Mikhail Reds Drogenkrieg-Thriller „Neomanila“ eröffnet das Exground Filmfest im Caligari in Wiesbaden

Der Drogenkrieg-Thriller „Neomanila“ eröffnet an diesem Freitag um 19 Uhr das 31. Exground Filmfest im Wiesbadener Caligari, das seit Jahrzehnten dem Independent-Film eine wichtige und zuverlässige Heimat gibt. In diesem Jahr richtet sich der Blick der Kuratoren mit einem Länderschwerpunkt nach den Philippinen.

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Manila, Philippinen – Ein hastiger Drogendeal. Ein gezielter Schuss in den Hinterkopf. Ein Bruder in einer restlos überfüllten Gefängniszelle. Jesus am Kreuz.

Ein zärtlicher Blick. Sex in einem abgestellten Zugwagon, der von Nasenbluten unterbrochen wird. Ganz langsam, Baustein für Baustein entblättert sich eine fremde Wirklichkeit und setzt sich zu einem Bild, einer Geschichte zusammen. Sie spielt im Manila der Gegenwart, mittendrin im erbarmungslosen „War on Drugs“, den Präsident Rodrigo Duterte vor zwei Jahren ausrief und von deren Folgen wir keine Vorstellung haben.

Reds „Neomanila“ eröffnet an diesem Freitag um 19 Uhr das 31. Exground Filmfest im Wiesbadener Caligari, das seit Jahrzehnten dem Independent-Film eine wichtige und zuverlässige Heimat gibt. In diesem Jahr richtet sich der Blick der Kuratoren mit einem Länderschwerpunkt nach den Philippinen.

„Neomanila“ ist die Geschichte von Toto, einem Waisenkind, dessen einziger Bruder im Gefängnis sitzt und erst dann wieder freikommt, wenn die Polizei einen Ersatz für ihn hat, einen anderen, den man beschuldigen kann. „Hast du schon einmal jemanden getötet“, wird Toto bald gefragt. Man sieht die Angst auf seinem Gesicht und auch wie er versucht, sie zu verbergen. „Nein“, sagt er. Aber er weiß, es ist wohl nur eine Frage der Zeit. Es ist aber auch die große Geschichte von Schuld und Unschuld, die der junge philippinische Regisseur Mikhail Red in düsteren Bildern und fast ausschließlich in der Nacht erzählt. Wer handelt aus welchen Motiven? Wer verkörpert das Gute, wer das Böse? Wie unausweichlich ist beides miteinander verwoben, wenn man überleben will, im Duterte-Manila der Jetzt-Zeit, das sich von der Allmacht der Drogen reinigen will und dabei selbst vernichtet? All diese Fragen hält Red souverän in der Schwebe, es gibt kein Schwarz und Weiß, es gibt auch keine Moral, es gibt nur eine Unmenge von Grautönen. Dabei gelingt ihm ein seltener Balanceakt: „Neomanila“ ist ein abgründiger, roher, brutaler, überraschender Neo-Noi r-Thriller und zugleich ist er auch zart, verletzlich, empathisch. Red blickt mit Abscheu auf den Moloch, der Manila heute ist, aber nur weil er das System verachtet, diese Selbstverständlichkeit des Mordens, heißt es nicht, dass er auch die Mörder hasst.

Die Auftragskillerin und der junge Waise Toto.

Toto trifft schließlich auf Imra, die ein Todeskommando anführt und sich dafür bezahlen lässt, Drogenverdächtige zu exekutieren. Ein Name, ein Foto, eine Adresse, mehr braucht sie nicht. Dealer, Abhängiger, ganz egal. Fragen werden nicht gestellt. Beim ersten Mal läuft Toto einfach nur mit, hält die Taschenlampe, während eine Familie in Sekunden ausgelöscht wird. Es ist nicht, dass er keine Wahl gehabt hätte, es passiert einfach so, nicht zwangsläufig, eher wie nebenbei. Imra und Toto spüren, dass sie sich brauchen, sie besetzen eine Leerstelle im Leben des anderen, hier der verschollene Sohn, da die fehlende Mutter. Red erzählt das lange nicht als Melodram, sondern verlässt sich auf seine Handkamera, die den Blicken und Bewegungen ihrer Protagonisten sehr genau folgt. Für einen Moment sehnt man sich sogar nach einem Happy End, nur wie sollte es aussehen, in Neomanila?

Vor ein paar Wochen äußerte sich der philippinische Machthaber Rodrigo Duterte zur Lage der Nation. Der „War on Drugs“, die Menschen-Jagd auf Dealer, Abhängige und Verdächtige, der bisher Schätzungen zufolge 20 000 Menschen zum Opfer gefallen sind, gehe weiter. „Unaufhaltsam und kalt“.

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