Dutertes Kampf gegen Drogen verstellt den Blick

Auf den Philippinen kümmert sich niemand um die Wurzel des Problems

San Juanico Viadukt

Manila, Philippinen – Die San-Juanico-Brücke gilt als schönstes Viadukt in Südostasien. In elegantem Schwung überwindet sie die zwei Kilometer breite Meeresstrasse zwischen den philippinischen Inseln Samar und Leyte. Ein halbes Jahrhundert lang hat sie allen Taifunen widerstanden, die vom Pazifik her jedes Jahr über den Osten des Archipels fegen. Selbst «Yolanda», der schlimmste Wirbelsturm, der 2013 die Stadt Tacloban und andere Küstenregionen verwüstete und Tausende von Todesopfern forderte, konnte dem anmutigen Bauwerk nichts anhaben.

Von «Yolanda» gezeichnet

Die Brücke, die früher nach dem Diktator Ferdinand Marcos benannt war, stammt aus einer Zeit, als die Philippinen sich ihrer modernen Infrastruktur rühmen konnten. Der Archipel war damals die am höchsten entwickelte Volkswirtschaft im Asean-Raum. Doch die Zeiten haben sich geändert.

900 km südlich von Manila fallen heute hauptsächlich Unterentwicklung und wirtschaftliche Kontraste auf: An beiden Brückenköpfen, bei Tacloban auf der einen und bei Santa Rita auf der anderen Seite, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Hütten sind baufällig, die Strassen voller Schlaglöcher, und überall liegt Abfall; vielen Menschen ist die Perspektivenlosigkeit anzusehen.

Laut Statistik hat das Land seit 1999 achtzig Quartale in Folge ein ansprechendes Wirtschaftswachstum hingelegt. Für das zu Ende gehende Kalenderjahr wird gar ein weiterer Anstieg des Bruttoinlandprodukts um 6,5 (2017: 6,7)% erwartet. Damit präsentieren sich die Philippinen seit längerem – zumindest auf dem Papier – als eine der vielversprechendsten Volkswirtschaften Asiens. Bei einer solchen Dynamik müssten eigentlich Millionen der Armut entflohen und müssten Fortschritte weitherum sichtbar sein.

Doch stattdessen sind die Philippinen heute «der kranke Mann in Asien». Die wirtschaftlichen Impulse konzentrierten sich auf den Grossraum Manila, wo ein Viertel der 105 Mio. zählenden Bevölkerung lebt. In den Provinzen merkt man davon wenig. Dort bleibt die Armut verbreitet. Auf Samar und Leyte leben die meisten immer noch von Landwirtschaft und Fischerei, was ihnen gerade das Überleben sichert. An den Küsten sind die Zerstörungen, die der Taifun «Yolanda» hinterliess, auch fünf Jahre später noch allgegenwärtig. Viele der neuen Siedlungen, die damals eilig für die Obdachlosen errichtet worden sind, sind für viele Familien zu klein und wirken bereits heruntergekommen.

Für die hartnäckige Unterentwicklung kann man zum Teil die zerstörerischen Naturkräfte verantwortlich machen: Das aus unzähligen Inseln zusammengesetzte Land ist klimatisch exponiert und wird durch Katastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Taifune immer wieder zurückgeworfen. Im Herbst brechen regelmässig Stürme über die fast 2000 km lange Ostküste herein und zerstören Plantagen und Infrastruktur.

Der Wirbelsturm «Mangkhut» etwa vernichtete 2018 Reisfelder, die einen Ertrag von schätzungsweise 250 000 t gebracht hätten. Das Land der weltberühmten Reisterrassen von Banaue, wo das Klima und der Boden eigentlich drei Reisernten zulassen würden, muss jedes Jahr Tausende von Tonnen Reis einführen.

Armut nährt Extremismus

Doch die Naturgewalten auf dem Archipel sind nicht die einzigen Bremsen der Modernisierung. Die San-Juanico-Brücke muss rund um die Uhr von der Armee bewacht werden. Auf Samar und auf Leyte sind nach wie vor kommunistische Rebellen der New People’s Army (NPA) im Untergrund tätig.

Sporadisch kommt es zu Anschlägen auf staatliche Einrichtungen und die Armee, und von Unternehmen werden «Revolutionssteuern» erpresst. De facto handelt es sich um Schutzgelder – oder um Korruption in anderer Form. Im Ranking des «Ease of Doing Business»-Report liegen die Philippinen bezeichnenderweise derzeit auf dem 124. Platz. Bei Korruption stehen sie auf Rang 111.

Mit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte im Juli 2016 war die Hoffnung aufgekommen, dass der jahrzehntealte Konflikt mit den Maoisten beigelegt werden könnte. Sie hat sich weitgehend zerschlagen. Nachdem der philippinische Kongress Mitte Dezember der Verlängerung des Kriegsrechts im Süden des Landes um ein Jahr zugestimmt hatte, kündigte die NPA umgehend neue Aktionen an.

Die Philippinen sind das einzige Land, dessen Armee gleichzeitig gegen eine kommunistische Guerilla wie auch gegen muslimische Separatisten kämpft. Die einen fischen mit ihrer Ideologie unter der landlosen Bevölkerung nach Anhängern; die anderen finden im muslimisch geprägten Süden Rückhalt. Die Rebellengruppen haben ideologisch wenig gemeinsam, doch verbindet sie die Tatsache, dass es die Armut ist, die ihnen Zulauf beschert.

Provinzen leben von Rimessen

Stärker als anderswo in Südostasien tritt auf den Philippinen auch der Kontrast zwischen ländlicher und städtischer Armut hervor. Die erstere wirkt etwas weniger elend als die letztere. Die Landbevölkerung kann sich immerhin ernähren, bleibt ohne Landreform aber ohne Perspektiven.

Da hilft, dass viele Familien noch auf einen Versorger – in zwei von drei Fällen eine Versorgerin – im fernen Ausland zählen können. Hongkong, Singapur, Saudiarabien, die USA und Kanada sind die wichtigsten Destination der 10 bis 12 Mio. Overseas Filipino Workers (OFW). Von deren Ersparnissen und Rimessen leben mitunter ganze Dörfer. Kein Land erhält pro Kopf so viel Geld von seiner arbeitstätigen Diaspora wie die Philippinen. 2018 werden es insgesamt etwa 34 Mrd. $ sein, also rund 2000 $ pro Familie.

Es wirkt fast paradox, dass Millionen von Filipinos, die in der Regel den ärmeren Schichten entstammen, jährlich Milliardenbeträge aus dem Ausland überweisen, die Reichen hierzulande aber kaum im eigenen Land investieren. In deren Gunst wie auch bezüglich Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen (FDI) steht das Land in der Attraktivität weit hinten. Unter den sechs höher entwickelten Asean-Staaten steht das Land regelmässig am Schluss und ist inzwischen sogar von Vietnam überflügelt worden.

Von den USA hatten die Philippinen 1946 ein demokratisches Regierungssystem geerbt; 40 Jahre später stürzte das Volk das Regime des zum Diktator mutierten Ferdinand Marcos. An den feudalen Strukturen, den Clans sowie den kolonialen Besitzverhältnissen hat sich indessen wenig verändert. Das Land, so befindet ein Kommentar dieser Tage in der angesehenen Tageszeitung «Inquirer», befinde sich in einer Abwärtsspirale und sei tief gespalten. Die Gräben verlaufen zwischen Reich und Arm sowie zwischen Stadt und Land, und man verfügt über familiäre oder politische Beziehungen oder eben nicht.

Die von Präsident Duterte propagierte «Build Build Build»-Initiative verspricht nur auf den ersten Blick Abhilfe. Sie konzentrierte sich bisher auf Grossprojekte, darunter die Erdölförderung im Südchinesischen Meer, und stützt sich weitgehend auf chinesisch finanzierte Vorhaben. Die Defizite in der Grundversorgung der Provinzen haben dagegen keine Priorität. Es fehlt auch nicht an Warnungen davor, dass die Philippinen bei der Verschuldunggegenüber China ins Fahrwasser von Pakistan und Sri Lanka geraten könnten.

Falsche Prioritäten

Schon wenige Kilometer nach der San-Juanico-Brücke fallen Schilder auf, die einen Fortschritt der anderen Art anzeigen: Plakate mit der Aufschrift «Drug-free Barangay» markieren Dörfer, die angeblich drogenfrei sind. Ein grosses Problem war der Drogenkonsum in den ländlichen Gebieten indessen nie; es handelt sich dabei in erster Linie um ein Phänomen in städtischen Zentren. Dort sind bis dato denn auch die meisten der 20 000 Toten angefallen, die Opfer geworden sind von Polizei und Auftragskillern. Der von Präsident Duterte in den vergangenen zweieinhalb Jahren verfolgte «Drogenkrieg» ist anscheinend aber auch auf Samar das alles beherrschende Thema.

Dutertes Kritiker halten dessen Strategie entgegen, dass der Kampf gegen Drogen nicht gewonnen werden könne, solange das tiefer liegende Problem nicht gelöst sei, nämlich Armut und Perspektivenlosigkeit. In wohlhabenderen Ländern möge die Nachfrage nach Drogen eine Wohlstandserscheinung sein, meint dazu etwa Bischof Pablo Virgilio David in seiner Diözese Caloocan, einer der ärmsten Gegenden Manilas. Hier haben bisher die meisten Exekutionen durch Polizei und Auftragskiller stattgefunden.

Auf den Philippinen, meint David, seien Drogenkonsum und Drogenhandel dagegen in erster Linie ein Symptom von Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Armut. Aus dieser Perspektive verstelle der Drogenkrieg den Blick auf die echten Probleme im Land.

Quelle

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Auswandern auf die Philippinen – Tablas Sunshine Village