taz: Der bittere Geschmack von Zucker

sagay-negros-occidental-farmers_unterschlupf

Manila, Philippinen – Am 20. Oktober 2018 wurden neun Menschen auf einem abgeernteten Zuckerfeld in Sagay City, Negros Occidental, Philippinen erschossen.

Blutbad in Sagay City – 9 Zuckerrohrarbeiter bei Überfall getötet

Obwohl extralegale Tötungen auf den Philippinen täglich stattfinden, von denen es die meisten noch nicht einmal in die Schlagzeilen der Lokalzeitungen schaffen, hatte dieser Fall einen landesweiten Aufschrei zur Folge. Vielleicht lag es an der Zahl der Opfer, die sofort sämtliche Medien und sogar die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf sich zog. Er verkündete, er wolle an der Totenwache teilnehmen, da er sich aufgrund des jährlichen Masskara Festivals der Stadt Bacolod sowieso auf Negros aufhielt. Letztendlich war ihm dann aber das Wetter zu schlecht und er sagte den Besuch ab.

Auf Negros werden 48 % des philippinischen Zuckerrohrs angebaut. Der Markt wird von den Besitzer*innen der Zuckermühlen kontrolliert, die die Qualität und damit den Preis des Endproduktes bestimmen. Hier geht es aber um keine unabhängige Qualitätskontrolle, sondern um Geld. Je mehr Zuckerrohr jemand liefern kann, desto besser der Abnahmepreis und desto besser die angebliche Qualität. Kleinbäuer*innen haben damit keine Chance, denn für Zucker braucht man Land und dies ist im Besitz der Großgrundbesitzer*innen der sogenannten ‚Hacienderos‘. Sie gehören zumeist alten, reichen Familien an und nicht wenige von ihnen haben spanische Wurzeln. Aus der spanischen Kolonialzeit stammt nicht nur ihr Name, sondern auch ihr Besitz, ihre Macht und ihr Reichtum. Ebenso die Arbeitsverhältnisse, die oftmals noch feudale Strukturen aufweisen.

Philippinen Magazin - Hier könnte Ihre Werbung stehen

Eine ein Hektar große Zuckerplantage, oder ’Hacienda’, wirft einen Durchschnittsprofit von etwa 80 000 philippinischen Pesos im Jahr ab. Ein/e Zuckerarbeiter*in sollte laut philippinischem Arbeitsgesetz 295 Pesos am Tag verdienen, viele von ihnen werden allerdings nach der ‚pakyaw‘ Regelung, also nach Leistung bezahlt, zum Beispiel nach der Menge an geerntetem Zuckerrohr. Somit verdienen sie durchschnittlich nur 30 bis 50 Pesos am Tag, umgerechnet etwa 50 bis 80 Cent, das reicht zumeist noch nicht einmal für ein Kilo Reis. In anderen Regionen der Philippinen sinkt der Lohn zum Teil auf lächerliche 10 Pesos, also etwa 16 Cent. Die Arbeiter*innen der Zuckerplantagen sind damit eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen der Philippinen. Die Kinder können oftmals nicht zur Schule gehen, sondern helfen den Erwachsenen auf den Feldern. Dadurch haben sie keine Perspektive jemals auf andere Weise Geld zu verdienen und sich von den sklavenhaften Verhältnissen zu befreien.

Am schlimmsten ist die Zeit nach der Zuckerrohrernte, die sogenannte ‚Tiempo Muerto’ oder tote Saison. In dieser Zeit, bevor die neue Aussaat beginnt, gibt es keine Arbeit für die Zuckerarbeiter*innen und somit auch kein Geld. Es ist eine Zeit des Hungers und des Leids, die sich jedes Jahr aufs neue wiederholt. Die Arbeiter*innenorganisation NFSW (National Federation of Sugar Workers), die sich seit 1971 für die Rechte der Zuckerarbeiter*innen einsetzt, organisiert schon seit Jahren Besetzungsprojekte, ‚Oplan Bungkalan’, um den Arbeiter*innen eine Möglichkeit zu geben, die Tiempo Muerto zu überbrücken. Da sie kein eigenes Land besitzen und die Hacienderos ihnen verbieten, andere Feldfrüchte als Zucker anzubauen, besetzen sie ungenutzte Landstücke, die unter die philippinische Landreform fallen, um sie landwirtschaftlich zu bestellen. Durch den Anbau von Gemüse und anderen Feldfrüchten ermöglichen sie sich auch in der toten Saison eine kleine Einkommensquelle, um ihre Familien durchzubringen. 

Dasselbe hatte auch die Gruppe von Landarbeiter*innen vor, die sich am 20. Oktober auf das abgeerntete Zuckerfeld der Hacienda Nene in Sagay begab. Sie saßen gerade beim Abendessen unter einem provisorischen Unterstand aus einer Plane und zwei Bambuspfeilern, als das Massacker begann. Neun Menschen wurden erschossen, einige der Leichen wiesen auch Brandwunden auf. Nur drei Menschen, die sich zufällig gerade nicht bei den anderen befanden, überlebten. Unter den Toten waren auch zwei minderjährige Jugendliche. Die Polizei beschuldigt wie so oft die kommunistischen Rebellen (CPP/NPA) und hat Haftbefehle gegen zwei Mitglieder der NFSW ausgestellt, Rene Manlangit und Rogelio Arquillo. Beide sind auf der Flucht, ihre Häuser wurden durchsucht und zum Teil demoliert und es winkt eine Belohnung von 250 000 Pesos, wenn man der Polizei ihren Aufenthaltsort verrät. 

Ich spreche mit Rolando Rillo, dem Vorsitzenden der NFSW. Er antwortet offen und bereitwillig auf meine Fragen, aber ich kann nur erahnen, welche Erlebnisse hinter diesen Worten liegen. „Wir haben uns schon gedacht, dass die Polizei uns die Schuld zuschieben wird, um die wahren Täter*innen zu schützen“, erzählt Rolando mit ruhiger, bedrückter Stimme. „Dabei macht es gar keinen Sinn. Rogelios Neffe war unter den Opfern. Warum sollte er seinen eigenen Neffen erschießen?“ Er erklärt mir, dass die Zuckerbarone nicht nur die Industrie kontrollieren, sondern oftmals auch die lokale Politik und somit die Polizei und manchmal auch das Militär. Er ist überzeugt, dass die privaten Sicherheitskräfte der Landbesitzerin hinter dem Massacker stecken. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas vorkommt. Es ist ein Mittel um Arbeiter*innenaufstände niederzuschlagen, sie klein zu halten und ihnen Angst zu machen, sodass sie sich nicht trauen, sich gegen die Sklaverei zu wehren, in der sie sich befinden.

Nicht nur die Polizei ist auf der Seite der Landbesitzer*innen, sondern auch der Präsident. Nur wenige Tage nach dem Massacker warnte er in einer öffentlichen Rede davor, Besetzungen wie diese fortzuführen, da er keine Mittel scheuen würde dagegen vorzugehen: „Mein Befehl an die Polizei lautet, erschießt sie. Wenn sie sich gewaltvoll wehren, erschießt sie, und wenn sie sterben, ist es mir egal.“ Für Präsident Rodrigo Duterte säen Aktionen wie die Landbesetzungen Anarchie, für die Arbeiter*innen und Bäuer*innen bedeuten sie das Überleben. Der Präsident empfiehlt ihnen zu warten, bis er ihnen Land zuspricht. Er beruft sich hier auf die philippinische Landreform, die das landwirtschaftlich nutzbare Land gerecht umverteilen soll. Fakt ist allerdings, dass diese Reform nur sehr schleppend bis gar nicht umgesetzt wird, sodass das Macht- und Besitzmonopol der Hacienderos weiter besteht und somit auch die Armut und der Hunger der Landarbeiter*innen. 

Rolando schüttelt traurig den Kopf. „Das ist falsch“, sagt er. „Die Zuckerarbeiter*innen haben keine Chance sich zu verteidigen. Sie sind Opfer, die nach Gerechtigkeit verlangen und der Präsident legitimiert es sie zu töten, weil er ihre Handlungen als Terrorismus betrachtet.“ Trotzdem möchte die NFSW nicht aufgeben. Die Besetzungen werden weiter gehen, denn die Arbeiter*innen haben keine andere Wahl, solange sie von politischer Seite niemand unterstützt. Es heißt, essen oder hungern.

Rolando verlässt das Gebäude. Er telefoniert. Ich weiß nicht, wo er hingeht. Er kann nicht nach Hause, denn auch er wird verfolgt. Er hat Angst verhaftet oder ebenfalls erschossen zu werden, deshalb versteckt er sich. Am nächsten Tag berichten die Zeitungen, dass die Polizei die kommunistischen Rebellen und die NFSW beschuldigt, die kommunistischen Rebellen die Polizei und das Militär und die lokalen Aktivist*innen die Landbesitzerin und ihr Sicherheitspersonal. Außerdem soll es acht Zeugen geben. Ob ihre Aussagen die Tat jedoch aufklären werden, bleibt noch abzuwarten.

Quelle

Print Friendly, PDF & Email
Holiday Dream Home Angeles