Radikale Zwangspause für Paradiese

boracay

Manila, Philippinen – Die polizeilich überwachte Abriegelung der Ferieninsel Boracay hat beträchtliche ökonomische Folgen. Wegen der Zwangspause, die der philippinische Präsident Rodrigo Duterte der Insel kürzlich verschrieben hat, sind dort jetzt etwa 30 000 Angestellte, Taglöhner und Kleinunternehmer ohne Auskommen. Zumindest vorübergehend. Nachdem zuerst von einem halben Jahr die Rede war, spricht man neuerdings «nur» noch von vier Monaten. So oder so hat der Entscheid gravierende Folgen: Die kleine Insel hat vergangenes Jahr 2 Mio. Touristen angezogen und Einnahmen von 56 Milliarden Pesos generiert, das sind rund 1 Milliarde US-Dollar.

Radikale Massnahme

Dutertes Beschluss mutete zunächst wie ein verspäteter Aprilscherz an. Doch der philippinische Präsident hatte bereits im Februar mit radikalen Schritten gedroht. In touristischen Kreisen stösst die Zwangspause nicht nur auf Ablehnung: Organisatoren der (inzwischen abgesagten) Konferenz LaBoracay2018, mit der die Ferieninsel vermarktet werden sollte, zeigten durchaus Verständnis. Für Luzi Matzig, den Vorsitzenden des Reiseveranstalters Asian Trails und Doyen der schweizerischen Touristiker in Asien, ist der Entscheid der Behörden absolut richtig und wegweisend.

Die rechtliche Basis für die Abriegelung Boracays ist umstritten. In Manila ist von einem Notstand die Rede, was den Zugriff auf einen Kompensationsfonds von 2 Milliarden Pesos erlauben würde. Doch die Ausfälle dürften im Bereich von 20 Milliarden Pesos liegen. Auch der Imageschaden für die Philippinen, deren Ruf wegen des Feldzugs gegen den Drogenhandel und der Gewalt muslimischer Extremisten als Reisedestination ohnehin gelitten hat, ist nicht zu unterschätzen.

Das Malaise der Übernutzung und der unkontrollierten Umweltbelastung ist in Südostasien aber kein Einzelfall. Die thailändische Insel Phi Phi wurde 2000 durch den Film «The Beach» weltberühmt; vier Jahre später war die vor Phuket liegende Insel wegen Zerstörungen durch den Tsunami in den Schlagzeilen. Seither hat der Besucherstrom stetig zugenommen. 2015 zählte die thailändische Nationalpark-Behörde 211 000 ausländische Besucher; 2017 waren es 1,67 Mio. Als Reaktion führte Thailand Ende des vergangenen Jahres eine Zugangsbeschränkung ein; exponierte Buchten wie die Maya Bay blieben zwecks Erholung während der Monsunzeit gesperrt.

Der Nationalpark auf Phi Phi und zwei andere Naturschutzgebiete im Süden zogen 2017 rund 4 Mio. Sonnenhungrige an. Das entspricht, wie Naturschützer in Thailand gegenüber der «Sunday Nation» betonen, fast der jährlichen Touristenzahl auf den Malediven oder in Burma. Thailands Regierung rechnet dieses Jahr landesweit mit einem Rekord von 40 Mio. Reisenden. Die Zuwächse der letzten Jahre sind vor allem auf chinesische Touristen zurückzuführen; auch Koreaner und Russen kommen immer zahlreicher.

Für Luzi Matzig ist es an der Zeit, das Verhältnis zu Meer und Umwelt generell zu überdenken. Auch die «Götterinsel» Bali gehört in dieses Sündenregister. Dort erreicht der Besucherstrom 7 Mio. Menschen im Jahr; die Zahl entspricht fast der Hälfte aller Indonesien-Reisenden. Das Resultat des Massenandrangs sticht mittlerweile jedem in die Augen, der dort hinter die Kulissen oder in die Abwasserkanäle schaut – oder tauchen geht. Sowohl Boracay als auch Bali verkörpern Klumpenrisiken und zeigen die Verwundbarkeit eines ganzen Sektors auf.

Rasanter Wandel

Die Entwicklung auf Boracay ist extrem. Zu Beginn der achtziger Jahre gab es dort noch nicht einmal Strom. 2017 wurden 2 Mio. Besucher abgefertigt. Die Insel zählt 500 Hotels. Das alles notabene auf gerade einmal 1000 Hektaren. So generiert Boracay zwar Einnahmen von 1 Mrd. $, aber angesichts der überforderten Infrastruktur, insbesondere vernachlässigter Abfall- und Entwässerungssysteme, blieb die Nachhaltigkeit auf der Strecke.

Sowohl auf den Philippinen wie auch in Indonesien ist die Situation paradox: Die beiden Archipele zählen 7000 bzw. 17 000 Inseln. Besonders auf den Philippinen gäbe es also unzählige Alternativen, meint Matzig. Aber alle strömen nach Boracay oder Bali.

Die meisten Länder in Südostasien verfügen heute über moderne Flughäfen, die ein gigantisches Passagieraufkommen abwickeln. An der weiteren Infrastruktur indessen mangelt es oft. Noch nie war fliegen so sicher und so billig, was zig Millionen Menschen heute Auslandreisen ermöglicht. Auch in Asien. Da beginnt es sich zu rächen, dass im näheren Einzugsgebiet von Bali, Boracay, Phuket, Ko Samui, Pattaya und Angkor rund 3 Mrd. Menschen leben.

Quelle


Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

[ratings]


Print Friendly, PDF & Email
Holiday Dream Home Angeles