War der Mensch schon vor 700.000 Jahren auf den Philippinen?

Uralte Jagdspuren an Nashornknochen von den Philippinen legen nahe: Hunderttausende Jahre früher als bislang angenommen lebten Menschen in Südostasien.

Fußknochen

Dieser 67.000 Jahre alte Fußknochen ist der älteste Beweis für die Besiedlung von Menschen auf den Philippinen. Doch jetzt gibt es Hinweise, dass der Mensch noch viel früher da war. © Ted Aljibe/Getty Images

Mineralien, Vitamine und Proteine: Für jemanden, der nicht weiß, wann endlich wieder eine anständige Mahlzeit auf dem Teller landen wird, ist Knochenmark die perfekte Nahrungsquelle. Es enthält viele Nährstoffe, konzentriert im Inneren von ein paar Knochen.

Zwar wussten das unsere Vorfahren vor mehr als einer halben Millionen Jahren nicht. Dennoch verwerteten sie ihre Jagdbeute bis aufs letzte. Eine Angewohnheit, die den Frühmenschen vielleicht das Überleben sicherte und Archäologen heute bei ihrer Arbeit unterstützt. Denn um herauszufinden, wo der Mensch seine frühesten Spuren hinterließ, müssen auch indirekte Beweise herhalten. Nicht überall gibt es noch Überreste menschlicher Knochen.

Deshalb helfen zum Beispiel Steinwerkzeuge und zertrümmerte Nashornknochen weiter. Beides haben Forscherinnen und Forscher jetzt auf den Philippinen untersucht. Die Spuren liefern neue Hinweise dafür, dass Verwandte des modernen Menschen Homo sapiens dort schon vor etwa 709.000 Jahren gelebt haben könnten. Das geht aus einer Studie hervor, die im Magazin Nature veröffentlicht wurde (Ingicco et al., 2018).

Die Wissenschaftlerinnen und Forscher rund um den Archäologen Thomas Ingicco untersuchten dafür einen Fund, der bereits 2013 in der Provinz Kalinga auf der philippinischen Insel Luzon ausgegraben worden war: 57 Steinwerkzeuge und rund 400 Tierknochen, darunter ein beinahe komplett erhaltenes Skelett einer ausgestorbenen Rhinozerosart (Rhinoceros philippinensis). 13 dieser Nashornknochen waren verarbeitet und teilweise zerschlagen, um an das Knochenmark zu gelangen – sie zeigten also klare Anzeichen menschlicher Verarbeitung. Das Besondere daran: So deutlich konnte die Besiedlung durch Menschen auf den Philippinen noch nie nachgewiesen werden – zumindest nicht bei Funden, die an die 700.000 Jahre alt sind.

„Dieser Beweis schiebt die Periode, in der die Philippinen bewiesenermaßen besiedelt wurden, um Hunderttausende von Jahren zurück,“ schreiben die Autoren in ihrer Studie. Das erste Mal seit etwa 60 Jahren sei das ein Fund, der auf eine Besiedlung der südasiatischen Inseln vor mehr als 100.000 Jahren hindeute. Klare Beweise gab es dafür allerdings nie. Gerade mal 67.000 Jahre zählt der älteste Fund, der eine menschliche Präsenz auf den Philippinen belegt: Ein einzelner Fußknochen eines frühen Verwandten des Homo sapiens, gefunden in einer Höhle im Norden Luzons (Journal of Human Evolution: Mijares et al., 2010).

Erste Hinweise gab es in den 1950er-Jahren

Vermutungen, dass Frühmenschen schon viel früher auf die Philippinen und die umgebenden Inseln gekommen waren, gab es schon seit den 1950er-Jahren. Damals stellten Archäologen die Hypothese auf, dass unsere Vorfahren – vermutlich der Homo erectus oder der Denisovaner – schon vor 126.000 bis 781.000 Jahren auf den Philippinen gelebt haben könnte. Damals fand man Fossilien größerer Tiere und Steinwerkzeuge im Cagayan Valley im Norden von Luzon. Stichhaltige Beweise, die diese These unterstützten fehlten allerdings. Der Fund blieb jahrelang die einzige Entdeckung dieser Art – noch dazu, konnte man damals nicht eindeutig feststellen, wie alt die Überreste waren.

Der neue Fund macht wahrscheinlicher, dass die Theorie der frühen menschlichen Besiedlung stimmen. Trotzdem bleiben die Archäologinnen und Archäologen rund um Thomas Ingicco zurückhaltend. Denn wie kamen die Menschen auf die Inseln? Es sei immer noch weit hergeholt, dass sie schon damals Boote bauen konnten, mit denen sie die weiten Strecken auf die philippinischen Inseln zurücklegen konnten, schreiben sie in ihrer Studie.

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