«Ground Zero» – Asiatische Staaten fürchten IS-Angriffe

marawi

Manila, Philippinen – Ein Jahr ist es her, dass Islamisten auf den Philippinen die Großstadt Marawi überrannten. Die Bilanz: mehr als 1.200 Tote, fast eine Viertelmillion Vertriebene, über 300 Millionen Euro Schaden. Die Aussichten: unsicher.

Acht Kinder hat Fatima Lumabao, eine 49-jährige Frau aus der philippinischen Großstadt Marawi, verwitwet, gläubige Muslimin. Die Hälfte ihrer Kinder hat sie seit bald einem Jahr nicht mehr gesehen – seit mehrere Hundert schwer bewaffnete Islamisten die Stadt mit ihren mehr als 400.000 Einwohnern im Mai 2017 einfach so überrannten. Dabei hat sie gesucht und gesucht. In Notunterkünften, in Krankenhäusern, sogar in Leichenhäusern. Ohne Erfolg.

Jetzt sagt sie: «Heute wäre es mir fast lieber, wenn die vier tot wären, als dass ich nicht weiß, was mit ihnen passiert ist.» Ihr Jüngster, der ihr besonders fehlt, ist zehn. Kürzlich konnte sie zum ersten Mal für kurze Zeit wieder zurück in ihre alte Nachbarschaft. Aber auch dort: keine Spur von den Kindern. Viel Hoffnung hat sie nicht mehr. Trotzdem meint sie: «Ich bete, dass sie überlebt haben.»

Die Eroberung der Großstadt auf der Insel Mindanao durch Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte vergangenes Jahr weltweit Schlagzeilen gemacht. So etwas kannte man bis dahin nur aus IS-Hochburgen wie Syrien oder dem Irak. Fünf Monate dauerte es, bis die philippinische Armee im Oktober über Marawi wieder die Kontrolle hatte. Bei den Kämpfen starben mehr als 1.200 Menschen. Geschätzter Schaden: mehr als 300 Millionen Euro. Es ist wie nach einem Krieg.

Fatima Lumabao gehört zu den fast 250.000 Menschen, die immer noch nicht in ihre Häuser und Wohnung zurück können. Die meisten von ihnen waren in einem Gebiet zuhause, das sie heute «Ground Zero» nennen – wie die Gegend um das World Trade Center nach den Terroranschlägen 2001 in New York. Viel ist hier nicht mehr übrig. Nach wie vor gilt auf der gesamten Insel das Kriegsrecht, mindestens bis zum Ende des Jahres noch.

Von den Häusern, die noch stehen, tragen viele schwarze Brandspuren und Einschusslöcher. Vieles ist das Werk der Islamisten, die auch Tunnel bohrten, um sich im Untergrund bewegen zu können. Aber auch die Luftangriffe der Armee trugen ihren Teil bei. Fatima klagt in ihrem Notlager, dass sie fast alles verloren habe. «Wer weiß, wie lange wir hier noch bleiben müssen. Manche sagen, ein halbes Jahr. Andere sagen, noch fünf. Nichts in unserem Leben ist mehr sicher.»

Die Aufbau-Helferin Samira Gutoc berichtet von ähnlichen Erfahrungen anderer Rückkehrer. «Für die Leute, die jetzt zurückkommen, ist das alles traumatisch.» Inzwischen leben in Marawi wieder 160.000 Menschen. Aber viele Filipinos machen um die Stadt sicherheitshalber einen großen Bogen. Nach wie vor ist die Armee massiv präsent. An so etwas wie Tourismus ist hier nicht zu denken.

Das Auswärtige Amt hat «angesichts der Sicherheitslage und akuter Entführungsgefahr» eine Reisewarnung herausgeben. Die Anführer des Sturms wurden alle getötet. Aber geschätzt wird, dass sich in der Umgebung noch mehr als hundert bewaffnete IS-Anhänger verstecken. Nach Angaben der Armee versuchen sie auch wieder, Leute zu rekrutieren.

Im nächsten Monat soll nun ein Wiederaufbau-Programm im Umfang von etwa 310 Millionen Euro anlaufen. Geplant sind breitere Straßen, eine Promenade und eine Kaserne mitten in der Stadt. Den Auftrag hat sich ein Konsortium unter chinesischer Führung gesichert.

Aber selbst bei der Armee ist man sich darüber im Klaren, dass das nicht reichen wird. Der Militär-Vize in Marawi, Oberst Romeo Brawner, sagt: «Der Wiederaufbau der Infrastruktur ist die eine Sache. Aber das Leben der Leute wiederaufzubauen ist noch schwieriger. Das kann eine Generation dauern.» Groß ist die Sorge, dass Angst und Unsicherheit dem IS neue Anhänger in die Arme treiben. Zudem gibt es Befürchtungen, dass sich das Szenario in der Region wiederholen könnte.

In muslimischen Staaten wie Indonesien ist der Einfluss von Islamisten größer als auf den Philippinen, dem einzigen katholischen Land hier. Politik-Professor Tan See Seng aus Singapur spricht von einer «Zeitenwende» in der terroristischen Bedrohung Südostasiens. «Das Ernüchternde ist, dass das andere Gruppen ermuntern kann, Marawi anderswo zu wiederholen. Oder schlimmer noch.»

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