Kolumne – Wo lässt es sich als Frau am besten arbeiten?

Für eine Frau ist Island der beste Ort der Welt. Das zumindest suggeriert der WEF-Lohngleichheitsindex des World Economic Forum (WEF). Und auch Rwanda, Nicaragua und die Philippinen sind für Frauen diesbezüglich allemal besser als die Schweiz. Nur – warum migrieren Frauen nicht massenhaft dorthin? Wissen sie vielleicht mehr als das WEF?

Manila, Philippinen – Einmal mehr gibt es einen Grund, sich zu schämen, Schweizer zu sein. Die Rede ist von einer der vielen Ranglisten, bei denen die Schweiz wieder einmal übel abschneidet. Abgeschlagen auf Platz 21 liegt sie – weit hinter Nicaragua, Rwanda und den Philippinen und meilenweit entfernt von dem ewig strahlenden Dreigestirn der Vorbildlichen: Island, Norwegen und Finnland.

Es geht, wie könnte es anders sein, um Männer und Frauen und Gerechtigkeit, also um Gendergerechtigkeit. Die genannten Länder, angeführt seit neun Jahren von Island, gehören zu den Top Ten der frauenfreundlichen Nationen im Global-Gender-Gap-Index des Weltwirtschaftsforums (WEF). Dabei wird jeweils der Stand im Kampf gegen Lohndiskriminierung beurteilt, verglichen und in eine Rangliste eingeordnet.

philippinische Gastarbeiterinnen

2016 arbeiteten rund 2,2 Millionen Filipinos auf Basis eines Arbeitsvertrages als Gastarbeiter im Ausland. Manche Frauen sind dort der tödlichen Gewalt ihrer Arbeitgeber ausgesetzt, wie Joanna Demafelis, die in Kuwait getötet wurde. (Bild: Erik De Castro/Reuters)

Island hat im Kampf gegen die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen also unbestritten die Nase vorn, vor Norwegen und Finnland. Rwanda liegt auf Platz vier, vor Schweden und Nicaragua. Und was Asien betrifft, haben die Philippinen alle anderen hinter sich gelassen und schaffen es als bestes asiatisches Land auf Platz zehn der Rangliste, die Länder der ganzen Welt umfasst.

«Island ist der beste Ort, um eine Frau zu sein», schreiben der «Guardian» und die «Gulf Times». Der unangefochtene Spitzenplatz auf dem Feld der Lohngleichheit sei dem nordischen Land neidlos gegönnt. Es ist allein der pragmatisch denkende Geist, der sich angesichts dieses wiederholten Triumphes die lapidare Frage stellt, warum die Frauen nicht in Scharen dorthin migrieren, wo es angeblich am besten ist, eine Frau zu sein.

Island mit seinen gut 330 000 Einwohnern (und Einwohnerinnen) verzeichnet anders als die Schweiz mit ihren Defiziten gemäss Zahlen aus der Uno-Statistik eine negative Zuwanderung. Die Frauen sollen mit einem Bevölkerungsanteil von 49,6 Prozent eine Minderheit stellen – wenn auch natürlich eine starke. Auch in der ausländischen Bevölkerung Islands sollen Frauen in der Minderheit sein.

Mit solchen Spitzfindigkeiten soll hier natürlich niemandem die gute Laune verdorben werden. Gewiss hat die Auszeichnung des WEF jede erdenkliche Berechtigung. Und so sei auch die Wahrhaftigkeit der Erhebungen hier in keiner Weise infrage gestellt.

Und doch irritieren die Zahlen, weniger im Falle Islands als im Falle der Philippinen. Die philippinische Wirtschaft lebt wesentlich vom Geld jener Staatsangehöriger, die im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken. Laut dem philippinischen Statistikamt arbeiteten 2016 rund 2,2 Millionen Filipinos auf Basis eines Arbeitsvertrages als Gastarbeiter im Ausland. Über die Hälfte von ihnen waren Frauen, und fast 60 Prozent von ihnen verrichteten ausschliesslich elementare Arbeiten, zum Beispiel als Dienstmädchen in Privathaushalten in Asien und im Mittleren und im Nahen Osten. Allein in Hongkong arbeiten gegenwärtig rund 200 000 philippinische Hausmädchen, sechs Tage in der Woche, oft gebunden an unfaire Knebelverträge und jahrelang fernab der Heimat und der eigenen Kinder.

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Berichte über erbärmliche Arbeits- und Lebensbedingungen, über kaum vorhandene Rechte, schlechte Bezahlung und zu oft auch über entwürdigende Behandlungen durch Rekrutierungsagenturen und Arbeitgeber füllen nicht nur in Hongkong unzählige Zeitungsseiten und Gerichtsakten. Die akademische Diskussion am Genfer Schreibtisch über gleichen Lohn für gleiche Arbeit wirkt da wie der blanke Hohn.

Wo lässt es sich als Frau also nun am besten arbeiten? In Island, Finnland, Rwanda, Nicaragua, auf den Philippinen oder vielleicht doch in der Schweiz? Die Frauen, die wählen können, werden es schon selber wissen. WEF hin oder her.

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