

Vermoderte, bunt bemalte Särge

Die Hängenden Särge auf den Philippinen

Die Hängenden Särge auf den Philippinen (Deutschlandfunk / Thomas Wagner)

„Wir fahren jetzt nach Bagiu Richtung Reisterrassen. Aber Bagiu ist eine größere Stadt mit so 250.000 Einwohnern und ist Rückzugsort im Sommer, wenn es hier sehr heiß wird.“

Bagiu, die große Stadt 250 Kilometer nördlich von Manila: Ein Bummel über den nächtlichen Markt im Zentrum, Übernachtung – dann geht es weiter: Die Straßen werden immer schmäler, die Kurven noch enger – sieben Stunden dauert es bis zum nächsten Ziel – der kleinen Gemeinde Sagada. Robert, Mitte 60, arbeitet dort als Fremdenführer und lädt uns ein zu einer Wanderung über Stock und Stein, Abhänge hinab und hinauf – wir gehen und sehen …

„… hängende Särge. Ja, kommen Sie mit, hinter diesen Bergen, da sind sie. In diesen hängenden Särgen sind die Verstorbenen von Sagda bestattet.“

Und das ist fast schon eine kleine Sensation inmitten von viel wucherndem Grün: tatsächlich, an den Felskanten und Felsspitzen hängen Särge, manche schon vermodert, manche bunt bemalt.

„Die Toten wollen über den Lebenden hängen“

„Das hängt damit zusammen, dass die Leute hier, wenn sie sterben, nicht unter die Erde kommen wollen, sondern sozusagen über den Lebenden schweben und auf die herabschauen wollen. Das ist unsere Tradition hier. Die Toten wollen über den Lebenden hängen!  nd das ist bis heute so.“

Die wenigen Touristen, die es nach einem halbstündigen Fußmarsch hierher in die Schlucht geschafft haben, schauen mit einer Mischung von Staunen und Schaudern nach oben, wo die Särge an den Felskanten und -spitzen mit einer Art Bändern befestigt wurden. Hoffentlich halten die auch!

Sich mit einem der hängenden Särge überm Kopf fotografieren lassen – das hat etwas Bizarres, Unglaubliches.

„Hi, I’m Marlin, I’m from the Philippines. But I’m living in New York, in the USA, right now.“

Beim Fotografieren grinst Marlin noch. Dann aber schaut sie höchst andächtig auf die Särge über ihrem Kopf.

Jeeps mit Aufbauten

„Ich finde diesen Ort hier hochinteressant: Hier lernen wir die Kultur derjenigen kennen, die hier leben. Und das ist fabelhaft, wundervoll. Särge, die am Berg hängen – das findet man nur in drei Ländern auf der ganzen Welt. Und eines davon sind die Philippinen. Wenn ich das sehe, bin ich stolz, eine Philippinin zu sein.“

Weiterfahrt auf noch engeren Straßen mit noch schärferen Kurven auf einem Vehikel, dass es so auch nur auf den Philippinen gibt:

„Wir fahren jetzt auf einem Jeepney. Also die Jeepney sind so entstanden: Die Amerikaner haben ja ihre Jeeps hinterlassen. Diese Jeeps wurden irgendwann mal umgebaut, haben später ein Chassis bekommen von irgendeiner japanischen Firma. Und die ganzen Aufbauten wurden hier auf den Philippinen gemacht. Es gibt große und kleine Jeepneys. Und das wurde das Verkehrsmittel hier auf den Philippinen überall. Es passen vielleicht bis zu 25 Leute rein.“

Bei glühender Hitze zu den Reisterrassen

Reisterrassen auf den Philippinen auf der Insel Luzon Weltkulturerbe

Reisterrassen auf den Philippinen auf der Insel Luzon Weltkulturerbe (Deutschlandfunk / Thomas Wagner)

Wie poppig bemalte Lieferwagen mit Sitzen und Pritschen auf der Ladefläche kommen diese Fahrzeuge daher. Und daran habe sich, erinnert sich Hans-Peter Schmutz, in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten nichts geändert. Wiederum steuert er ein Ziel an, das er bereits damals, Anfang der 90er Jahre, besucht hat:

„Wir fahren jetzt zunächst nach Batad. Batad – das ist ein Ort in der Nähe von Banaue, wo diese sehr schönen Reisterrassen sind. Es sind die Reisterrassen, die man auf allen touristischen Fotos der Philippinen sieht.“

Irgendwann einmal hält der Jeppney an, lässt uns an einem Abhang raus. Weiterfahren: unmöglich. Gut eine Stunde lang geht es bei glühender Hitze bergab, erst über einen Trampelpfad, dann über jene gleichen Mäuerchen, die die berühmten philippinischen Reisterrassen begrenzen – Rechteck um Rechteck voll mit knöcheltiefem Wasser, in dem die Reispflanzen gedeihen.

„Nur einmal im Jahr pflanzen wir hier Reis an, ein einziges Mal. Weil: Wir verzichten auf Kunstdünger. Die Ernte dient ausschließlich zur Versorgung der Familien hier im Dorf. Wir verkaufen das nicht.“

Brigitte Sullivan arbeitet als Fremdenführerin in der Region Banaue. Doch Battat, das kleine Dorf unten im Tal, ohne Straßenanbindung, erreichbar nur zu Fuß – das ist etwas ganz besonderes für sie: Denn hier wurde sie geboren. Gerne zeigt sie ihren Gästen ein Holzhaus, das auf Stelzen errichtet wurde.

Kein Einwohner wohnt mehr in einer alten Hütte

„Die erste Etage – das ist so eine Art Abstellfläche. In der zweiten Etage essen und schlafen wir. In der dritten Etage, also ganz oben, befindet sich unser Reisspeicher, wo wir den Reis aufbewahren und das ist mein Großvater, 95 Jahre alt. Und er lebt alleine in diesem Haus! Und Ihr könnt mit ihm sprechen. Er kann Englisch.“

Ein alter, aber schlanker Mann erscheint vor der Tür, läuft gebückt, schaut aber mit klarem Blick auf die Gäste:

„Ich bin jetzt 95 Jahre alt, bin immer noch munter. Und ich habe dafür Jesus Christus zu danken. In welchem Jahr waren Sie das letzte Mal hier?“

Auch hier werden Erinnerungen wach: Hans-Peter Schmutz zückt ein Fotoalbum. Darin eingeklebt: Bilder von damals, als er vor fast drei Jahrzehnten schon einmal das Dorf besuchte.

„Also damals gab es ein Haus mit einem Blechdach. Alles andere waren Native Huts. Heute hat sich das gewandelt: Jetzt sind es acht oder zehn Stück. Also wohnt kein Einwohner mehr in einer alten Hütte. Die Steinwälle haben sich nicht verändert. Und der Reis wächst immer noch wie damals.“

Felsen von Banaue und Battat als Fels in der Brandung

Philippinische Folklore abends im Hotel in Banaue, der Kleinstadt inmitten der Reisterrassen: Nachdenklichkeit macht sich breit. Mehr Hütten mit Blechdach, elektrisches Licht, asphaltierte Straßen statt Schotterwege, Handys – nein, auch hier, in der Provinz auf Luzon, der Hauptinsel der Philippinen, ist die Zeit nicht stehen geblieben. Aber der Reis wächst immer noch so wie seit Jahrhunderten. Und so sind die Felsen von Banaue und Battat vielleicht doch noch ein letzter Fels in der Brandung zivilisatorischer Zeitverknappung – ein Ort für eine zumindest kleine Auszeit auf den Philippinen.

Quelle

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