Wann fällt der erste Schuss im Südchinesischen Meer?

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Manila, Philippinen – Die Spannungen zwischen Washington und Peking gewinnen in unregelmäßigen Abständen an gefährlicher Schärfe. Der jüngste Zwischenfall im Südchinesischen Meer ist ein deutlicher Beweis dafür.

Der Konflikt brach am vergangenen Sonntag aus. Nach Angaben der US-Seite beteiligte sich der Zerstörer „Decatur“ an einem „Einsatz zur Gewährleistung der Navigationsfreiheit“ unweit der umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer. Dabei soll ein chinesischer Zerstörer in einer Entfernung von weniger als 50 Metern an dem US-Schiff vorbeigeschrammt sein. Um eine Kollision zu vermeiden, mussten die Amerikaner ihren Kurs ändern.

In Peking erwiderte man, das US-Schiff wäre willkürlich ins Gewässer vor den Spratly-Inseln eingedrungen, so dass der chinesische Zerstörer „Luoyang“ sofort das getan habe, was er zu tun hatte: die Zugehörigkeit des Schiffes kontrollieren und seine Besatzung warnen, dass sie diesen Raum unverzüglich zu verlassen haben.

„China hat die unangefochtene Souveränität über die Inseln im Südchinesischen Meer und die daran grenzenden Gewässer“, verlautete aus dem chinesischen Außenamt.

Worum geht es eigentlich?

Neben den Spratly-Inseln streitet das Reich der Mitte mit Brunei, Vietnam, Malaysia und den Philippinen über die Zugehörigkeit der Paracel-Inseln (Xisha-Inseln für China) und das Scarborough-Riff (Huangyan Dao für China). Seit Ende 2013 bemüht sich Peking um den Bau von künstlichen Inseln in diesem Raum. Die USA und Japan werfen den Chinesen vor, diese künstlichen Inseln zu militärischen Zwecken nutzen zu wollen.

Die Volksrepublik besteht jedoch darauf, dass für die Destabilisierung der Situation im Südchinesischen Meer die USA und einige andere Länder verantwortlich sind.

Für Peking ist die Kontrolle über das Südchinesische Meer lebenswichtig, denn dort liegen die meisten Seeverkehrswege. Unter anderem werden durch dieses Gebiet die Energieressourcen aus dem Nahen Osten befördert.

Was die USA angeht, so finden im Südchinesischen Meer regelmäßig Einsätze zur so genannten „Gewährleistung der Schifffahrtsfreiheit“ statt, die Washington zufolge auch künftig durchgeführt werden. Das gilt nicht nur für das Meer, sondern auch für den Luftraum: So sind erst am 26. September mehrere B-52-Bomber der US-Luftstreitkräfte über dem Südchinesischen und dem Ostchinesischen Meer geflogen. Im Pentagon behauptete man, das wäre „Teil der langfristigen Präsenz der US-Bomber in der Region“ gewesen.

Natürlich lassen sich die Chinesen das nicht gefallen und ergreifen regelmäßig demonstrativ Gegenmaßnahmen. Dabei warnt Peking immer wieder, dass die USA mit ihrem Vorgehen einen bewaffneten Konflikt provozieren könnten. „Falls die US-Seite weiterhin so gefährlich und provokant handelt, könnten die See- und Luftstreitkräfte der beiden Länder in eine Notsituation geraten, wenn sogar ‚unbeabsichtigte Schüsse bei der Laufreinigung des Gewehrs‘ möglich werden“, hatte der Befehlshaber der chinesischen Marine, Admiral Wu Shengli, nach einem ähnlichen Zwischenfall im vorigen Jahr gewarnt.

Dennoch gehen die Amerikaner in der Region nach wie vor aktiv vor. Mehr noch: Das Weiße Haus bezeichnete China als größte Gefahr für die USA und löste einen Handelskrieg gegen das Reich der Mitte aus.

Unglaublich – und auch nicht wahr

US-Präsident Donald Trump erklärte, dass Washington über Beweise verfügen würde, dass auch China sich in den Wahlprozess in Amerika einmischen wollte. Denn die Importzölle, die China auf US-Waren verhängte, könnten die amerikanischen Landwirte gegen ihren Präsidenten aufbringen, so dass die Demokraten die für November angesetzten so genannten Halbzeitwahlen gewinnen könnten.

In Washington ist man auch der Auffassung, dass Chinas ständig wachsende Militärstärke für die Dominanz der USA im Asien-Pazifik-Raum gefährlich werden könnte. Das geht aus dem jüngsten Bericht des Pentagons über den Zustand der chinesischen Streitkräfte hervor. Darin wurde darauf verwiesen, dass China allmählich die Tradition aufgebe, vor allem auf das Heer zu setzen, und sehr intensiv seine Luft- und Seestreitkräfte sowie die Raketen- und Informationstruppen entwickle. Pekings Fliegerkräfte stehen der US-Luftwaffe in einigen Rüstungsbereichen kaum noch nach, während die Marine mit 300 Kriegsschiffen inzwischen die weltweit größte geworden sei.

In Peking weist man alle Vorwürfe, von ihm würden viele Gefahren ausgehen, vehement zurück. Chinesische Vertreter behaupten, dass die Volksrepublik schon immer auf das Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten geachtet habe. Unter anderem lässt sich vermuten, dass der jüngste Zwischenfall im Südchinesischen Meer einer der Gründe dafür ist, warum Peking am 1. Oktober hochrangige Verhandlungen mit den USA über das Thema Sicherheit absagte. Sie sollten im Oktober stattfinden, und daran sollten sich Pentagon-Chef Mattis und US-Außenminister Mike Pompeo beteiligen.

Warum die Verhandlungen abgesagt wurden, präzisierten die Chinesen nicht. Eines ist aber offensichtlich: Ihre Weigerung, einen Dialog mit dem Pentagon zu führen, ist ein Beweis dafür, dass sich China und die USA inzwischen am Rande eines „heißen“ Konflikts befinden.

Quelle

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