Pflegenotstand in Deutschland – Die Rechnung geht nicht auf

Im Kampf gegen den bundesweiten Pflegenotstand sollen Fachkräfte aus dem Ausland helfen. Gesundheitsminister Jens Spahn will deren Anwerbung erleichtern. Doch seine Rechnung geht nicht auf.

Manila, Philippinen – Irgendwohin, ganz egal. Dass sie auf den Philippinen keine Zukunft haben würde, das wusste Maria Biolena schon, als sie zum ersten Mal die Universität in Quezon City betrat. Und das wussten auch alle anderen, die um sie herum in der Vorlesung saßen und genau wie sie Krankenpfleger werden wollten. Denn auf den Philippinen gibt es viel zu viele Pfleger für viel zu wenig Stellen. In großen Zentren üben sie an europäisch aussehenden Puppen und an medizinischen Geräten, wie sie in den USA verwendet werden. Wie alle überlegte auch Maria Biolena, wo sie später hingehen würde. Nach Nordamerika vielleicht. Oder Singapur, Saudi-Arabien?

Heute, elf Jahre später, sitzt die zierliche Philippinerin 10 000 Kilometer von zu Hause entfernt unter Kirschbäumen und blinzelt in die Sonne. Hier, im Innenhof des Klinikums Schwabing in München, ruht sie sich manchmal aus, wenn ihre Schicht auf der Frühchenstation vorbei ist. Seit zwei Jahren kümmert sie sich dort um die kleinen, schwachen Patienten.

Die Arbeitsbelastung ist hoch, die Sprache schwer. Viele gehen lieber nach Skandinavien

Vergangene Woche hat die große Koalition beschlossen, in einem Sofortprogramm statt der 8000 im Koalitionsvertrag vorgesehenen Stellen ganze 13 000 zusätzliche Stellen in Pflegeheimen zu finanzieren. Auch Krankenhäuser sollen mehr Mitarbeiter einstellen. Doch woher sollen sie kommen? Auf Stellenanzeigen antwortet kaum noch jemand, zu den Infoständen auf Karrieremessen kommt fast niemand. Zu unattraktiv sind die Arbeitsbedingungen geworden. Deshalb bemühen sich Einrichtungen zunehmend um Kräfte aus dem Ausland; auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will deren Anwerbung erleichtern. Aber können Pflegerinnen wie Maria Biolena den Notstand wirklich lindern?

Ein einfaches Ja oder Nein auf diese Frage gibt es nicht. Da ist der Heimleiter, der beteuert, ohne die ausländischen Pfleger „würde auf den Stationen das Chaos ausbrechen“, ja, das gesamte deutsche Pflegesystem würde kollabieren. Da sind die Pflegeexperten, die auf das große Ganze blicken, und für die Spahns Avancen zur leichteren Anwerbung nur Augenwischerei ist. Dennoch ist die Zahl ausländischer Pfleger in Deutschland nicht unerheblich: 130 000 Ausländer arbeiteten 2017 in der Alten-und Krankenpflege – das entspricht etwa jedem elften Pfleger.

Spricht man mit Menschen, die Pfleger aus anderen Ländern beschäftigen, stellt sich heraus, dass diese Fachkräfte zwar für einzelne Einrichtungen wichtig sind und dort über Engpässe hinweghelfen. Der große Wurf im Kampf gegen den bundesweiten Notstand ist mit ihnen aber wohl nicht möglich. Aus mehreren Gründen.

Projekte, die eine schnelle Lösung versprachen, indem man fünfzig oder sogar hundert Menschen gleichzeitig anwarb, sind fast immer gescheitert. So wie 2012beim Gesundheitskonzern Agaplesion: 50 Rumänen kamen nach Frankfurt. Deutschkenntnisse wurden nicht verlangt, dafür gab es Sprachkurse am Ort. Für die Anwerbung war damals Katalin Bordi zuständig. Sie musste zusehen, wie eine rumänische Pflegekraft nach der anderen zurück in die Heimat ging. Zwei Jahre nach Projektstart hatte jede zweite gekündigt.

„In dem Fall lag es vor allem an der Sprache“, sagt Bordi, „in anderen Fällen scheitert es an den Erwartungen.“ Pfleger aus EU-Ländern haben häufig studiert. Zu Hause dürfen sie Aufgaben übernehmen, die in Deutschland Ärzten vorbehalten sind. Sie seien überrascht, wenn sie hier Patienten waschen oder ihnen Essen geben sollen, sagt Bordi. In ihrer Heimat übernehmen das Angehörige oder Hilfskräfte.

Dass es nicht reicht, neue Mitarbeiter vom Bahnhof abzuholen und in den Dienstplan einzutragen, hat Bordi selbst erlebt. Wie viel Zeit und Unterstützung es bedarf, um sich in der Fremde zurechtzufinden, weiß sie, seit sie vor 16Jahren als Krankenschwester von Rumänien nach Deutschland kam. Damals lockten noch hohe Löhne, die Aussicht auf ein besseres Leben. Das sei heute anders, sagt sie, Pfleger aus der EU hätten kaum noch Interesse an Deutschland. Die Arbeitsbelastung sei zu hoch und die Sprache zu schwer. Viele gehen lieber nach Skandinavien, Österreich oder Großbritannien.

Ein Ansturm an Bewerbern wird also ausbleiben. Aber Kliniken und Pflegeheime stehen der Anwerbung ohnehin kritisch gegenüber. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung rechnet vor, dass von 2012 bis 2015 nur jedes sechste Unternehmen in der Pflegebranche aktiv versucht hat, Menschen aus dem Ausland anzuwerben. 60 Prozent der übrigen Unternehmen gaben an, sie würden auch in Zukunft auf diese Möglichkeit verzichten. Sie sei zu teuer und zu aufwendig. Auch die Prüfung der Abschlüsse sei mühsam, bis die Pfleger loslegen könnten, würden Monate vergehen. Und selbst dann, wenn sie als vollwertige Pflegefachkraft anerkannt sind, brauchen manche noch weitere Schulungen, um Lücken im Fachwissen zu schließen.

Viele Einrichtungen fragen sich deshalb, ob die Pflegeausbildungen im Ausland deutschen Ansprüchen überhaupt gerecht werden. Mit gängigen Ausländerklischees, etwa dem der aufopferungsvollen Asiatin oder dem des Südeuropäers, der seine Siesta braucht, hat das nichts zu tun. Vielmehr geht es um die Ausbildung im jeweiligen Heimatland. Rainer Ammende, der für das Städtische Klinikum München neue Mitarbeiter prüft, stellt immer wieder deutliche Unterschiede bei den Bewerbern fest: Pfleger aus Serbien oder Bosnien-Herzegowina hätten beispielsweise eine schulische Berufsausbildung mit wenig Praxis: „Sie sind viel im Klassenzimmer und haben auch noch Fächer wie Mathematik, Sport oder Literatur.“ Mit Philippinern, die vier Jahre lang studieren und sich danach zwei Jahre lang gezielt auf die Arbeit im Ausland vorbereiten, könnten sie meist nicht mithalten.

Ammende schlägt vor, in den Herkunftsländern Schulungen anzubieten: Wie das deutsche Pflegesystem funktioniert, welche Geräte es dort gibt, was von Pflegern erwartet wird. Zuallererst aber müsse sich in Deutschland etwas ändern: „Nur wenn die Löhne steigen, und man die Pfleger hier entlastet, werden wir auch als Anwerbeland wieder attraktiv.“

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