Manila vor Kehrtwende

Atomkraftwerk Bataan

Manila, Philippinen – Der Energiebedarf der Philippinen wird sich einer Vorschau zufolge zwischen 2016 bis 2030 fast verdoppeln. Der prognostizierte Sprung von 11.500 Megawatt (MW) auf etwa 21.700 MW (plus 10.200 MW) lässt allerdings fragen: woher den zusätzlichen Strom nehmen?

Der Inselstaat ist bereits jetzt bei der Kohleverstromung zu 75 Prozent von Importen abhängig. Seit geraumer Zeit wird nun wieder über die nukleare Option debattiert. Konkret geht es darum, den einst kurz vor Bauvollendung eingemotteten Atommeiler auf Bataan, einer Halbinsel westlich der Hauptstadt Manila, doch noch in Betrieb zu nehmen. Zum Jahresende 2018 sprach sich nun auch Verteidigungsminister Delfin Lorenzana öffentlich dafür aus, ein Schwergewicht in der Regierungsmannschaft von Präsident Rodrigo Duterte.

Beistand kommt auch von Energieminister Alfonso Cusi. Der spricht mit Blick auf die Planung – für die er die Federführung hat – Medienberichten zufolge vom »Geist der technologischen Neutralität«. Der allfällige Verweis auf die nötige Energiesicherheit, um das »Land global wettbewerbsfähig zu machen«, deutet darauf hin, dass die Regierenden keineswegs abgeneigt wären, Bataan – eine Altlast der Ära Marcos – doch noch zu vollenden. 1976 wollte der damalige Präsident und Diktator Ferdinand Marcos dem südostasiatischen Inselstaat das erste Atomkraftwerk bescheren. Schon 1984 war das milliardenschwere Projekt weit gediehen. Doch nach Marcos’ Sturz zwei Jahre später wurde Bataan aufs Abstellgleis geschoben.

Alternativen vorhanden

Inzwischen stehen Alternativen zur Verfügung. In der Provinz Ilocos Norte im Nordwesten der Hauptinsel Luzon stammt der Strom mittlerweile nahezu komplett aus Windkraft. Begonnen hatte es mit der Windfarm in Bangui. Direkt am Strand stehen dort in einem Halbkreis, dem Küstenverlauf folgend, 20 Windräder, die von der Northwind Power Development Corporation betrieben werden. 15 davon wurden 2005 mit Hilfe einer Finanzspritze aus Dänemark errichtet. 2008 folgten die anderen fünf. Alle mit einer Nennleistung von 1,65 Megawatt und 70 Meter hoch.

Südostasiens ältester Windpark ist inzwischen sogar zu einer Touristenattraktion geworden. Etwa in der Mitte des Windradbogens haben sich diverse Ausflugslokale angesiedelt. Am westlichen Ende kann man auch in einem Resort mit Blick auf die sich beständig drehenden »Riesen von Bangui« übernachten. Wer dabei über das Wasser blickt, sieht auf der nächsten bergigen Landzunge Bauten eines Konkurrenzprojekts. Bei Pagudpud hat die North Luzon Renewable Energy Corporation (NLREC) mit dem Mischkonzern Ayala als Mehrheitseigner im November 2014 ebenfalls einen Windpark ans Netz gebracht, 27 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 81 MW. Gleich nebenan Richtung Südwesten in Burgos hat Bangui gleichermaßen Zuwachs bekommen. Dort drehen sich mittlerweile 50 Windräder mit einer Gesamtleistung von 150 MW. Burgos war zudem das erste Windkraftprojekt, bei dem der Betreiber für seine Netzeinspeisung feste Abnahmepreise garantiert bekam.

»Grüne« Tradition

Derzeit werden Pläne von NLREC geprüft, den Windpark Pagudpud ebenfalls auf insgesamt 150 Megawatt installierte Leistung auszubauen. Schon die ersten 20 Windräder von Bangui deckten seinerzeit 50 Prozent des Strombedarfs der ganzen Provinz, inzwischen lebt der Norden Luzons zum guten Teil von der Windkraftausbeute der drei Parks. Bereits Mitte der neunziger Jahre waren diese Standorte als die geeignetsten landesweit eingestuft worden. Inzwischen wird auch andernorts gebaut: So erklärte im zurückliegenden Jahr die Inselprovinz Guimaras, nur noch auf erneuerbare Energien setzen zu wollen. Dort steht mit San Lorenzo (27 Anlagen mit 54 MW Leistung) der vierte bereits operierende Windpark des Landes.

Eine weitere wichtige Quelle der Stromerzeugung auf den Inseln ist Erdwärme. 1979 und 1983 waren noch unter Marcos die ersten Geothermiekraftwerke gestartet, Japan und Neuseeland waren damals die technologischen Paten. Inzwischen gibt es an elf Standorten mehr als zwei Dutzend Anlagen in unterschiedlicher Größenordnung, die insgesamt knapp 2.000 MW Leistung zu liefern vermögen. Ein Schwerpunkt befindet sich in der mittleren Inselgruppe der Visayas. 2013 hatte der Tropensturm »Yolanda« etliche dieser Anlagen schwer beschädigt, bis 2017 waren alle wieder am Netz.

Die Philippinen haben mit ihren Windkraftprojekten bewiesen, dass konventionelle Kohleverstromung – wie auch die Nutzung der Atomkraft – nicht alternativlos ist. Zudem verfügt das Land über einige Erfahrung im Betrieb von Solar- und Wasserkraftanlagen. Entsprechend groß ist deshalb der Widerstand von Umweltgruppen gegen eine Inbetriebnahme von Bataan. Die Aktivisten hoffen darauf, dass die Debatte zügig in ihrem Sinne beendet wird – nämlich dann, wenn die dafür notwendige Modernisierung des Atommeilers einfach zu teuer werden sollte.

Allerdings ist der stetig steigende Strombedarf ein Riesenproblem für das Land mit seinen rund 107 Millionen Einwohnern. So sank der Anteil der Geothermie im Energiemix von 2016 auf 2017 um knapp zwei Punkte auf nur noch gut 15 Prozent. Und die Windkraft stagniert trotz der Zuwächse bei landesweit 0,3 Prozent und bleibt so ein Nischenprodukt. Zwar sind unter anderem mit Gas betriebene Kraftwerksneubauten vorgesehen – die auch für die Netzsicherheit wichtig sind. Doch noch will sich das Land nicht von der Kohle verabschieden.

Quelle

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