Hunderttausende Filipinos arbeiten in der Wüstenhitze für die WM in Katar

Katar hübscht sich auf für die Fußball-WM 2022 – und hunderttausende Gastarbeiter müssen in der Wüstenhitze schuften. Ohne die Arbeiter von den Philippinen würde im Wüstenstaat nichts gehen.

Khalifa International Stadion

Großbaustelle in Doha: das Khalifa International Stadion. Foto: JOERG BOETHLING

Sanft dudelt die Musik im Hintergrund. Der Gondoliere steht aufrecht in seinem Kahn. Mit elegantem Paddelschlag schippert er seine Passagiere, einen Vater mit seinem Sohn, die 150 Meter Kanal abwärts, vorbei an Schaufenstern und Cafés mit berühmten Namen. Der Himmel ist blau, ganz leicht von Wolken durchzogen.

Die Illusion ist perfekt. Ganz so, als wäre es ein echter Himmel über einem echten Venedig.

Villaggio

Venedig unter der klimatisierten Käseglocke: das Einkaufsparadies „Villaggio“ in Doha Foto: JOERG BOETHLING

Draußen 40 Grad, drinnen Klimaanlage

Alles ist klimatisiert, um von den knapp 40 Grad Hitze, die draußen herrschen, abzulenken und den zahlungskräftigen Italien-Liebhaber vergessen zu lassen, wo er sich befindet: in einer Indoor-Einkaufsmeile mit dem Namen „Villaggio“. Sie liegt neben einem 300 Meter hohen Wolkenkratzer, einem Hotel namens „The Torch“, das derzeit allerdings Gefahr läuft, dass ihm neue Gebäude höhenmäßig den Rang ablaufen. Das Einkaufsparadies „Villaggio“ und das Luxushotel liegen in der „Aspire- Zone“, dem Sportareal Dohas, der Hauptstadt des Wüstenstaates Katar.

Neben dem Hotel wird gerade das Khalifa-Stadion vergrößert, um auch dort die zur Fußballweltmeisterschaft 2022 erwarteten Besuchermassen fassen zu können. Nachdem Katar den hoch umstrittenen Zuschlag für die Fifa-WM erhalten hat, hat das Emirat begonnen, ein auf zehn Jahre angelegtes Infrastrukturprogramm für 180 Milliarden Euro umzusetzen. Alles hier muss größer werden, imposanter, neuer. Katar ist eine Baustelle. Und die Kataris sind solvente Bauherren wie wenige andere. Der niedrige Ölpreis schlägt sich in diesem Jahr zwar erstmals überhaupt im Haushalt mit einem Defizit nieder, aber die Kassen sind noch gut gefüllt. Darum sind sie alle hier, Firmen aus der ganzen Welt, die ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen.

180 Milliarden in zehn Jahren für die Infrastruktur

Im „Villaggio“ sitzt derweil eine Handvoll Gäste: die Herren in Weiß mit rot-weiß-karierter Kopfbedeckung, die Damen in Schwarz von Kopf bis Fuß. Es sind Besucher aus Saudi-Arabien, wo in dieser Woche Schulferien sind. Es ist früher Abend. In Venedig, Italien, wäre jetzt die richtige Zeit für einen Aperitif. Im Indoor-Venedig in Doha bleibt man öffentlich beim Fruchtsaft. Auch in der Hotelbar im 22. Stock des benachbarten Hotels „The Torch“, dessen Gäste über einen Panzerglas-Skywalk Zugang zu Villaggio-Venedig haben, enthält die Flasche, die nach Champagner aussieht, Limonade.

Der kleine Bruder Saudi-Arabiens ist in manchem liberaler, aber nicht in allem. Die 1,7 Millionen Ausländer, die hier 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen und die Arbeitskraft stellen, die das Land dringend braucht, dürfen eine Lizenz zum Kauf von Alkohol beantragen. Vergeben wird sie ab einem gewissen Einkommen.
Fensterputzer

Sisyphusarbeit: Zwei Philippiner reinigen Fenster eines Hotels in Doha, aber der Wüstenwind weht immer wieder neuen Sand herbei. Foto: JOERG BOETHLING

R. und B. fallen nicht unter diejenigen, die sich ein Bier kaufen können. Noch bevor man die beiden Männer erkennt, sieht man den Eimer: Er hängt an einem dicken Drahtseil und kommt langsam von oben herab ins Sichtfeld.

Dann erscheint R. an der Glasfront, die den Blick aus dem 22. Stock des Luxushotels auf den Umbau des Khalifa-Stadions freigibt. Die beiden Männer putzen die Fenster des Wolkenkratzers, acht Stunden am Tag. Wenn sie fertig sind, könnten sie gleich wieder von vorne anfangen. Der Wüstenwind treibt ohne Unterbrechung den Sand gegen die Scheiben. Für heute ist aber Schichtende. R. ist der Erste, der sich abseilt und über eine Sicherheitstür den Raum betritt. Ihm folgen drei, vier Arbeiter, alle von den Philippinen, alle für ein paar Jahre hier, um Geld zu verdienen und es heim zur Familie zu schicken. Geld, das man in ihrem schönen, aber tief korrupten Inselstaat Südasiens nicht verdienen kann.

„Die Arbeit ist hart, man kann sie nicht auf Dauer machen“, sagt R. „Jetzt ist es noch vergleichsweise kühl, aber bald steigt die Temperatur auf 50 Grad. Die Fenster reflektieren die Hitze, da kommt man schnell auf 70 Grad. Das ist dann unerträglich.“ Wenn die große Hitze kommt, müssen die Männer sechs Stunden am Tag arbeiten, nicht mehr acht Stunden wie derzeit. Aber auch die sechs Stunden Knochenjob sind schwer zu überstehen.

Immer wieder Kritik

Wegen der Zustände auf den Baustellen, wegen der Toten und Verunglückten ist Katar in den Ländern des Westens immer wieder stark in die Kritik geraten. Die Botschaften Indiens und Nepals publizierten Zahlen, wie viele ihrer Landsleute aufgrund der ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, der Hitze und der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen den Tod gefunden haben. Internationaler Gewerkschaftsbund und Menschenrechtsorganisationen machten die Missstände öffentlich und veranstalteten Befragungen, mit erschreckendem Ergebnis. Neben den zahlenmäßig größten Gruppen – Inder, Pakistaner und Nepalesen – arbeiten rund 200 000 Philippiner in dem Golfstaat.

Die allermeisten dieser Wanderarbeiter haben keine gut bezahlte und sicheren Bürojobs wie die Westler, die im Land sind. Sie arbeiten auf Baustellen, als Sicherheitspersonal, als Krankenschwestern und Hausmädchen. Sie bekommen Hungerlöhne, und vor allem: Das „Kafala“-System, das im ganzen arabischen Raum vorherrscht, trifft sie härter als alle anderen.

Nach Staatsbesuchen des Emirs in Indien und Nepal hatte das Kabinett Katars auf öffentlichen Druck hin die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert. Das Kafala-System setzt Arbeitgeber in die Position eines „Bürgen“, der darüber entscheidet, ob ein Mitarbeiter das Land verlassen oder den Arbeitgeber wechseln darf.

„Kafala“-System soll sich ändern

Die arbeitsrechtlichen Neuerungen sollen Ende dieses Jahres in Kraft treten. Zwar können dann Arbeitgeber auf katarischem Boden – der Großteil der Firmen ist in ausländischer Hand, aber mit einem katarischen Anteilseigner – immer noch ihre Mitarbeiter nach Belieben an andere Firmen untervermieten. Ihnen aber die Ausreise zu verwehren, wie das bislang der Fall ist, wird dann schwieriger.

Flor und Anna sind zwei Philippinerinnen, die es geschafft haben. Wir treffen sie auf dem Areal des „religious complex“, wo die katholische, die evangelische und die orthodoxe Kirche untergebracht sind. Freitags in der Früh, also am „Sonntag“ der Muslime, findet dort die Messe in der philippinischen Landessprache Tagalog statt, einige tausend Philippiner sind gekommen, das Gotteshaus ist brechend voll. Flor singt im Kirchenchor. Nach der Messe trifft man sich vor der Kirche und tauscht sich aus. Flor und ihre Schwester Anna arbeiten in guten Positionen bei Baufirmen.

Flor hat derzeit mit dem gigantischen Projekt „neuer Hafen“ zu tun, an dem 20 000 Menschen arbeiten. „Für mich war Katar eine große Chance. Was ich hier aufgebaut habe, hätte ich daheim auf den Philippinen nie erreicht“, sagt sie. Und was gefällt ihr hier im Wüstenstaat? „Die Sicherheit. Es wird nichts gestohlen. Wir bewegen uns frei, wir Frauen dürfen Auto fahren, was ihnen in Saudi-Arabien bis vor kurzem verwehrt war. Ich weiß hier, was der nächste Tag bringt“, sagt sie. Auch sie schickt Geld nach Hause, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder sind ohne die Mutter aufgewachsen, ihr Mann hat sich längst von ihr getrennt. „Einfach war es nicht, aber es war meine Entscheidung“, sagt sie.

Andere Frauen, die Krankenschwester Daisy zum Beispiel, finden bitterere Worte. „Das große Haus, das ich mit meinem Gehalt auf den Philippinen gebaut habe, ist alles, was mir von der Zeit hier bleibt“, sagt sie. „Wir alle hier verkaufen unsere Zeit. Wir verkaufen unser Leben, weil es zu Hause nichts für uns gibt.“

Schutzlos, wenn der Arbeitgeber den Lohn nicht zahlt

Die 56-Jährige kam 1989 nach Katar, Mann und Kinder leben auf den Philippinen. „Mein Mann war fünf Jahre lang mit mir zusammen hier, das war die beste Zeit. Dann aber wurde er krank und musste zurück. Ich habe hier gearbeitet, damit wir uns seine Behandlung überhaupt leisten konnten.“ Rückhalt hat Daisy, die in Katar niemals heimisch geworden ist, wie viele andere in der philippinischen Gemeinde gefunden.

Den Aufbau dieser Gemeinde hat Thelma begleitet. Thelma, die die anderen eine zweite Mutter Teresa nennen. „Ich kann offen sprechen“, sagt Thelma, „denn ich fliege in zwei Wochen heim nach Manila, ein für alle Mal.“ Als Thelma vor 37 Jahren mit ihrem Mann nach Katar kam, gab es auf den Straßen mehr Kamele als Autos. An den Bau einer Kirche in dem wahhabitisch islamischen Land war nicht zu denken. „Also stellten mein Mann und ich unsere Wohnung zur Verfügung, nachdem sich ein Priester aus Polen angeboten hatte, mit uns die Messe zu feiern.“

Seit zehn Jahren gibt es eine Kirche

Gemeindezentrum

Ein bisschen Heimat in der Fremde: Philippiner feiern die Messe in ihrem Gemeindezentrum. Foto: JOERG BOETHLING

Als ein Nachbar sie eines Tages bei der Polizei verpfiff, zogen Thelma und ihr Mann um – und feierten auch in ihrer neuen Wohnung wieder die Messe. Schließlich hatte der Emir ein Einsehen und erlaubte den Millionen Gastarbeitern den Bau von Gotteshäusern auf einem speziell ausgewiesenen und gesicherten Areal auf dem Boden seines Landes.

Seit zehn Jahren gibt es dort auch eine katholische Kirche. Zwar steht sie draußen in der Wüste, man kommt nur mit dem Auto hin, sie ist daher für die Massen der Arbeiter, die in den Industriezonen untergebracht sind, kaum zu erreichen. Aber immerhin. Mittlerweile führt auch eine Straße dorthin, nicht mehr nur eine Sandpiste wie zu Beginn. Bewaffnete Sicherheitsleute bewachen den Zugang, die Handtaschen werden durchleuchtet wie in den Sicherheitsschleusen der Flughäfen. Nicht jeder ist begeistert von so viel christlicher Präsenz auf muslimischem Boden.

Die Industriezonen sind der Teil Dohas, den Besucher nicht zu sehen bekommen. Sie schlendern durch die malerischen Souks, essen jeden Tag in einem anderen der zahlreichen Restaurants, bestaunen die architektonischen Glanzleistungen, die teuren Yachten im Hafen, die Läden, in denen es Maseratis, Dior-Roben und Rolex-Uhren zu kaufen gibt. In den Industriezonen wohnen die, die die Arbeit machen, damit andere den Luxus ungestört genießen können. Es sind die Unsichtbaren, die morgens in Bussen abgeholt und abends todmüde von Bussen in ihre Camps gekarrt werden.

Tausende Männer zusammengepfercht in Wohnungen, getrennt nach Herkunft

Abends ist ihr Blick starr vor Erschöpfung, die Gesichter sind grau, hager. Sie wohnen, umgeben von gestrandeten Lastern, denen ein Reifen geplatzt ist, der nie repariert wird. Zwischen Fässern, aus denen wenig vertrauenserweckende Flüssigkeiten tropfen. Es ist staubig hier und vor allem eines: Es ist eine Welt von Männern. Tausende von Männern leben hier, zusammengepfercht in Wohnungen, getrennt nach Herkunft, als habe jemand das hinduistische Kastenwesen nach Nationalität durchbuchstabiert.

Die Häuser sind neu gebaut, doch im Inneren bröckeln sie bereits: 25 Arbeiter aus Bangladesch im ersten Stock, im zweiten die Philippiner, darüber Nepalesen. Die Küche starrt vor Schmutz, gewaschen wird in Trögen, per Hand. Die Philippiner hier arbeiten in Nachtschicht. Sie sind Sicherheitsleute für die Luxusautos, die sich die Bewohner dieses Landes durch das Erdgas reich gewordenen Landes leisten.

N. ist einer von ihnen. Er stammt aus dem philippinischen Bulacan, war Kameramann bei der Regierung. Sein Dreijahresvertrag als Sicherheitsmann endet im Juli, dann kann er heim auf die Philippinen. „Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, hätte ich das nie gemacht“, sagt er und deutet auf die Verschläge, in denen er und seine Kollegen hausen. „Ich habe gedacht, dass ich das besser aushalte, getrennt von meiner Familie zu sein. Aber ich vermisse meine Frau und die Kinder sehr“, sagt er.

Das Schlimmste sei gewesen, als sein Arbeitgeber das letzte Mal den Lohn zurückgehalten hat. „Das war um Weihnachten. Wir waren verzweifelt. Wofür mache ich das denn alles, wenn ich an Weihnachten nicht einmal ein Geschenk für meine Kinder unter den Christbaum legen kann? Wofür hausen wir hier auf ein paar Quadratmetern als wären wir keine Menschen, wenn nicht einmal das möglich ist?“

Neben ihm sitzt A. auf seiner Pritsche. Er ist gelernter Metzger, Frau und Tochter leben in Rom. Seine Frau sei Hausmädchen in einer wohlhabenden italienischen Familie, die Tochter besuche sogar das Gymnasium. Früher habe die Metzgerei, in der er gearbeitet hatte, sogar Fleisch für den Vatikan geliefert, erzählt er. Aber auch in Südeuropa sei es schwer, Arbeit zu finden. In Katar lasse sich wesentlich mehr verdienen als in Rom. „Nach der Arbeit gibt es hier nichts zu tun, es gibt kein Leben für uns“, klagt er. „Ich bin das erste Mal im Mittleren Osten. Ich zähle die Tage, bis ich meinen Vertrag abgeleistet habe und nach Hause darf.“


Hintergrund

Katar, gelegen am Persischen Golf im Osten der Arabischen Halbinsel, ist nur gut 11 000 Quadratkilometer groß – das ist etwa ein Drittel der Fläche Baden-Württembergs. Etwa 100 000 Dollar beträgt das jährliche Pro-Kopf-Einkommen – eines der höchsten der Welt. Der Durchschnitt verschleiert indes, wie reich die angestammte Bevölkerung tatsächlich ist. Denn von den rund 2,4 Millionen Einwohnern sind nur rund 230 000 katarische Staatsbürger. Mitgezählt sind auch die 1,7 Millionen ausländischen Arbeiter in dem Emirat. Und die gehören zum großen Teil zu den Geringverdienern.

Reich geworden sind die Katarer durch steigende Preise für Erdöl und Erdgas. 1973 wurden die Ölquellen verstaatlicht. Anders als die Herrscher Saudi-Arabiens steigerten die katarischen Scheichs die Produktion von Jahr zu Jahr. Seit 1989 wird auch Erdgas gefördert. Das größte Gasfeld liegt vor der Küste. Katar verfügt nach Russland und Iran über die drittgrößten Erdgasreserven der Welt.

Als Emirat ist Katar eine absolute Monarchie, in der Menschenrechte wenig zählen. Der Kleinstaat steht auch in dem Verdacht, islamistische Terrorgruppen zu unterstützen. Auf der Gehaltsliste ist auch die radikale Palästinenserorganisation Hamas.

Dass die Fußball-WM 2022 ausgerechnet in einem Wüstenstaat stattfindet, stieß vielen Fans übel auf. Weil es in Katar im Sommer, wenn traditionell die WM stattfindet, bis zu 50 Grad hat, wurde die Veranstaltung auf November/Dezember verlegt. Dadurch kommt allerdings der Bundesliga-Spielplan durcheinander. Die Stadien müssen dennoch klimatisiert sein. Das Innere wird auf angenehme 27 Grad heruntergekühlt – mit Solarstrom.

Bei der Vergabe des WM-Ortes war sehr wahrscheinlich Bestechung im Spiel. Katar soll sich die Stimmen von Fifa-Funktionären gekauft haben. Es sollen mehrere Millionen Dollar geflossen sein. Schließlich empört sich die Weltöffentlichkeit auch über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Millionen Gastarbeiter, die die Stadien bauen. Auf den Baustellen kamen bereits zahlreiche Arbeiter ums Leben. Gewerkschaften befürchten, dass es bis 2022 mehrere tausend Tote geben wird.

Quelle

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