56. Viennale – „Nervous Translation“: Kindheit auf den Philippinen

Nervous Translation

Manila, Philippinen – Die Philippinen der 1980er-Jahre sind von der Vertreibung des Diktators Ferdinand Marcos geprägt. Wie vieles, das sie nicht versteht, ziehen die im Fernsehen gezeigten Ereignisse an der achtjährigen Yael aber fast unbemerkt vorbei. „Nervous Translation“ zeichnet die damalige Welt durch die Augen des schüchternen Mädchens und verzichtet auf Drama. Zu sehen bei der Viennale am 1. November im Metro.

Schon mit ihrem ersten Film „Big Boy“ widmete sich Regisseurin Shireen Seno der Kindheit auf den Philippinen. Ihrer Affinität zum Thema tat das offenbar keinen Abbruch. In ihrem neuen Film steht die schüchterne Yael (wunderbar minimalistisch gespielt von Jana Agoncillo) im Mittelpunkt, die versucht, sich in der Welt zurechtzufinden. Vom „Network for the Promotion of Asian Cinema“ wurde „Nervous Translation“ zum besten asiatischen Film gewählt.

Yael lebt in ihrer eigenen Welt, die im Film sehr langsam ausgebreitet wird. In dieser herrscht ein umfassend strukturierter Alltag – von einer „verrückten Minute“ in der sie mit einer nie gezeigten Freundin am Telefon Rechenbeispiele löst, bis hin zur dreißigminütigen redefreien Zeit, nachdem ihre Mutter Val (Angge Santos) ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kommt. Auch außerhalb dieser, weiß sich das Mädchen nur schwer auszudrücken.

Die Beziehung zur Mutter wirkt unterkühlt. Nur abends, wenn Yael ihr in einer amüsanten Einstellung für 25 Centavos pro Stück die weißen Haare vom Kopf rupft, herrscht echter Kontakt zwischen den beiden. An seinem in Saudi-Arabien arbeitenden Vater hängt das Mädchen; und auch Val verkraftet seine Abwesenheit nur schlecht. Einmal alleine, hört Yael im Verbotenen die Kassetten, die der Vater der Mutter schickt.

Von Vals „göttlicher“ philippinischer Küche ist da die Rede – höchstwahrscheinlich eine sexuelle Anspielung. Seno hat sich dem Blickwinkel der nervösen jungen Yael gänzlich verschrieben. Und so scheint es ganz natürlich, dass das Mädchen die Botschaft ihres Vaters wörtlich nimmt und Mahlzeiten am winzigen Herd ihres Puppenhauses kocht. Oder, dass Politik unwichtig ist und gesellschaftliche Situationen plötzlich erschreckend und überfordernd wirken.

Das Mädchen hat eine rege Fantasie, und so schleichen sich auch fantastische Bilder: Yael als Zombie, Yael beim In-die-Luft-Schreiben, ein überflutetes Haus. Was davon real ist, darüber lässt Seno ihre Zuseher rätseln. Das gefühlvolle Porträt des Mädchens ist der Regisseurin völlig geglückt. Auf Spannung hätte sie dabei allerdings nicht zur Gänze verzichten müssen.

(S E R V I C E – „Nervous Translation“ am 1. November um 19.30 Uhr im Historischen Saal im Metro und am 3. November um 23 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus bei der Viennale. www.viennale.at/de/film/nervous-translation)

Quelle

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