Jesczel Cruz – Von den Philippinen an die Isar

In den Kurven trägt es sie immer ein bisschen aus der Bahn, wenn sie das schwere Rollbett mit der Patientin darin linksrum oder rechtsrum schiebt. Dann suchen die rosafarbenen Turnschuhe von Jesczel Cruz auf dem blanken Krankenhausboden nach Halt und sie zieht wegen der Anstrengung die Augenbrauen zusammen.

Jesczel Cruz

„Wenn ich etwas nicht verstehe, helfen die Patienten“: Jesczel Cruz, 29, arbeitet seit 2016 in der Kardiologie des Klinikums Bogenhausen. Foto: ape

Manila, Philippinen – Sobald das Bett steht, lächelt sie aber gleich wieder einnehmend. Auch, als die Patientin, die gerade von einer Operation kommt, ein bisschen nörgelt. „Bis sieben muss ich liegenbleiben?“, fragt sie – die Sonne scheint noch mittagsgrell durch die Fenster des Klinikums Bogenhausen. „Bis halb sieben“, sagt Jesczel Cruz, „aber ja, leider.“ Und dann lacht sie ganz sanft, der Blumenanhänger an ihrer Kette funkelt, und die Patientin sagt „Oh Gott“, aber sie lacht mit.

In ihrer Heimat gibt es Palmen – in München Schnee. Und Arbeit

Seit 2016 lebt Jesczel Cruz in München. Geboren ist die 29-Jährige auf den Philippinen, in der Kleinstadt Pulilan, die etwa drei Stunden von der Hauptstadt Manila entfernt liegt. In Pulilan gibt es das Carabao Festival, bei dem festlich geschmückte Wasserbüffel durch den Ort getrieben werden, es gibt Palmen und die Temperatur liegt durchschnittlich bei 30 Grad. Im Januar.

In München dagegen gibt es einen Dialekt, den Cruz ziemlich schwierig, aber nett findet, es gibt Schnee, den sie vor ihrer Ankunft in Deutschland noch nie angefasst hatte – und es gibt Arbeit für sie.

Jesczel Cruz gehört zu den ersten Pflegekräften, die das Städtische Klinikum München (StKM) extra 12.000 Kilometer weit hat einfliegen lassen. Ihre Schwester hatte die Anzeige gesehen, über die ein Dienstleister nach Fachpersonal für das StKM suchte. „Ich habe mich beworben, einen Monat danach hat mir die Vermittlungsfirma gesagt, dass es klappen kann.“

Ein Vorstellungsgespräch im eigentlichen Sinne gab es nicht, aber ein Interview per Online-Videotelefonat mit der Klinikleitung. Ein Jahr dauerte das Prozedere von der Bewerbung über die Planungen, theoretischen und praktischen Tests und dem Visum, bis Jesczel Cruz in München ankam – zugeteilt der Kardiologie in Bogenhausen, weil die am dringendsten Personal braucht.

Sieben Monate hat Cruz auf den Philippinen bereits einen Deutschkurs gemacht bis zum Level B 1, in München noch einmal ein halbes Jahr im Fort- und Weiterbildungszentrum des Klinikums bis B 2 – berufsbezogene Sprachförderung. „Ich bin Ihre Krankenschwester“ lernt man da, oder „Ich wechsele jetzt Ihren Katheter“.

Im Inselstaat ist die Pflege-Ausbildung ein vierjähriges Studium

22 Pfleger und Pflegerinnen haben im Jahr 2016 wie Cruz über die Auslandsakquise an den städtischen Klinikstandorten angefangen . Auch das Rotkreuzklinikum betreibt Akquise in Südosteuropa und den Philippinen, das Rechts der Isar wirbt ebenso Fachpersonal im Ausland an.

Gerade sind 70 Pflegekräfte in München angekommen, die nun an den verschiedenen StKM-Standorten angelernt werden. Aus Italien kommen sie, aus Portugal, und eben den Philippinen, wie Jesczel Cruz.

Im Inselstaat Philippinen ist die Ausbildung zur Pflegekraft ein vierjähriges Bachelorstudium mit medizinischem Fokus – Pflegearbeit wie das Waschen der Patienten übernehmen die Angehörigen. Der Job hat einen guten Ruf, „in jeder Familie gibt es mindestens einen Menschen, der in der Pflege arbeitet“, sagt Cruz.

In ihrer Familie war es die Tante. „Sie sah immer so schön aus in ihrer weißen Kleidung“, sagt Cruz, „und sie durfte mit Menschen umgehen. Darum wollte ich das auch immer werden. Pflegen ist ein wichtiger Beruf, wir kümmern uns um die Leben der Leute.“

Trotz des hohen Ansehens werden Pfleger in Cruz‘ Heimat eher mäßig bezahlt : 300 bis 400 Euro pro Monat hat sie umgerechnet bekommen, als sie nach dem Studium vier Jahre in der chirurgischen Abteilung eines Privatkrankenhauses arbeitete.

Im westlichen Ausland sehen daher viele eine Chance. Der Vater von Jeczel Cruz wünschte sich auch für seine drei Kinder, dass sie einmal in einem anderen Land arbeiten.

„Ich hatte schon Angst, weil die Nationalitäten so verschieden sind“

Mit den Konsequenzen daraus musste die Tochter allerdings allein zurechtkommen – auch wenn es Begrüßungskörbe gab und eine Betreuerin aus der Abteilung Bewerbermanagement immer per Handy ansprechbar war. „Ich hatte am Anfang schon Angst, weil die Nationalitäten so verschieden sind“, sagt Cruz. „Und das Wetter! Die Kultur! Die Sprache!“

Inzwischen ist sie auf der Zugspitze gewesen, hat Münchner kennengelernt in der Arbeit und in der Wohnanlage in Neuperlach, in der die Personalabteilung ihr ein Ein-Zimmer-Appartment organisiert hat. „Und wenn ich mal einen Patienten nicht verstehe, dann hilft er mir, indem er ein. . .“ Sie zögert. Zupft an ihrem Kettenanhänger. „. . .ein Synonym sucht für das Wort, das ich nicht verstanden habe.“

Heute ist sie selbst Patin für eine der neuen Pflegekräfte von den Philippinen, die vor zwei Wochen angekommen sind . „Wir haben richtig Glück mit Jeczel gehabt“, sagt Bereichsleiterin Birgit Kaiser. „Die Kolleginnen und Kollegen aus dem Team sind ja die, die am meisten Zeit und Energie investieren. Da ist es schön zu sehen, dass was Positives bei rumkommt.“

Vor allem, da im Vertrag keine Klausel über eine zeitliche Bindung steht. Die Kräfte könnten jederzeit wieder gehen. „Aber das kann ja auch mit jemandem aus Hamburg passieren“, sagt Kaiser.

Und wann ist sie anerkannt, eine richtige Vollzeitkraft? Die junge Pflegerin presst die Lippen zusammen und nestelt an ihrem Namensschild herum, auf dem steht: „Pflegehelferin zur Anerkennung“. Es ist noch das alte Schild: Den finalen Test hat sie im Mai bestanden. Wie lief der? Cruz schweigt verlegen, also antwortet Birgit Kaiser für sie: „Bravourös!“ Jesczel Cruz, na klar: lächelt.

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